
Der Anwohner, der am Sonntagmorgen gegen 4.40 Uhr durch den Knall an dem Café an der Frankfurter Straße in Offenbach aus dem Schlaf gerissen worden ist, steht auch am Montagmorgen noch immer unter dem Eindruck der Tat. Die Wände hätten gebebt, berichtet er. „Es war so laut, dass mir klar wurde, dass das mehr als ein einfacher Böller war.“ Kurz darauf sah er Blaulicht von Polizei und Feuerwehr. Einige Nachbarn sprachen von einem Feuer, dass sie gesehen hätten. Andere nur von dem Knall. Lange blieb unklar, was es mit der Explosion auf sich hatte.
Erst am Morgen wird bekannt, dass ein Sprengsatz an dem Café an der Straße explodiert war. Und das war nicht die einzige Tat dieser Art. Nur etwa eine Stunde zuvor war ein Brandsatz an einem Kiosk im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen an der Mörfelder Landstraße gezündet worden. Und am Montagmorgen folgte gleich der nächste. Diesmal vor einem Wohnhaus an der Karoline-Veith-Straße in Frankfurt-Bockenheim.
Drei Taten im selben Stil, drei Tatorte. Zudem eine enge zeitliche Abfolge. Die Polizei ermittelt nun, ob die Brandanschläge miteinander in Verbindung stehen. Was aber schon jetzt so gut wie fest steht, ist die Tatsache, dass wohl alle Taten unter das Phänomen „Violence as a Service“ fallen. Das heißt, oft sehr junge Täter, in der Regel aus den Niederlanden, werden gezielt angeworben und dafür bezahlt, dass sie an Lokalen oder an Wohnhäusern Sprengsätze deponieren, die dann gezündet werden.
Inzwischen hat es im Rhein-Main-Gebiet zahlreiche Delikte dieser Art gegeben. Die Auftraggeber sind fast immer Akteure der organisierten Kriminalität. Oft geht es um Rauschgifthandel und offene Rechnungen. Oder um Schutzgelderpressungen. Nach der Explosion in Frankfurt-Sachsenhausen nimmt die Polizei am Sonntagmorgen einen Tatverdächtigen fest, der inzwischen dem Haftrichter vorgeführt worden ist. Er ist, wie andere Täter, die in der Vergangenheit angeworben worden sind, gerade einmal 15 Jahre alt.
„Teil des kriminellen Modells“
„Violence as a Service“ sei längst kein Randphänomen mehr, sagt Dirk Peglow, der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter. „Wir sehen zunehmend, dass Gewalt innerhalb krimineller Strukturen ausgelagert und regelrecht als Dienstleistung eingekauft wird.“ Besonders problematisch sei, dass dabei häufig sehr junge Täter eingesetzt würden, die mit den eigentlichen Auftraggebern überhaupt keinen persönlichen Kontakt hätten und deshalb keine Angaben über mögliche Hintergründe der Auftragstaten machen könnten.
„Diese Trennung ist Teil des kriminellen Modells. Wer die Tat ausführt, kennt häufig nur einen kleinen Ausschnitt des Gesamtgeschehens.“ Der Auftraggeber bleibe im Hintergrund, dazwischen könnten Vermittler, Rekrutierer und Unterstützer stehen. „Das macht es für die Ermittlungsbehörden deutlich schwieriger, von der konkreten Tat zu den eigentlichen Hintermännern zu kommen.“ Weiterhin schließe man damit aus, dass, im Falle von Festnahmen der ausführenden Täter, diese bei Vernehmungen Angaben zu ihren Auftraggebern machen könnten.
Europol wertet Taten aus
Peglow sieht in dem Vorgehen der Täter inzwischen ein Phänomen, das sich in ganz Europa zeige. So würden die Taten auf europäischer Ebene sehr gezielt ausgewertet. Bei Europol würden in der Operational Taskforce „Grimm“ Erkenntnisse aus mehreren Staaten zusammengeführt, Täter- und Rekrutierungsstrukturen analysiert und Zusammenhänge zwischen einzelnen Fällen herausgearbeitet. Deutschland sei an dieser Taskforce beteiligt.
Dass Hessen ebenso wie Nordrhein-Westfalen inzwischen regelmäßig betroffen sei, könne daran liegen, dass die beiden Bundesländer große Verkehrs-, Wirtschafts- und Logistikräume mit internationalen Verbindungen seien. Strukturen der organisierten Kriminalität seien dort mitunter besonders ausgeprägt. „Gerade bei grenzüberschreitenden kriminellen Netzwerken spielen vorhandene Kontakte, kurze Wege und die schnelle Verfügbarkeit von Personen und Logistik eine Rolle.“
„Regelrechte Rekrutierungsstrukturen“
Besonders besorgniserregend sei, wie professionell und gleichzeitig niedrigschwellig die Anwerbung inzwischen teilweise funktioniere. Europol beschreibe regelrechte Rekrutierungsstrukturen. „Am Anfang steht derjenige, der die Gewalttat bestellt und bezahlt. Ein Rekrutierer sucht dann nach Personen, die bereit sind, die Tat auszuführen. Dazwischen können weitere Personen stehen, die Fahrzeuge, Tatmittel, Unterkünfte, Kontakte oder die Bezahlung organisieren.“
Im Offenbacher Fall werden nun die Besitzverhältnisse des Hauses und des Cafés geklärt, um ein mögliches Motiv für den Anschlag zu finden, wie es bei der Polizei heißt. Auch dort schließe man nicht aus, dass die Tat in die „Violence as a Service“-Kategorie fallen könnte, jedoch werde derzeit noch in alle Richtungen ermittelt.
