Haben Sie Kästner gelesen?
Ja, mein Erweckungserlebnis war aber „Das doppelte Lottchen“, interessanterweise ausgelöst durch eine amerikanische Verfilmung aus den 1960ern mit dem Titel „Parent Trap“, die ich Ende der 1980er Jahre gesehen habe. Ich fand die Geschichte unglaublich, meine Eltern haben deswegen gesagt: Das basiert auf einem deutschen Kinderbuch, das könnte dir gefallen. Und so war es auch. Ursprünglich war es auch der Stoff, den ich immer mal verfilmen wollte, vielleicht auch wegen meiner eigenen Geschichte: Die Patchwork-Konstellation fand ich sehr spannend. Aber die Rechtefrage war kompliziert. Dann kam die Frage: Wie sieht es denn mit „Emil und die Detektive“ aus? Ehrlicherweise hatte mich das Buch als Kind weniger abgeholt, aber jetzt war ich genau im richtigen Alter, um Emil noch mal zu lesen beziehungsweise meinen Töchtern vorzulesen, um auch gleich zu schauen, wie die darauf reagierten. Den meisten Spaß dabei hatte aber ich.
Meine siebeneinhalbjährige Tochter hat gefragt: „Warum sind das alles nur Jungs?“ Womit sie total recht hat, bis auf Pony Hütchen natürlich. Antonia Scheurlen hatte das in ihrem Drehbuch schon toll aufgegriffen. So modern und zeitlos Kästner ist, stehen da doch einige Sachen im Buch, die man als Kind heute nicht mehr ganz versteht – aber sehr gut ins Heutige übersetzen kann. Ausschlaggebend für mich war, wie Kästner es geschafft hat, gesellschaftliche Themen wunderbar unterhaltsam zu verpacken. Er war ja durchaus seiner Zeit voraus: Im Fall von Emil ist da eine alleinerziehende Mutter, ein abwesender Vater, Geldprobleme. Und darunter liegen gesellschaftliche Themen, die auch jetzt verhandelt werden, es geht um Zusammenhalt, Vorurteile und technologische Entwicklungen, die Kinder und uns als Eltern vor Herausforderungen stellen. Es war wieder an der Zeit, dieses Werk zu verfilmen.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Die letzte Verfilmung von Franziska Buch ist 25 Jahre her.
Da war ich gerade 21 und war mein eigener Emil, war gerade nach Berlin gekommen und bin mit großen Augen durch die große Stadt gelaufen, monatelang. Ich habe mich daran erinnert, wie das damals war, aber weil ich jetzt auch die Elternperspektive einnehmen konnte, habe ich das Gefühl, dass ich die gesamte Welt, die Kästner damals entworfen hat, das erste Mal so wirklich begreifen konnte. Es ist ja toll, wie er es schafft, Bücher für Kinder und über Kinder zu machen, die aber gleichzeitig die Eltern und Großeltern nicht außer Acht lassen. Was einen guten Familienfilm ausmacht, hat Kästner in seinen Büchern immer schon angelegt.
Mir kommt Ihr Emil kindlicher vor als der von Kästner. Einmal wäscht seine Mutter ihm noch die Haare in der Badewanne.
Er ist genauso alt wie in der Vorlage, zwölf. Ich habe versucht, zu zeigen, dass es ein Alter ist, in dem man noch Kind sein darf. Ich habe aber das Gefühl, dass das durch die Einflüsse, denen Kinder schon in zu frühem Alter ausgesetzt sind, immer schwieriger wird. Auch der Emil im Buch muss erwachsener sein, als er ist, muss durch den Verlust seines Vaters emotional früher erwachsen werden, muss der Mutter im Laden helfen und sich selbst bekochen. Aber vielleicht deswegen bemüht sich seine Mutter auch, ihm die Kindheit zu erhalten. Ich bin auch in einer Patchwork-Konstellation aufgewachsen, ich kann nachvollziehen, wie es ist, wenn man sehr eng nur mit einem Elternteil ist und Angst vor einem Verlust hat. Ich habe bei meiner Schwester erlebt, die elf war, als unser Vater Helmut Dietl vor zehn Jahren gestorben ist, was das auslöst. Vielleicht ist auch deswegen die Sehnsucht so groß nach Freunden, denen man vertrauen kann. In der Badewannenszene fragt er dann ja: Wo sind diese Freunde? Und die Mutter antwortet: Die werden dich schon finden, die richtigen. Das gab es so bei Kästner nicht, aber das war mir wichtig.
