Nicht, dass dieser Irrlichternde im Weißen Haus doch recht behält und Amerika großartiger ist als der ganze Rest der Welt, bitte nicht. Bei der Landung auf dem Internationalen Flughafen von Los Angeles kommen uns jedenfalls quälende Zweifel. In Frankfurt überfliegen wir immer das Waldstadion der Eintracht, ein biederes Oval mit verschließbarem Dach und klobiger Anzeigetafel, das nicht anders aussieht als die meisten anderen Fußballstadien.
In Los Angeles hingegen werden wir wenige Sekunden vor der Landung vom SoFi Stadium begrüßt, das so extraterrestrisch anmutet, als habe George Lucas eines seiner Star-Wars-Raumschiffe im Süden Kaliforniens landen lassen: Eine lichtdurchflutete, tollkühn geschwungene, sich keilförmig dem Boden zuneigende Dachkonstruktion von monumentalen Dimensionen überspannt die Tribünen, die steil wie die Ränge eines griechischen Amphitheaters aufragen – ein Meisterwerk der technizistischen Eleganz, so viel ist nach dem ersten Blick schon klar. Und auf dem Dach des Stadions heißen uns 248.000 LED-Leuchten, die zu jedem beliebigen Schriftzug zusammengeschaltet werden können, herzlich willkommen. Frankfurt hingegen ist ein schweigendes, grünes Loch.
Eine futuristische Agora des Spitzensports
Fünf Milliarden Dollar hat das SoFi Stadium gekostet, mehr als jede andere Arena der Welt, dreiunddreißigmal so viel wie das Waldstadion, und allein dreißig Millionen Dollar pro Jahr lässt sich ein Finanztechnologieunternehmen aus San Francisco die Namenspatenschaft kosten. Seit 2020 tragen hier die Rams und die Chargers ihre Heimspiele aus, die beiden NFL-Mannschaften aus Los Angeles, doch in den nächsten Wochen muss der Football dem Fußball weichen. Acht Spiele der Weltmeisterschaft finden im SoFi Stadium statt, das sich der Welt als spektakulärste und modernste aller Sportstätten präsentieren kann: eine futuristische Agora des Spitzensports, getragen von himmelhohen Säulen, mächtig wie Redwood-Bäume, doch weiß wie die Gischt an Kaliforniens Stränden; eine kolossale, nach allen Seiten offene Konstruktion aus Stahl und Kunststoff, in der man sich zugleich drinnen und draußen fühlt, ganz so, wie es die Angelenos am liebsten haben; und ein Fanal der unerschütterlichen Zukunftszuversicht Kaliforniens, gekrönt von der gigantischsten Anzeigetafel der Welt, die als 100 Meter lange Schleife über dem Rasen schwebt, bestückt mit 80 Millionen Pixeln.
Gigantischer Imageschaden, katastrophale Verluste
Gigantisch sind auch die Zahlen, mit denen der Welt-Fußballverband FIFA hantiert. Sechs Milliarden Euro Gewinn erwartet er für die eigene Kasse und verspricht den USA 30 Milliarden Euro Zusatzeinnahmen dank der WM – aberwitzige Zahlen, an die angesichts von Donald Trumps grobianisch egomanischer Freundevergrätzungspolitik niemand mehr glaubt. Die amerikanische Tourismusbranche hatte dank dreier Großereignisse – Fußball-WM, 250 Jahre Unabhängigkeitserklärung und 100 Jahre Route 66 – hoffnungsfroh mit einem goldenen Jahr 2026 gerechnet. Doch dann brach der „Trump Slump“ wie ein Tsunami über sie herein: 2025 mussten die Vereinigten Staaten als einziges großes Ziel weltweit einen Rückgang bei der Zahl der Reisenden hinnehmen, während überall sonst Rekorde gebrochen wurden.
Auf 80 Milliarden Dollar beziffert die Branche die Einnahmeverluste bisher, die nicht nur unter dem Imageschaden durch den Antipaten im Weißen Haus leidet, sondern auch an den Einreisebeschränkungen, die er gegen 35 Länder verhängt hat, darunter viele Teilnehmer der WM. Mit größerem Andrang aus Haiti und Iran hatte zwar niemand gerechnet. Doch umso schmerzhafter ist, dass Fans aus Ländern wie Algerien, Senegal, Tunesien, der Elfenbeinküste oder den Kapverden bis vor Kurzem 15.000 Dollar Kaution zahlen mussten, wenn sie ihre Nationalmannschaften live sehen wollten – eine Regelung, die erst vor wenigen Tagen wieder gestrichen wurde.

