
Typisch, könnte man meinen, typisch für Wiener Verhältnisse. Schon bald nach Beginn erwähnt eine gewisse Kathrin (Name von der Dramaturgie geändert), 43 Jahre alt, wohnhaft im zwölften Wiener Gemeindebezirk Meidling, sie habe vor gar nicht so langer Zeit daran gedacht, ihr Leben zu beenden. Sie hatte einen Unfall, mehrere Knochen gebrochen, quasi totaler Stillstand. Aber jetzt, verkündet sie lachend, geht es ihr ja schon wieder viel besser, will sie sich auf das Hier und Jetzt konzentrieren.
Einige der Aussagen an diesem Abend klingen ähnlich, aber ebenso gibt es gegensätzliche Bemerkungen über fröhliche Episoden, schönes Ankommen in Wien, lustige Erlebnisse. Und sogar, nun, nennen wir es Reden über pseudowissenschaftliche Thesen, die ja – selbstverständlich, weil sie doch wahr sind! – von den Mächtigen unseres Planeten unterdrückt werden.
Viel Text, aber kein Drama
Intendant Milo Rau hat den schwedischen Dramatiker, Regisseur und Schauspieler Mattias Andersson zu den heurigen Wiener Festwochen eingeladen, ein Stück über die Wiener Bevölkerung zu machen. Nun ist, in Koproduktion der Festwochen mit dem Wiener Volkstheater, „Mythen des Alltags“ noch ein paar Mal bis Ende Juni auf der Bühne zu sehen. Wie schon in einigen seiner früheren schwedischen Produktionen hat Andersson dazu rund einhundert zufällig ausgewählte Menschen in Wien mit der Frage konfrontieren lassen, ob sie sich vorstellen könnten, irgendetwas aus ihrem Leben im Theater präsentiert sehen zu wollen.
Die Auswahl der Befragten entstand in Zusammenarbeit mit dem Institut für Soziologie der Universität Wien. Streng wissenschaftlich gesehen ist eine Auswahl von etwa einhundert Personen bei einer Einwohnerzahl Wiens von mittlerweile knapp über zwei Millionen freilich nicht sehr repräsentativ, aber für eine Theaterinszenierung müssen wir da ja nicht so genau sein.
Die Interviews mit den Menschen, so ist zu erfahren, wurden aufgenommen und dann für die Inszenierung mithilfe Künstlicher Intelligenz transkribiert. Sicherheitshalber dann aber noch von der Dramaturgie (Tobias Schuster, Assistenz: Johanna Ziemer) kontrolliert, wobei leider dennoch typisch Wienerisches etwas verloren ging. So ist es in Österreich und auch in seiner Bundeshauptstadt immer noch verbreitet, bei Erzählungen für vergangene Ereignisse das Perfekt und nur in Ausnahmefällen das Präteritum zu verwenden.
In die Rollen der Interviewten und der Interviewenden, meist die Texte demonstrativ vom Blatt lesend, schlüpft das achtköpfige Ensemble, bestehend aus Bernardo Arias Porras, Aleksandra Ćorović, Nancy Mensah-Offei, Paula Nocker, Karoline Marie Reinke, Vinzenz Sommer, Günther Wiederschwinger und Johanna Wokalek, abwechselnd und durchaus nicht geschlechtsspezifisch prädestiniert in oft wechselnden Kostümen und auf der auch recht häufig umgebauten Bühne (für beides zeichnet Ulla Kassius verantwortlich). Dazu treten auch noch oft und am Ende gar gemeinsam – und daher in diversen Sprachen und geplant auch großteils nicht mehr zu entwirren, durcheinander miteinander redend – viele Leute als Statisten auf. Man wird davon ausgehen dürfen, dass es sich durchgehend um ursprünglich Interviewte handelt.
Ein Stück, ein Drama gar, wird aus diesen vielen Texten dennoch nicht. Über Wien und seine Bevölkerung, übrigens rund zur Hälfte mit migrantischem Hintergrund und etwa einem Drittel ohne österreichische Staatsbürgerschaft, kann das Publikum aber schon etwas lernen. Es sind freilich auch Klischees dabei, aber wenn man sich diesen nicht ganz unanstrengenden knapp unter zweieinhalb Stunden hingeben will, kann man seinen Blick auf Wien ein bisserl erweitern.