Das ist Ihr erster Kinderfilm. Wie war’s?
Unsere Detektive sind zwischen neun und zwölf Jahre alt, wir sind tatsächlich von der Besetzung jünger geworden, als wir geplant hatten, Nicholas Peter, der Emil spielt, ist der Älteste. Ab einem gewissen Alter gucken Kinder mehr auf sich selbst, auf ihre Wirkung nach außen – einfach so zu sein, wie man ist, ohne Angst davor zu haben, als peinlich eingestuft zu werden, das hört eigentlich mit zwölf auf. Deswegen war es toll, mit diesen Kindern zu arbeiten, weil sie sich mit einer totalen Spielfreude ins Projekt geschmissen haben. Ich wollte einen Film machen, indem es auch darum geht, wie toll es ist, Kind sein zu dürfen.
Nina Chuba singt „Glatteis“ im Soundtrack, die junge Rapperin Zah1de spielt auch mit: Wie war das, als den Kindern klar wurde, wir sind ja mittendrin in unserer eigenen Playlist?
Ich habe beim Casting immer gefragt, was die Kinder für Musik hören, da kam immer wieder Nina Chuba, die ich auch selbst toll finde. „Glatteis“ hatte schon in der Vorbereitung das Gefühl für den Film gut in sich getragen. Zah1de kannte ich vorher noch nicht, muss ich ehrlicherweise sagen. Die war 14, als wir gedreht haben, es war toll, dass sie Lust hatte, mitzumachen. Ich war fasziniert davon, was für ein unglaublich großer Star sie in dieser Altersgruppe ist. An ihrem Drehtag wollten alle Kinder unbedingt da sein, auch die Kinder von Leuten aus dem Team.
Ihr „Emil“ spielt eindeutig heute. Das könnte ja auch ein Risiko sein, weil der Film in fünf Jahren fünf Jahre gealtert wirken dürfte. Gleichzeitig arbeiten fast schon märchenhafte Züge gegen dieses Zeitgefühl an, der Dieb Grundeis könnte auch eine Figur von 1905 sein.

Erst mal muss ich sagen: Jede Generation verdient ihren eigenen Emil, auch die letzte Verfilmung von vor 25 Jahren ist nicht nur eine gute Geschichte, sondern auch ein Zeitdokument der auslaufenden 1990er Jahre, als alles noch möglich war in Berlin. Ich wäre fast dafür, das so weiterzuführen, es sollte alle 25 Jahre einen „Emil“ geben, als Zeitkapsel. Ich hatte das Gefühl, es ist jetzt total an der Zeit dafür, wegen des gesellschaftlichen Klimas, wegen des technologischen Fortschritts. Aber weil wir auf der einen Seite so modern sind, ist es mir leichter gefallen, bei Grundeis dann so nah am Original zu bleiben, diesen Mann mit Hut so zu erzählen, wie er auch bei Kästner schon angelegt ist, Merlin Sandmeyer hat die Rolle toll ausgefüllt. Vielleicht ist es aber auch gar nicht so schlecht, dass es bei ihm märchenhaft wird, um den Kindern ein bisschen das Grauen zu nehmen, Grundeis betäubt und beraubt Emil ja. Aber es ist ja gar nicht so, dass er grundsätzlich was gegen Kinder hat, es kommt aus einer eigenen tiefen Verletzung in seiner Kindheit.
Gab es auch Überlegungen, den Film 1929 spielen zu lassen?