Wie ein Pfeifen im finsteren Wald klingt da die Zuversicht von Kathryn Schloessman, die als Chefin der Los Angeles Sports & Entertainment Commission lieber nicht über Politik reden will und doch mit leisem Stöhnen bekennt, dass „das Weltgeschehen die Sache gerade nicht einfacher macht“. Sie hofft auf die unerschrockenen Fußball-Enthusiasten, die sich die WM trotz allem nicht entgehen lassen wollen, wird für sie zum Eröffnungsspiel des amerikanischen Teams in Los Angeles ein großes Fanfest veranstalten, außerdem zehn offizielle Fan-Zonen im gesamten Stadtgebiet einrichten und dafür sorgen, dass eine Fahrt mit den städtischen Bussen nicht zum Wucherärgernis, sondern regulär 1,75 Dollar kosten wird. „Wir werden im WM-Fieber sein“, verspricht Schloessman. Doch geht das in Los Angeles überhaupt?
Selbst ein Großereignis wie die Fußball-Weltmeisterschaft muss angesichts der unfassbaren Größe dieser 15-Millionen-Menschen-Megalopolis zur Randerscheinung schrumpfen. 200 Kilometer lang und 100 Kilometer breit ist die Metropolenregion, eine gewaltige urbane Urmasse, weder verdichtet noch verwoben, sondern wie ein oberirdisches Pilzgeflecht ins Unendliche wuchernd – auf den ersten Blick nichts weiter als ein uferloses Suburbia-Ungetüm, auf den zweiten aber eine Megastadt, deren Magnetismus man sich selbst als flüchtiger Besucher nicht entziehen kann. Dass der erste Eindruck täuschen kann, gilt an keinem anderen Ort auf Erden so sehr wie in Los Angeles.
Die einsamste und brutalste Stadt Amerikas?
Kein Gravitationszentrum hält dieses Monstrum zusammen, selbst Downtown ist nichts weiter als eine zufällige Anhäufung von Wolkenkratzern. Keine Diachronie zeugt von organischem Wachstum, keine Jahresringe hat diese Stadt, weil hier alles Synchronie ist, die Gleichzeitigkeit des immer Gleichen, Wohnhäuser, Einkaufszentren, Tankstellen, Fast-Food-Filialen, endlos reproduziert, erdrückend uniform, irritierend seriell, funktional bis ins gesichtslose Mark und so gnadenlos amerikanisch utilitaristisch, dass zwischen Wohnhäusern und Kinderspielplätzen noch Tausende altertümlicher Ölpumpen ihre Köpfe nicken, bis der letzte Tropfen der Erde abgetrotzt ist. Los Angeles erscheint nicht als der Inbegriff individualistischer Freiheit, dessen es sich selbst rühmt, sondern als ein Ozean der Gleichförmigkeit, in dem sich die Individualität auf Autokennzeichen mit persönlicher Buchstabenfolge beschränkt. Und so hat bis heute das Wort der Schriftstellerin Dorothy Parker Gültigkeit, dass Los Angeles 72 Vororte auf der Suche nach einer Stadt seien, einer endlosen, vergeblichen Suche.
Es ist paradox: Los Angeles ist zugleich omnipräsent und unsichtbar wie eine Schimäre. Jeder kennt die Stadt, jeder hat sie als Filmkulisse vor Augen, doch niemand könnte ein Bild von ihr malen. Und natürlich haben auch wir den Anfängerfehler gemacht, nach einem Ort zu suchen, den es gar nicht gibt, weil er wie Gerhard Richters monumentale „Stadtbilder“ umso unsichtbarer wird, je näher man ihm kommt – und ihm deswegen Unmenschlichkeit, ja Menschenfeindlichkeit attestiert. Doch dann haben wir begriffen, dass Los Angeles gar nicht die einsamste und brutalste Stadt Amerikas ist, als die sie Jack Kerouac bezeichnete. Denn schon nach wenigen Tagen sahen wir etwas ganz anderes: einen Kosmos, der jedes menschliche Maß sprengt und doch seinen Bewohnern eine Heimat gibt; der mit seinem apokalyptischen Verkehr und seiner absolutistischen Herrschaft des Autos ständig kurz vor dem Kollaps steht und doch nie kollabiert; der eigentlich viel zu groß ist, um funktionieren zu können, und es trotzdem erstaunlich reibungslos tut; der die Menschen wie ein Schwarzes Loch verschluckt, um sie dann wieder auszuspucken, ohne sie ihrer Lebenschancen und ihres Lebensmuts beraubt zu haben – einen Kosmos, in dem weder das Unglück wohnt, noch die Verzweiflung regiert.

