Denn damals war längst klar, dass die Trump-Regierung den Plan hatte, Menschen aus mehr als vierzig Ländern in Afrika und Asien kein Visum mehr zu erteilen. Oder wenn, dann nur mit massiven Auflagen und erst nach langen Wartezeiten auf einen Termin in einer Botschaft oder einem Konsulat. Die Organisation prognostizierte anhand konkreter Zahlen für einige WM-Teilnehmerländer extreme Fristen wie „700 Tage in Kolumbien, 560 Tage in der Türkei, 332 Tage in Marokko“.
Für Gianni Infantino noch lange kein Grund, die in New York ansässige Organisation, die beharrlich und seit Jahren weltweit Verstöße gegen eine Vielzahl von Menschenrechten aufdeckt, auch nur mit einer Antwort zu würdigen. So wie wenige Monate später, als man ihn schriftlich um eine Erklärung dafür bat, nach welchen Kriterien und auf welche Weise die Verleihung seines ominösen Friedenspreises zustande gekommen war.
Ende der vergangenen Woche verlor Mindy Worden, die Direktorin für globale Initiativen, zu denen die kritische Beobachtung der Menschenrechtsstandards etwa der FIFA und des Internationalen Olympischen Komitees gehört, bei einer Pressekonferenz denn auch kein gutes Wort über den egozentrischen Eidgenossen.
Was von den Werten des Weltverbands übrig bleibt
Sicher, sagte sie, Spieler und Fans aus allen Teilen der Welt hätten bei der WM in den USA, Mexiko und Kanada „unzählige Momente voller inspirierender Begeisterung und ein Zusammengehörigkeitsgefühl” erlebt. Doch abgesehen von solchen „herzerwärmenden Geschichten“ habe die zu Ende gehende Weltmeisterschaft „vor dem Hintergrund der missbräuchlichen Einwanderungsmaßnahmen der US-Regierung“ das Versagen der FIFA unter Beweis gestellt, „ihre eigenen Menschenrechtsstandards einzuhalten“.
Das Wortgeklingel von der „inklusivsten und gastfreundlichsten Weltmeisterschaft aller Zeiten“ habe sich nicht nur in Anbetracht der amerikanischen Visumspolitik nicht bewahrheitet. Und das betraf nicht nur prominente Beispiele wie den Umgang mit der iranischen Mannschaft, dem somalischen Schiedsrichter Omar Artan, der Mutter des kapverdischen Torwarts und des populären kongolesischen Fans Lumumba Vea.
„Bei unseren Recherchen haben wir kaum bis gar keine Hinweise darauf gefunden, dass Ticketinhaber aus Afrika und Asien tatsächlich Visa für die Einreise in die Vereinigten Staaten erhalten haben“, sagte der aus Frankreich zugeschaltete Ronan Evain, Geschäftsführer von Football Supporters Europe, einem Netzwerk von Fußballfans in Europa mit Mitgliedern in fast 50 Ländern.
Das Publikum in den Stadien, in denen Mannschaften aus Afrika und Asien spielten, bestand „fast ausschließlich aus lokalen Diaspora-Gemeinschaften oder Personen mit doppelter Staatsbürgerschaft, die kein Visum für den Besuch benötigten, was die Versäumnisse der FIFA verschleierte, eine Weltmeisterschaft zu organisieren, an der tatsächlich die ganze Welt teilnehmen konnte“.
Lange Liste an Vorbehalten
Die Liste der Vorhaltungen an die Adresse des Welt-Fußballverbands, der angesichts seiner selbst gezüchteten Gigantomanie und eines enormen organisatorischen Aufwands viele relevante Details aus den Augen verloren hat – die Zahl der Angestellten weltweit ist inzwischen auf knapp 5000 angeschwollen –, ist allerdings noch sehr viel länger.
Sie betreffen nicht nur die Sympathieerklärungen für Trump und Infantinos liebedienerische Aussagen, sei es bei der Verleihung des Friedenspreises oder bei Veranstaltungen wie dem American Business Forum im November in Miami („Ich denke, wir sollten alle hinter dem stehen, was er macht”) und damit jeglichen Verzicht auf „politische Neutralität“, wie sie die FIFA-Statuten einfordert.