Die erste Verfilmung ist von 1931, Billy Wilder hat das Drehbuch geschrieben – dagegen will man ja nicht unbedingt antreten. Ich fand toll, dass die Themen, die behandelt werden, so aktuell sind wie eh und je, obwohl der Stoff 100 Jahre alt ist. Das hat natürlich auf der einen Seite mit Kästners Zeitlosigkeit oder Modernität zu tun, aber auch damit, wohin wir als Gesellschaft gerade wieder kommen. Deswegen fand ich es von Anfang an richtig, Emils Geschichte heutzutage zu erzählen, dass man sagt: Ja, es ist wichtig, dass wir zusammenhalten, dass wir als Gesellschaft spüren, dass wir gemeinsam stärker sind, dass man über Vorurteile hinwegschaut und sich unter die Arme greift, auch gerade in der jungen Generation.

Sie sind in München groß geworden, Kästner ist dort nach Kriegsende hingezogen. Wäre es denkbar gewesen, auch Emil dorthin zu verpflanzen?
Darüber habe ich nicht nachgedacht, ich war total froh, nach Berlin zurückzukehren, weil ich eine große Sehnsucht nach der Stadt hatte. Ich bin in München sehr behütet aufgewachsen und erlebe als Vater von jungen Kindern jetzt, dass die das auch dürfen, worüber ich sehr froh bin. Für einen Film ist aber Berlin das interessantere Pflaster. Ich entdecke hier immer noch Ecken, die ich nicht kenne und die mich faszinieren. Auch wenn sich der Film so echt und zeitgemäß und teilweise fast dokumentarisch anfühlt, sollte er eine Abenteuerreise erzählen, aus Mitte nach Lichtenberg ins Dong Xuan Center zur Sonnenallee und wieder zurück, all diese Level wie in einem Computerspiel. Die einzige Stadt in Deutschland, die ich kenne, die all diese Facetten zu bieten hat, ist Berlin.
Puristen werden sagen, dass ja gar nicht berlinert wird in diesem Film, nur Pony Hütchen macht das einmal fast demonstrativ. Aber das Ensemble ist so divers wie die Stadt und spricht auch so.
Das war auf jeden Fall der Ansatz. Ich mochte auch, dass es – abgesehen von Pony – noch ein weiteres Mädchen gibt, Ahn, gespielt von Ai Vy Bui, die tatsächlich Berlinerin ist, genauso wie Camille Moltzen, der Jason spielt, auch ein Berliner Junge ist. Pony Hütchen hätte vielleicht mehr berlinert, wenn die wunderbare Lara Toni Lüdders nicht aus Hamburg kommen würde. Wir haben versucht, uns an multikulturelle Berliner Lebensrealitäten von heute anzupassen und auch zu zeigen, dass all diese Kinder, die sich als Detektive zusammenschließen, ihre eigene Geschichte mit Ausgrenzung erlebt haben. Und zu zeigen: Es ist egal, woher du kommst, wie viel du hast, wenn du mit den richtigen Leuten zusammen bist, wirst du immer die Chance haben, Freunde zu finden und gesehen und angenommen zu werden, so wie du bist.
In den vergangenen Jahren haben Sie sich einen Klassiker nach dem anderen vorgenommen. Erst als Serie die Geschichte vom FC Bayern München, die ich jetzt mal dazuzählen würde, dann den „Münchner im Himmel“ von Ludwig Thoma, jetzt Emil. Gibt es einen Klassiker, von dem Sie die Finger lassen würden?
Gute Frage, ich würde sagen, das Gegenteil ist der Fall. Es hat mich mit jedem Film bestätigt, und ich hoffe, das wird bei Emil auch so sein, dass man sich nicht zurückhalten muss, dass es Spaß macht, Klassiker neu zu erzählen. Ich bin auch durchaus bereit, Erwartungen entgegenzutreten. Damit habe ich mich ja mein ganzes Leben lang schon auseinanderzusetzen gehabt, deswegen habe ich keine Angst vor Erwartungen und Herausforderungen. Wenn ich einen Stoff finde, der mich interessiert und bei dem ich das Gefühl habe, dass es sich lohnt, ihn wiederzuerzählen, auch aus meiner Sicht, dann werde ich davor nicht zurückschrecken.
Emil und die Detektive ist Ab 24. September 2026 im Kino.
