Auch Pianisten müssen Stromrechnungen bezahlen. Die begeistertsten Musiker können Depressionen haben. Dazu kommt das, was nur Musiker haben: den schmerzhaften roten Geigerfleck am Hals, vom starken Druck. Trockene, entzündete Lippen bei den Bläsern. Das ist das eine. Die Gänsehaut, die mit der Emotion kommt, gerade live inmitten vieler anderer zu spielen, der „Rundumblick“, der alle Kollegen wahrnimmt, machen „das große Ganze“ eines Orchesters aus. Nur: Darüber denkt man nie nach. Nicht als regelmäßiger Konzertbesucher – und erst recht nicht, wenn einem die Welt der sogenannten klassischen Musik fremd ist. Am Ende von „Freispiel – Das große Ganze“ hat man das Gefühl, jeden einzelnen Musiker zu kennen.
Und so kann man im Lauf von 100 Minuten mit chorischen Passagen, mit Videoszenen und geschriebenen Botschaften viel erfahren, sehr viel lachen und bemerkt, in einem klugen Kniff gleich zu Beginn, wie sehr ein solches Offenlegen von Person und Profession die eigene Wahrnehmung und den Genuss der Musik erweitern kann. Grażyna Bacewicz’ Konzert für Streichorchester (1948) erklingt zu Beginn erst als Konserve und bringt das Orchester mitsamt seinen Instrumenten, die im Grunde Körperteile sind, zum Tanzen. Und wenn die begeisternde Dirigentin Friederike Scheunchen das dreisätzige, ultradynamische Werk dann dirigiert, ist auch die innere Bewegung, das Tun der Musiker nachzuvollziehen. Das trägt, in der klugen Dramaturgie von She She Pop, am Ende „La création du monde“ von Darius Milhaud (1923) in Musik, bewegten Bildern und Stimmung geradezu rührend zusammen. Von der orchestralen Wucht bei Bacewicz bis zum flirrenden Jazz Milhauds können die jungen Musiker ihr Licht leuchten lassen.
Die Stücke wie die Freispiel-Partner wählt das selbst verwaltete Orchester durch Ausschüsse, was für das mittlere Werk, „Connected Identities (Part I)“ (2017–2021), komponiert, gesungen und performt von Diana Syrse, sprach, erschloss sich angesichts dieser Mischung aus banalem Text, diabolischen Gesten und kaum moduliertem Dauer-Fortissimo nicht. Man wünschte sich, dieses überaus gelungene „Freispiel“ könnten mehr, vor allem junge Leute sehen. Denn das, was man in solch unterhaltsamer, kunstvoller und kompakter Form über „das große Ganze“ erfährt, lohnt das Weiterverbreiten allemal.