Immer mehr Menschen sind uns mit der Zeit begegnet, die freiwillig nach Los Angeles gezogen sind und gerne hier leben, aus maximal unterschiedlichen Gründen. Und erst dann haben wir verstanden, dass Los Angeles nicht eines, sondern 15 Millionen Gesichter und dazu viele kostbare, strahlende Mosaiksteine hat, die man sich aus der urbanen Urmasse picken muss – so wie das Museum The Broad in Bunker Hill nahe Downtown, das einmal ein hochherrschaftliches Wohnviertel mit viktorianischen Villen war, bevor es Immobilienspekulanten in die gierigen Hände und wie so vieles der uniformen Gesichtslosigkeit anheimfiel.
Jetzt versucht man dem Quartier eine neue Seele einzupflanzen, mit Frank Gehrys silbern glitzernder Walt Disney Concert Hall und dem Museum des Immobilienmilliardärs, Kunstsammlers und Philanthropen Eli Broad, der eine der bedeutendsten Sammlungen zeitgenössischer Kunst in Amerika zusammengetragen hat. Wir staunen über Andy Warhols Suppendosen, Robert Rauschenbergs Sternenbanner, Andreas Gurskys vier deutsche Kanzler bei der Betrachtung eines monochromen Gemäldes von Barnett Newman, über jede Menge Basquiat, Kiefer, Sherman, Twombly, Murakami, lauter Werke der allerersten Kategorie, die sich dem synchronischen Furor diese Stadt entgegenstellen und eines Tages zu einem Jahresring werden wollen, zu etwas Bleibendem, Unumstößlichem, Unantastbarem, fast Unmöglichem in Los Angeles.
Fleisch gewordene Schaufensterpuppen
Dem Memorial Coliseum ist dieses seltene Kunststück der Diachronie schon gelungen. In zwei Jahren wird es zum einzigen Stadion der Welt werden, das dreimal Olympische Spiele beherbergt haben wird, 1932, 1984 und 2028. Es ist ein National Monument wie das Lincoln Memorial in Washington oder Mount Rushmore in South Dakota und eine wunderbar altehrwürdig altmodische Sportstätte, deren einziger Tribut an die kapitalistische Postmoderne die VIP-Logen sind, zu mieten für 80 Millionen Dollar pro Stück. Alles andere ist Vergangenheit: Bronzetafeln ehren Football-Helden vergangener Tage und sämtliche olympischen Goldmedaillengewinner. Ein Torbogen im Art-déco-Stil, gekrönt von einer mächtigen olympischen Fackel, heißt die Besucher wie siegreiche Cäsaren willkommen.
Davor machen zwei originale Steinquader aus dem griechischen Olimpia und dem römischen Kolosseum, dem architektonischen Vorbild des Stadions, der Historie die Honneurs. Und vom obersten Rang blicken wir weit über die amorphe Riesenstadt, die illusionistische Downtown, den berühmten Hollywood-Schriftzug und die Villen der Superreichen, die sich wie vergoldete Adlerhorste in die Bergflanken von Beverly Hills krallen. Wir bilden uns sogar ein, die teuerste Immobilie Amerikas zu erspähen, die dort gerade zum Verkauf steht, das 400-Millionen-Dollar-Anwesen der Herrscherfamilie von Doha, 59 Badezimmer inklusive.
Microneedling und New Morpheus Blast im Angebot
In Beverly Hills erleben wir mit fassungslosem Staunen, wie rigoros manche Menschen in der Stadt der Engel deren Namensgebern nacheifern: Auch sie wollen unsterblich sein und geben ein Vermögen für den illusorischen Traum des ewigen Lebens aus. Die Parole „Rejuvify“ schreit uns überall an – ungehört von den vielen Obdachlosen, Halbwahnsinnigen, Drogensüchtigen, die hier genauso zur Folklore gehören wie flunderflache Supersportwagen. Überall sehen wir Schönheitsinstitute, die nicht nur Abnehmspritzen und Detox-Behandlungen verabreichen, sondern sich auch auf Body Sculping und Microneedling, CO₂-Facials und New Morpheus Blast, PDO und PRD spezialisiert haben, was auch immer das sei. Wir sehen Frauen aus deutschen Luxuslimousinen aussteigen, die uns an Fleisch gewordene Schaufensterpuppen erinnern, würden uns nicht wundern, wenn sie in Wahrheit dreidimensionale KI-Geschöpfe wären, und bekommen beim Abendessen dann endgültig die Bestätigung, wie sehr Andy Warhol bis heute mit seiner Feststellung recht hat, dass alles in Los Angeles aus Plastik sei.

