Viel war von Hoffnungslosigkeit die Rede bei den Betroffenen des verantwortungslosen Dopings im DDR-Sport. Faustyna Kunz, siebzig Jahre alt und mit ihrer Klage auf eine kleine Opferrente vor gut zwei Jahren vor dem Bundesverwaltungsgericht gescheitert, fragte bitter: „Wie lange wollen wir noch reden?“
Seit bald dreißig Jahren müsse sie sich alle zwei, drei Tage einer Immunglobulintherapie unterziehen, sagte sie bei der Veranstaltung „Zwang, Kontrolle und ihre Folgen“ bei der Stiftung Aufarbeitung in Berlin am Donnerstag: „Tumore finden sich trotzdem.“
„Wir haben eine hohe Sterberate bei unseren Kameraden“, konstatierte der ehemalige Boxer Andreas Wornowski, auch er im Publikum: „Ich weiß nicht, wie viel Zeit Sie noch haben.“ Das Versorgungsamt beschied seinen Antrag auf Rente abschlägig mit dem Hinweis, dass die Gründe für seine Schwerbeschädigung mitsamt Depression in der Wende von der DDR zum vereinten Deutschland lägen, nicht im Zwangsdoping und brutalen Training seiner Jugend. Sie seien nun um die siebzig Jahre alt, mahnte Eva-Maria Aey, Sozialberaterin beim Dopingopfer-Hilfeverein (DOH) und ehemalige Athletin: „Wir sterben alle weg.“
„Wir können nicht mehr“
Breite Zustimmung gab es für die Zusammenfassung: „Wir können nicht mehr. Wir glauben Ihnen nicht mehr.“
Und doch war die Hoffnung greifbar, als die Staatsministerin für Sport und Ehrenamt, Christiane Schenderlein, und die Bundesbeauftragte für die Opfer der SED-Diktatur, Evelyn Zupke, von ihrer gemeinsamen Initiative für die Überlebenden des von staatlichem Doping pervertierten DDR-Sports sprachen; davon, dass diese sich nicht allein mit der Erinnerung an die Dopingopfer-Hilfegesetze von 2003 und von 2017 begnügen müssen, durch die rund 1600 Betroffene mit Einmalzahlungen bedacht wurden.
„Es ist dramatisch, dass es viel zu lange gedauert hat“, kommentierte die Ministerin und versprach, dass sie noch in diesem Jahr ein Gesetz zur Rehabilitierung auch der Opfer von Zwangsdoping auf den Weg bringen wolle, eine Regelung analog zur Novellierung des SED-Unrechtsbereinigungsgesetzes zugunsten von Opfern von Zwangsarbeit und Zwangsumsiedlungen, das Anfang Mai den Bundesrat passieren soll.

„Ich bin optimistisch, dass wir das hinbekommen“, sagte Schenderlein, „zumal es Priorität hat.“ Die Federführung liege immerhin beim Kanzleramt. Den fraktionsübergreifenden Entschließungsantrag des Bundestages vom Januar 2025, eine Entschädigungsregel für Dopingopfer zu prüfen, versteht sie ebenso als Handlungsauftrag wie den entsprechenden Passus im Koalitionsvertrag. Die Regierungsfraktionen versprechen darin, „das Verwaltungsrechtliche Rehabilitierungsgesetz so (zu) ergänzen, dass es auch die Fälle des systematischen Dopings in der DDR grundsätzlich erfasst“. Die Opfer des DDR-Zwangsdopings verdienten Unterstützung und benötigten weiterhin Hilfe.
Schenderlein machte sich die Schätzung zu eigen, dass von 1974 an in der DDR 10.000 bis 15.000 Athletinnen und Athleten gedopt wurden. Sie sehe dessen Ausmaß und die Folgen, sagte sie. Der hohe Preis, den die scheinbar Siegreichen zahlen mussten für den sportlichen Erfolg, sei ihre körperliche und psychische Gesundheit.
Doping als Teil des Zwangssystems DDR-Sport
Sie werde bei ihrer Gesetzesinitiative von der grundsätzlichen Annahme ausgehen, dass Zwangsdoping im DDR-Sport diese Folgeerscheinungen ausgelöst habe; einzelne Nachweise sollen nicht erforderlich sein. Darin folgt sie der Überzeugung Zupkes, dass die von den Versorgungsämtern und zuletzt dem Bundesverwaltungsgericht geforderte Kausalkette von der Vergabe von Dopingsubstanzen zu deren Folgen falsch sei, schon allein, weil die Betroffenen über das Doping nicht aufgeklärt wurden, weil Doping geheim gehalten und Unterlagen darüber vernichtet wurden.
Doping sei lediglich ein Teil des Zwangssystems DDR-Sport gewesen. Es gehöre im Übrigen zu der von der Bundesregierung unterstützten Olympiabewerbung, „dass wir unsere Geschichte aufarbeiten und die Punkte klären, die wir noch nicht erreicht haben“, sagte die Ministerin. Das Bundesverwaltungsgericht entschied gegen Dopingopfer, weil im Fall Kunz nicht politische Verfolgung und Willkür vorlägen. Es forderte die Regierung auf, eine gesetzliche Regelung zu treffen.
Zupke machte deutlich, dass Betroffene von Zwangsdoping nicht typische Opfer wie die von politischer Verfolgung in der DDR seien. Sie seien vom SED-Staat missbraucht worden für den Hunger nach Goldmedaillen und internationaler Anerkennung. „Auch sie sind Opfer der SED-Diktatur“, sagte sie: „Auch sie brauchen Unterstützung und Hilfe.“ Das Rehabilitierungsgesetz sei Arbeit am Fundament eines werteorientierten Leistungssports.
Der Anteil von ehemaligen DDR-Leistungssportlerinnen und -sportlern mit Angststörungen, posttraumatischen Belastungsstörungen und Depressionen sei bis heute signifikant höher als in der Normalbevölkerung, sagte Jochen-Friedrich Buhrmann, ehemaliger Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an den Helios Kliniken Schwerin. Durch Zupkes Ansatz vermeide man wissenschaftliche Fehlannahmen. Es sei nicht das Gift, das die Erkrankungen ausgelöst habe, sondern die gewaltsamen Rahmenbedingungen, sagte er. Und mahnte: „Wenn ich eine Erkrankung erkannt habe, muss ich als Arzt sie sofort behandeln. Mit der Politik sollte es genauso sein. Die Probleme sind erkannt. Es gibt keinen Grund zu zögern.“
Der Vorsitzende des DOH, Michael Lehner, nannte die Initiative „die letzte Chance für die Politik, Vergangenes gutzumachen“. Das Pech der Dopingopfer sei gewesen, dass die Politik bei der deutschen Einheit vor allem Träumen anhing, stärkste Sportnation zu werden, dass die Goldseite gesehen wurde und nicht die andere Seite der Medaille. „Die Dopingopfer haben gestört.“
Nicht nur um die Sportlerinnen und Sportler von damals geht es bei der anhaltenden Aufarbeitung. Ein in schwerste Versehrtheit gedopter ehemaliger Turner fragte voller Sorge: „Hat meine Tochter etwas mitgekriegt von diesem Dreck?“ Wie eine Antwort klang die Beschreibung einer Betroffenen, Überlebende einer schweren Krebserkrankung, von deren Kindern, Drillingen, nur noch eines lebt, ein junger Mann von 22 Jahren. Er hat gerade die Diagnose Leberkrebs erhalten. „Auch für die zweite Generation läuft die Zeit“, sagt seine Mutter.
