Befinden wir uns längst schon in einem „postartifiziellen Zeitalter“ (Hannes Bajohr), in dem es nicht mehr darum geht, wer etwas geschrieben hat, sondern allein darum, was in einem Text steht? „Content“ ist zum Modewort geworden; um in den sozialen Medien relevant zu bleiben, braucht man „storytelling“ und „narratives“ – Geschichten also, die sich dank KI-gestützten Anwendungen mühelos bauen lassen. Welche Rolle aber spielen die geisteswissenschaftlichen Disziplinen, die sich traditionell mit dem Erzählen und mit Texten überhaupt befassen, angesichts der Proliferation von textbasiertem „content“ und der um sich greifenden Narrativierung der Welt? In den Debatten um die Herausforderungen von Large Language Models (LLMs) und KI-gesteuerten Textprogrammen ist der Druck auf die Geisteswissenschaften, besonders die philologischen Disziplinen, groß: Philologische und hermeneutische Kernkompetenzen stehen auf dem Prüfstand, nicht zuletzt auch deshalb, weil an den meisten Hochschulen in philologischen Studiengängen weiterhin Hausarbeiten als Prüfungsleistungen fest verankert und schriftliche Abschlussarbeiten als finales Produkt eines Bachelor- oder Masterstudiums obligatorisch sind.
Das zentrale Medium philologischer Expertise, Text, so scheint es, braucht nicht mehr mühsam erarbeitet und langwierig durchdrungen oder sich gar schmerzhaft abgerungen zu werden, die Maschine liefert in wenigen Sekunden gut lesbare Prosa. Wir befinden uns an einem historischen Wendepunkt der medialen Transformation, die unser Verhältnis zu Produktion und Rezeption von Texten nachhaltig verändert. Matthew Kirschenbaum prophezeit sogar eine „Textapokalypse“, eine sintflutartige Überschwemmung sich selbst generierender Textmassen, die unserer Kontrolle entgleiten und sämtliche Kommunikationskanäle verstopfen.
Untergangsprognosen überlässt man den Maschinen
Unter dem Eindruck der aktuellen Debatten fand unlängst am Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS) ein Workshop zur Lage der Anglistik und Amerikanistik im Zeitalter der KI statt, zu dem Gero Guttzeit, Anglist in München, eingeladen hatte. Die Teilnehmer wollten gerade nicht ins „doomsaying“, ins Prophezeien des Untergangs, verfallen, sondern vielmehr die kritische Reflexion in einem selbstbewussten Gestus der Literatur- und Kulturwissenschaften erproben.
Rebecca Roach (Birmingham) sprach über ihre Forschung an der Schnittstelle von Literaturwissenschaft und Informationstechnik und ihre Bedenken angesichts der Etablierung einer neuen, KI-basierten „Gesprächs“-Kultur. Eine unreflektierte Rhetorik des Gesprächs verschleiere die Einseitigkeit KI-gestützter Kommunikation. Wer glaubt, die durch „Prompts“ generierten Textpassagen großer Sprachmodelle produzierten kohärente, sinnhafte Texte, hat sich bereits täuschen lassen: Sinnhafte Bedeutung liegt im Auge des Betrachters; wir lesen die maschinell und probabilistisch generierten Wortketten deshalb als sinnhaft, weil unser Gehirn sie als das Resultat einer Gesprächssituation wahrnimmt und entsprechend einordnet. Roach rief zu einer Intervention der Literatur- und Kulturwissenschaften auf; mehr denn je seien eine reflektierte Textkompetenz und damit verbunden Aufklärung gefragt. ChatGPT und Claude sind eben keine Gesprächspartner, sondern das, was ein viel beachtetes Paper von 2021 als „stochastische Papageien“ bezeichnete: hochversierte Sprachkombinatorik.

Auf dem Workshop ging es auch um die affektive Dimension sowohl in den gesellschaftlichen Debatten als auch im Umgang mit KI. Sind KI-erzeugte Texte, wie Leandra Haßmann pointiert sagte, „seelenlos“? Diese Beschreibung fand nicht nur Zustimmung, fügt sie sich doch trotz ihrer Negativität ein in die quasireligiöse Aufladung von KI als gottähnlich oder prophetisch. Neben Schwarzen Löchern und der „Black Box“ finden sich Metaphern und Bilder aus dem Kontext des Schauerromans: KI als Mysterium, das durchaus Furcht erzeugen kann und das Unheimliche evoziert. Auch das Kaninchenloch aus „Alice im Wunderland“ wird oft bemüht: „going down the rabbit hole“, hinein ins Unbekannte der „Wunderwelt“ KI.
Geisteswissenschaften sind nicht nur für Ethik zuständig
Welchen Beitrag also können Literatur- und Kulturwissenschaftler zur Reflexion über die Chance und Risiken von KI leisten, der über die Funktion eines ethischen Kompasses hinausgeht? Zweifellos sind ethische Fragen wichtig, aber die Geisteswissenschaften werden gern (und vorschnell) auf einen Zuständigkeitsbereich reduziert, der ihrer methodologischen Vielfalt und Theoriestärke nicht gerecht wird. Der Freiburger Workshop zeigte einen Weg auf, der sich auf Offenheit, Ambiguität und Unabgeschlossenheit ausrichtet – und damit auf Aspekte, die im Totalitätsanspruch des Wissens auf KI-Plattformen in den Hintergrund treten oder sogar als Bedrohung wahrgenommen werden können. KI fördert nämlich gerade kein „symptomatisches“ Lesen, kein Lesen also, das auf Tiefe, auf versteckte, hintergründige oder unterdrückte Bedeutungen ausgerichtet ist. KI-generierter Text ist pure Oberfläche.
Diesem Lesen an der Oberfläche verwehrten sich die Workshop-Teilnehmer im Werben für das Aushalten dessen, was unabgeschlossen und offen ist. KI verspricht (und liefert) immer Antworten, lässt nichts offen, und suggeriert – halluziniert – damit eine Abgeschlossenheit und Finalität, die angesichts der Erfahrungshaftigkeit der Welt eine falsche Sicherheit bietet. Dies lässt sich auch in der Lehre umsetzen, indem man den kritischen und reflektierten Umgang mit LLMs konsequent erprobt und Studierende im Umgang mit Text – sei er maschinen- oder menschengeneriert – resilient macht für eine durch Unsicherheiten und Ambiguitäten geprägte Welt, in der Lese- und Interpretationsfähigkeiten eine neue Renaissance erfahren.
Letztlich nämlich haben die Geisteswissenschaften das Potential, zur Provokation für die Auseinandersetzung mit generativer KI zu werden, wie es ein 2025 veröffentlichter Aufsatz von Lauren Klein und sieben Ko-Autoren proklamiert. Unbequem zu sein und die probabilistischen Ergebnisse maschineller „Intelligenz“ in ihrer Papageienhaftigkeit aufzuzeigen, den technologischen Wandel historisch fundiert zu begleiten, auf Vorurteile in Datenmodellen hinzuweisen und die Illusion des Gesprächsformats aufzubrechen – dies sind nur einige der Provokationen, die geisteswissenschaftliche Forschung und Lehre sich vornehmen kann und muss. Es geht vielleicht nicht um die Seele im Text, aber um den Geist – und damit kennen sich die Humanities immer noch am besten aus.