„Journalisten sahen sich bei der Berichterstattung über diese Weltmeisterschaft aufgrund eines zunehmend feindseligen Umfelds für Reporter, insbesondere in den USA, mit vielfältigen Herausforderungen konfrontiert“, vermerkte Gypsy Guillén Kaiser, Leiterin der Abteilung für globale Angelegenheiten beim Komitee zum Schutz von Journalisten. Die FIFA muss die Pressefreiheit, einschließlich der Einreisebestimmungen, gewährleisten, die in diesem Jahr ein erhebliches Hindernis darstellten.“
Aber sie tut es nicht, wie die International Sports Press Association erfuhr, die sich vor dem Turnier in Zürich zu Wort gemeldet hatte, nachdem „vielen“ iranischen und afrikanischen Medienvertretern die Einreise in die USA verwehrt worden war. Das einzige Feedback war ein gepflegtes Achselzucken: Die Einreise in die Gastgeberländer sei „letztlich eine konsularische und einwanderungsrechtliche Angelegenheit“.
Die FIFA ignoriert die Debatte über sexualisierte Gewalt
Ebenfalls längst keine Petitesse mehr: die von der FIFA ignorierte Debatte über Spieler, gegen die strafrechtliche Verfahren laufen, unter anderem wegen des Vorwurfs sexueller Gewalt. 2025 hatte die Sport & Rights Alliance einen Bericht mit dem Titel „Niemand will darüber reden“ veröffentlicht, der dokumentierte, wie das Nichtstun und Schweigen von Sportverbänden Opfern und Überlebenden zusätzlich schadet.
„Es ist an der Zeit, dass die FIFA das weit verbreitete Problem des Missbrauchs im Sport endlich ernst nimmt“, betonte Andrea Florence, Geschäftsführerin der Sport & Rights Alliance, auf der Pressekonferenz am Donnerstag. Ein Wunsch, der offensichtlich in den Aktenbergen des hochprofitablen Mammutunternehmens untergeht.
Zahlreiche Razzien während der WM
Dazu passt, dass man bei der FIFA die Razzien der amerikanischen Behörden ignoriert, in deren Rahmen jeden Tag Tausende von Menschen aufgespürt werden sollen, die nicht über offizielle Papiere wie etwa Aufenthalts- und Arbeitserlaubnisse verfügen. Die Einsätze der Grenzpolizei ICE in zahlreichen Regionen der Vereinigten Staaten hatten während der WM deutlich an Intensität zugenommen und für mehrere, bislang ungeklärte Todesfälle gesorgt. Für Daniel Noroña von Amnesty International USA ein „Muster an systematischer Gewalt durch ein WM-Gastgeberland, dem der Sport tatkräftig dabei hilft, seine Übergriffe zu verharmlosen“.
Und ein weiteres Beispiel für Sportwashing, wie es der kalifornische Politikwissenschaftler Jules Boykoff bereits in seinem im Juni erschienenen Buch „Red Card“ mit Blick auf die FIFA beschrieben hatte: „Die FIFA und die Trump-Regierung haben die Weltmeisterschaft 2026 für politische Zwecke instrumentalisiert – von Trumps Verleihung des FIFA-Friedenspreises über einwanderungsfeindliche Social-Media-Posts des Heimatschutzministeriums bis hin zur politischen Intervention des Präsidenten, um die Rote Karte gegen einen US-Spieler annullieren zu lassen“.
Boykoff, der als Teenager für die amerikanische U 23 gespielt hatte, fordert unabhängige Gremien, die die Menschenrechtslage bei Sportveranstaltungen überwachen und etwa „das Privileg haben, die FIFA zu bestrafen, wenn sie ihren Verpflichtungen nicht nachkommt“. Der Verband habe „immer wieder gezeigt, dass er dazu nicht in der Lage ist“.