„Sushisamba“ heißt unser Restaurant auf einer Dachterrasse mit Blick auf die Villen von Beverly Hills, das zurzeit die liebste Selbstdarstellungsbühne der Reichen und Berühmten, der Schönen und Schöngemachten ist. Zu japanisch-mexikanisch-brasilianischer Küche und Partymusik vom Live-DJ ist genug Silikon rund um uns versammelt, um ein komplettes Olympia-Schwimmbecken zu verfugen – oder aber um aus gewöhnlichen Menschen Geschöpfe von solcher Perfektion zu machen, dass selbst der Liebe Gott neidisch werden würde.
Der Jungbrunnen muss gefunden worden sein. Er sprudelt irgendwo in Bel Air oder Beverly Hills und bringt derart sensationelle Resultate hervor, dass wir uns beim Erraten des Alters der Stammgäste mithilfe eines Komplizenkellners locker um 30 Jahre verschätzen – Mütter werden zu Töchtern, Großmütter zu Teenagern, Pensionäre zu Dorian Grays, der Fluch der Vergänglichkeit ist besiegt. Und alle Menschen sind hier so ungeheuerlich gut gelaunt, wie es ihr Kontostand gebietet und ihr Therapeut es sich wünscht, alle entblößen pausenlos ihr gespenstisch makelloses Gebiss, und ausnahmslos alle Damen haben sich als Lippen das Modell doppelte Nacktschnecke machen lassen, was sie allesamt wie Cousinen aussehen lässt. Immerhin sind Gäste und Personal bunt gemischt. Weiße und schwarze, hispanische und asiatische Amerikaner sitzen so unterschiedslos am Tisch, wie sie Tabletts schleppen – und geben uns das schöne Gefühl, dass Kalifornien trotz der Glitzer-und-Glamour-Oligarchie von Beverly Hills noch immer eine offene Gesellschaft ist, die ihren amerikanischen Traum lebt.
Man schießt seiner Frau kein Auge aus dem Kopf
Der Griffith Park ist für die Hochtechnologielebensverlängerungsfanatiker von Beverly Hills bestimmt viel zu profan, also genau das Richtige für uns. Der größte städtische Park in den Vereinigten Staaten, fünfmal größer als der New Yorker Central Park, liegt am Rand von Hollywood nur zehn Kilometer von Downtown entfernt, ist eine bergige Klapperschlangen-Wildnis voller Pinien und hat eine wilde Geschichte. Sie beginnt im 18. Jahrhundert mit einer Missionsstation der Spanier, wird vom Großgrundbesitzer Don Felipe fortgesetzt, dessen Adobe-Gutshaus aus dem frühen 19. Jahrhundert noch immer steht und eines der ältesten Gebäude in Los Angeles ist, findet in dessen Tochter eine traurige Fortsetzung, der ihr Erbe verwehrt wurde und die deswegen bis heute durchs Haus spukt, und gipfelt in der schillernden Gestalt des Goldrauschmagnaten Griffith J. Griffith.

Er stammte aus einer bettelarmen walisischen Familie, wurde während des großes Rauschs steinreich, kaufte das riesige Gelände und schenkte es unter der Bedingung der Stadt, dass sie es für ihre Einwohner als natürliches Refugium unberührt lasse. Griffith war allerdings auch ein rettungsloser Trinker und schoss seiner Gattin im Suff das rechte Auge aus dem Kopf, weil er sie für eine Spionin des Papstes hielt. Doch solche kleinen Charakterschwächen verzeiht man in Los Angeles gern, und so trägt der Park bis heute den Namen des temperamentvollen Wohltäters aus Wales.
Am besten erkundet man den Griffith Park mit einem E-Bike, kommt dabei als Erstes am ausgetrockneten Flussbett des Los Angeles River vorbei, fühlt sich wie Jack Nicholson in „Chinatown“ und wundert sich angesichts der politischen Gesinnung Kaliforniens nicht über die herzhaften Graffiti. „Shoot Trump“, „Fuck ICE“, „Bomb The White House“ lesen wir, lassen dann aber im Park allen Lärm der Welt hinter uns, begegnen Hunderten von Joggern, Wanderern, Rennradfahrern und Reitern, kommen an Golfplätzen, Picknickwiesen und Drehorten vorbei, an denen die Wirklichkeit und ihre Imagination nahtlos ineinanderfließen. Eine Serpentine spielte eine Schlüsselrolle in David Lynchs „Mulholland Drive“, ein paar Meter weiter tanzten Emma Stone und Ryan Gosling in „La La Land“, und ganz oben beim Griffith Observatory wusste erst James Dean nicht, was er tat, bevor dann Arnold Schwarzenegger in der ersten „Terminator“-Episode vom Himmel auf die Erde fiel.
