
Der Europarat sieht den Internationalen Fußball-Verband unter seinem Präsidenten Gianni Infantino angesichts der Geschehnisse bei der Fußball-Weltmeisterschaft in einer schweren Krise. „Wenn Regeln unter Druck gedehnt werden, öffnet sich jedes Ergebnis dem Zweifel“, schreibt Alain Berset, der Generalsekretär des Europarats, in einem offenen Brief vom Sonntag, der auf der Website des Europarats veröffentlicht wurde. Seinem Brief gab Berset die Überschrift „Vor dem Schlusspfiff“.
„Die FIFA Weltmeisterschaft 2026 hat Fragen über Fragen aufgeworfen“, schreibt Berset, der 2018 und 2023 Schweizer Bundespräsident war. „Die Feier endet heute Abend, die Fragen werden es nicht. Die nächste Krise hat schon begonnen. Sie hat zwei Namen: Geld und Macht.“
„Politische Einflussnahme auf das Spielfeld verlagert“
Die FIFA habe Wettmöglichkeiten bei dieser WM die Tür „noch weiter“ geöffnet, indem mit einer Firma aus dem sogenannten prediction market eine Werbepartnerschaft abgeschlossen wurde. „Zudem hat sich die politische Einflussnahme auch auf das Spielfeld verlagert. Dass eine Sanktion mitten im Turnier ausgesetzt wurde, folgte auf den Anruf eines Staatspräsidenten beim FIFA-Präsidenten“, schreibt Berset mit Blick auf den Anruf Donald Trumps bei Gianni Infantino.
Nach dem Telefonat wurde die Sperre des Amerikaners Folarin Balogun, wegen einer Roten Karte, zur Bewährung ausgesetzt, „ohne Begründung“, wie Berset festhält. Balogun durfte spielen.
Referenzpunkte Hooligans, Doping, Spielmanipulation
Zudem, schreibt Berset, sei während der WM die Autorität der Schiedsrichter in Zweifel gezogen worden, seien Spieler rassistisch beleidigt worden, „in einigen Fällen von gewählten Abgeordneten“. Damit bezieht sich der Generalsekretär des Europarats auf die paraguayische Senatorin Celeste Amarilla, die den französischen Kapitän Kylian Mbappé rassistisch beleidigt hatte.
Angesichts der Vielzahl der Faktoren, die zur Integritätskrise der FIFA beitrügen, fordert Berset den Verband auf, gemeinsam mit dem Europarat, in dem 46 europäische Staaten und 700 Millionen Bürgerinnen und Bürger vertreten sind, vor der Weltmeisterschaft 2030 ein Rahmenwerk zur Stärkung der Integrität zu verabschieden.
Dabei verweist Berset auf frühere Krisen des Sports und die Einmischung durch seine Institution. Berset nennt die von Hooligans ausgelöste Stadionkatastrophe von Heysel, bei der vor dem Europapokalfinale 1985 in Brüssel 39 Menschen erdrückt wurden: „Binnen drei Monaten hat der Europarat mit einem bindenden Vertragswerk geantwortet, um Zuschauer zu schützen.“ Die Konvention haben 39 Staaten unterschrieben. Zudem nennt Berset die Anti-Doping-Konvention, die in 52 Staaten gilt, sowie die Konvention gegen Spielmanipulation, die von 43 Staaten unterschrieben worden sei und „immer noch der einzige bindende Vertrag gegen Spielmanipulation ist“.
Die angeführten Probleme machen deutlich, für wie gravierend Berset die Fehlentwicklung der FIFA unter Infantino hält. Seine Antwort hat er klar formuliert: „Jedes Mal hat der Europarat mit dem Gesetz geantwortet.“ Das müsse auch jetzt geschehen. Der Schlusspfiff des WM-Finals müsse der Anpfiff für die „dringende Arbeit zur Stärkung der Integrität der FIFA“ sein.
In den vergangenen Wochen hatten sich 50 beziehungsweise 72 Abgeordnete des Europaparlaments an die FIFA und die Mitgliedsverbände in den 27 Staaten der Europäischen Union gewendet und wegen seines Verhaltens im Fall Balogun und wegen der Verleihung des „FIFA Friedenspreises“ an Donald Trump eine Untersuchung gegen Infantino gefordert. Infantino wird inzwischen von mehr als 200 Mitgliedsverbänden bei seinem Bestreben unterstützt, im Mai als FIFA-Präsident bestätigt zu werden.
