Sie ist die am meisten gezüchtete und wie keine andere geschätzte Zierpflanze. Und das seit Jahrtausenden überall in der Welt: in Gärten der alten chinesischen Hochkultur, in Palästen im Römischen Reich, auf Feldern im Orient, in englischen Landschaftsgärten, in Parkanlagen und natürlich auf vielen Beeten vor der eigenen Haustür. Die Rede ist von der Rose. Warum das so ist, hat sich Madelaine Heck immer wieder gefragt, als sie die Leitung des Steinfurther Rosenmuseums übernahm. Die Kultureinrichtung widmet sich einer einzigen Pflanze.
Heck hat die Antwort gefunden: Die Königin der Blumen fasziniere nicht nur durch ihre wunderbare Blüte. Vielmehr spreche sie wie kaum ein anderes Gewächs alle Sinne an. Womit dann, wie sie sagt, auch das Thema für die erste von ihr konzipierte Ausstellung in dem Spezialmuseum feststand. Auf fünf sogenannten Sinnesinseln zeichnet die Schau die Kulturgeschichte dieser Wahrnehmungen nach.
Weil es bei einer solchen Schau um das Erleben gehe, habe es sich angeboten, ein interaktives Format zu wählen, sagt Heck. Die Besucher werden in die Ausstellung einbezogen und zum Mitmachen angeregt. So sollen sie etwa selbst Rosenblüten zeichnen, Gedanken und Gefühle zur Königin der Blumen aufschreiben oder eigene Pläne für einen Ziergarten skizzieren. Zudem verbindet die Ausstellung eine Präsentation historischer Exponate mit moderner Technik wie Videoclips und Audiostationen.

Die meisten Exponate stammen aus den Depots des Rosenmuseums, dessen umfangreiche Sammlung im Laufe der Jahrzehnte auf mehr als tausend Stücke gewachsen ist. Einige Raritäten hat Heck für die Ausstellung zusammengestellt, wie das Original einer Zeichnung aus dem Blumenbuch der Maria Sibylla Merian. Nicht zuletzt ist es das Ambiente mit in kräftigen, leuchtenden Farben gestrichenen Wänden an jeder Station, das auf die Sinneswahrnehmung zielt.
Rosenduft wirkt beruhigend
Seit jeher sind menschliche Nasen von den Duftstoffen der Rose, die je nach Blütenfarbe und klimatischen Bedingungen unterschiedlich sind, betört. Schon von der Antike ist bekannt, dass Rosenduft für Rituale und zum Wohlbefinden genutzt wurde. Die Techniken zur Gewinnung von Rosendüften haben eine entsprechende Tradition, wurden über Jahrhunderte verfeinert und gelangten über den Orient nach Europa. Dort blühte sozusagen später die Parfümdestillation auf. Die zeitgenössische Darstellung eines Parfümeurs mit einem ganzen Bauchladen voller duftender Waren zeigt das. An anderer Stelle werden moderne Studien zur Aromatherapie vorgestellt, bei denen es etwa um die beruhigende Wirkung von Rosenduft geht. Wer will, kann selbst diverse Proben nehmen und herausfinden, welche Assoziationen die Düfte hervorrufen.
Natürlich spielt das Sehen als Sinneswahrnehmung des Pflanzenreichs eine herausragende Rolle. Eine Vielzahl von Exponaten zeigt, mit welch unterschiedlichem Blick Künstler verschiedener Sparten die Rose dargestellt haben – von Malerei, Zeichnungen über Stickerei bis zur Bildhauerei. Wobei jede Technik einen anderen Blick vermittelt und damit einen anderen visuellen Zugang zur Rose, zu ihrer Blütenstruktur und ihrer Farbenvielfalt verschafft. Was auch für künstliche Rosen gilt, die schon in längst vergangenen Tagen gefertigt wurden und sich mit verfeinertem Handwerk heute kaum noch von echten Exemplaren unterscheiden, wie die Ausstellung vor Augen führt.

Was unserem Auge verborgen bleibt, offenbart moderne Technik. So öffnen Röntgenbilder und Mikroskop den Blick in die feinsten Strukturen von Rosenblüten und -blättern. Mehr noch, eine Filmsequenz zeigt im Zeitraffer das Wachstum einer Rose, was in der Natur oft nur in wenigen Millimetern am Tag geschieht, Veränderungen, die das Auge also nicht wahrnehmen kann. In Aufzeichnungen erinnerte sich Rosa Luxemburg daran, wie sie als Kind eine Knospe betrachtete und feststellte, dass sie sich nicht rührte. Erst beim Aufwachen am nächsten Morgen fand sie eine entfaltete Blüte vor.
Was das Hören betrifft, haben neuere Forschungen zur Phytoakustik gezeigt, dass Pflanzen Schall und Klang wahrnehmen und darauf mit Wachstum und Blütenbildung reagieren können. In der Schau geht es gleichwohl eher um die traditionelle Verbindung von Rosen und Musik. Also beispielsweise um Lieder und Gedichte von der Antike bis in unsere Tage als Hommage an die Königin der Blumen. Aber es ist auch anderes von der Rose zu hören. Etwa Geräusche, wie sie bei Anbau und Ernte auf den Feldern rund um den Bad Nauheimer Stadtteil Steinfurth charakteristisch sind, mit entsprechenden Erläuterungen von Rosenbauern.
Wenn es darum geht, die Rosen mit einem weiteren Sinn wortwörtlich zu begreifen, ist in erster Linie der Besucher gefordert. Wobei an den Taststationen die Ambivalenz der Rose zu spüren ist. Fühlen sich die Blütenblätter geschmeidig wie Seide an, ist die Begegnung mit den Stacheln schmerzhaft: Die Rose im Spiegelbild menschlicher Erfahrung eben, wie Heck sagt. Wichtig ist der Tastsinn aber besonders für Anbau und Floristik. So können Züchter beim Betasten erkennen, ob eine Rose frisch und gesund oder krank ist.
Weil Duft und Geschmack kaum voneinander zu trennen sind, findet sich mit Rosenextrakten Verfeinertes auf Tellern und in Gläsern. Gelee, Honig und Wein bekommen mit Rosenblüten angereichert eine besondere Note. Rosenwasser aromatisiert Gebäck und diverse Süßspeisen seit alters her besonders in der orientalischen Küche, wie die Schau erläutert. Hierzulande steht dafür Marzipan. Wer selbst ausprobieren möchte, was sich mit Rosenzutaten in der eigenen Küche alles machen lässt, für den gibt es eine Auswahl von Rezepten zum Mitnehmen.
Neben all dem widmet sich die Schau noch einer Art sechsten Sinn, was die Kuratorin als Einfühlen in die Natur bezeichnet. Zu sehen sind zahlreiche Darstellungen, auf denen Menschen mit Pflanzen verschmelzen, Köpfe zu Blüten mutieren, Arme zu Blättern, Füße zu Wurzeln und Rosen menschliche Eigenschaften zugeschrieben werden. Aber das wahre Wesen der Rose, sagt Heck, bleibe rätselhaft.