Am Wochenende wird Huntington Beach zur Riviera
Jede Stadt mit gewachsenen Wurzeln und einem anderen Glauben als dem unerschütterlichen an sich selbst hätte an einem derart emblematischen Ort eine Kirche errichtet. Los Angeles aber hat sich für einen Tempel der Wissenschaft entschieden, natürlich einen schillernd schönen. Das Art-déco-Observatorium sieht mit seinen Kuppeln wie ein Sultanspalast aus, wird von einer Skulptur mit berühmten Astronomen flankiert, und es ist kein Wunder, dass Johannes Kepler, Galileo Galilei und Nikolaus Kopernikus wie Oscars Brüder aussehen, denn ihr Schöpfer ist derselbe. Sterne liebt diese Stadt, echte und menschengemachte, und vollkommen wird die Verschmelzung der Megalopolis mit ihrer selbst erschaffenen Traumwelt im Hollywood-Schriftzug auf einem Hügel gegenüber dem Observatorium – die einzige ikonische Sehenswürdigkeit von Los Angeles, neun Buchstaben, die für nichts anderes als die Simulation von Wirklichkeit, für das reinste Illusionstheater stehen, wie könnte es auch anders sein.
Spätestens hier oben und endgültig in Huntington Beach wird uns bewusst, dass Jack Kerouacs brutalste Stadt Amerikas kein monströser Moloch ist, keine Menschenhölle auf Erden, nicht das Ende der Zivilisation, sondern ihre schillerndste, vielfältigste, ungreifbarste Manifestation. In Huntington Beach verwandelt sich die Megalopolis aus Billionen Tonnen Beton – so wie in Santa Monica, Venice oder Malibu auch – in ein Strandbad mit einem 17 Kilometer langen Sandstrand, breiter als der breiteste Superhighway, sodass er jedem einzelnen Badegast spielend 100 Quadratmeter Erholungsraum bietet. Am Wochenende verwandeln die Angelenos Huntington Beach in ihre Riviera, spielen beeindruckend professionell Beachvolleyball, schlagen ihre Zelte für Picknicks auf, lassen Drachen steigen, flitzen mit Jetskis durch die Brandung, angeln auf dem Pier Leopardenhaie, joggen die Promenade entlang und tanzen zur Partymusik der Live-Bands in den Strandrestaurants, immer mit Blick auf die Wolkenkratzer von Downtown und die Kräne und Kreuzfahrtschiffe im Hafen.
Am beliebtesten aber ist das Surfen, das zwar in Waikiki auf Hawaii erfunden wurde, dessen weltweiter Siegeszug aber in Huntington Beach begann, der selbsternannten „Surf City of the USA“. Hunderte von Surfen lauern links und rechts des Piers auf ihre Welle, sehen in ihren schwarzen Neopren-Anzügen wie Robben aus und lassen sich nur widerwillig aus dem Wasser vertreiben, wenn wegen eines Weißen Hais wieder einmal der Strand gesperrt werden muss. Es war Duke Kanahamoku, 1890 in Hawaii geboren, 1968 dort gestorben, ein exzellenter Schwimmer und Goldmedaillengewinner bei den Olympischen Spielen 1912 in Stockholm, der das Surfen in Los Angeles populär machte und dem in Huntington Beach ein Museum gewidmet ist – eher eine rührende Rumpelkammer, von pensionierten Lehrern am Leben erhalten, ein schöner Gegenentwurf zum kommerzialisierten Perfektionismus des Hollywood-Walt-Disney-Los Angeles voller altertümlicher, schrankschwerer Surfboards aus Zedernholz und kitschig bemalten Brettern mit Meerjungfrauen, die Taucher auf die Taucherglocke küssen.
Über dem Parkplatz des Miniaturmuseums thront das größte Surfboard der Welt, 13 Meter lang, dreieinhalb Meter breit, 600 Kilo schwer, das Platz für 66 Menschen bietet. Ein vergilbtes Foto zeigt sie beim erfolgreichen Weltrekordversuch dicht gedrängt auf dem Monsterbrett in der Brandung von Huntington Beach. Und so wie uns Los Angeles mit einem Superlativ begrüßt hat, verabschiedet es uns auch, diese schimärenhafte Megalopolis, dieses menschenfreundliche Monstrum, das zum Glück gar nicht anders kann, als maßlos zu sein.
