Die Augenbrauen von Romelu Lukaku schnellten nach oben, er prustete durch die Lippen, die rechte Hand kratzte kurz an seinem Hinterkopf. Dann, als er die Hand wieder in seiner Trainingsjacke versteckt hatte, sagte Lukaku in wenigen Worten, was zuvor schon seine Gesichtszüge verraten hatte: „Ich weiß es nicht.“
Die Frage, die Romelu Lukaku nach dem 0:0 gegen die Nationalmannschaft Irans so ratlos gemacht hatte, war eine einfache: Wie kann es sein, dass eine Mannschaft mit so viel Talent solche Probleme hat, ein Tor zu schießen? Die Antwort könnte die belgische Öffentlichkeit allerdings verunsichern. Denn wenn der erfolgreichste Stürmer in Belgiens Fußballgeschichte nicht weiß, woran es liegt – wer dann?
Lukaku spielt in den USA seine vierte Weltmeisterschaft, 90 Tore hat er für die belgische Nationalmannschaft erzielt. Er ist einer der Letzten aus der Gruppe, die sie in Belgien und Europa eine goldene Fußballergeneration genannt haben, die man Turnier für Turnier für Turnier zum Geheimfavoriten erklärt hat, so lange, bis es zum Running Gag wurde.
In diesem Jahr hat Belgien niemand mehr zum Geheimfavoriten auf den goldenen Pokal erklärt. Es ist ein Übergangsturnier, ein letzter Tanz für Stars wie Kevin de Bruyne, Thibaut Courtois und Romelu Lukaku, ein erster für die nächste Generation. Aber Aufbruchsgefühle, etwas Fußballlust, hatten sich die Belgier von dieser Mannschaft schon erhofft, erst recht nach ein paar ansprechenden Testspielen. Und das Viertelfinale wäre auch nicht verkehrt mit einer Achse aus drei der größten Stars aus den goldenen Jahren und eine Reihe jüngerer, belebender Spieler.
Der nächste Torhüter, der eine große Stunde erlebt
Zwei biedere Unentschieden später, nach einem 1:1 gegen Ägypten und einem 0:0 gegen Iran, ist die Fußballlust der Belgier vermutlich etwa so groß wie die auf labberige Fritten. Weil sichtbar ist, dass den jüngeren Spielern das Talent der Älteren fehlt, während den Älteren das Tempo und der Esprit vergangener Jahre abgeht. Und dann sind da die belgischen Probleme mit dem Toreschießen, die diese Mannschaft schon aus den vergangenen Jahren kennt. Seit der EM 2021 hat sie bei großen Turnieren nur zwei Spiele gewonnen und vier Tore geschossen.
Am Sonntag verhinderte auch die vielleicht spektakulärste Parade des bisherigen Turniers ein belgisches Tor. Als Maxim De Cuyper, ein Außenverteidiger mit einer Vorliebe für Strafraumexpeditionen, nach einer Stunde einsam vor dem iranischen Tor aufkreuzte, hätte er den Ball aus fünf Metern an Irans Torwart Alireza Beiranvand vorbeischießen können. Denn Beiranvand, der sich gerade auf den Rasen geworfen hatte, war scheinbar außer Gefecht.

Bis er, am Boden liegend, teleskopartig seinen Arm ausfuhr, und sich plötzlich dort eine Hand materialisiert hatte, wo eben noch der Weg zum Netz gewesen war. Er reihte sich damit ein in die Galerie der in Europa bis dahin relativ unbekannten Torhüter, die bei dieser WM eine große Stunde erleben.
Beiranvand fuhr ein paar Mal die Arme gerade noch schnell genug aus vor den belgischen Angreifern. Am Ende hatten sie 23 Mal auf sein Tor geschossen. Und diese Statistik lieferte ihnen auch den Stoff für die Geschichte, auf die sie sich in den kommenden Tagen stützen könnten, vor dem letzten Spiel gegen Neuseeland (Samstag, 5 Uhr MESZ, im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM und bei MagentaTV).
Als der Torwart Thibaut Courtois nach dem Spiel in seinen Badelatschen an den Reportern vorbeitrottete, sagte er auf die Frage, was man hätte besser machen können: Tore schießen. So ähnlich kommentierte das Spiel auch sein Trainer Rudi Garcia: Viel geflankt, viel geschossen, viel den Ball gehabt – alles gut, nur eben nicht effektiv genug. Beim nächsten Mal, so hörte sich das an, wird es schon klappen.
Belgien hätte auch gut mit einem Punkt dastehen können
Ein Teil des Problems ist sicher, dass sich die Belgier vor dem Tor nicht so geschickt angestellt haben. Der andere Teil des Problems ist, dass sie sich auch auf dem Weg dorthin deutlich geschickter anstellen müssen. Schneller, gewitzter, geistreicher. Bei den verbliebenen Feldspielern aus der goldenen, mit Blick auf den dritten Platz 2018 eigentlich bronzenen Generation, wirkt das Edelmetall recht angelaufen.
Bei Lukaku sah es gegen Iran schon ziemlich rostig aus, wie könnte das auch anders sein nach einer Saison, die er fast vollständig verletzt verpasst hat. Und Kevin de Bruyne stand am Sonntag vor der iranischen Abwehr wie ein Hausmeister mit einem riesigen Schlüsselbund vor einer verschlossenen Tür: Er probierte sie alle geduldig durch, einen nach dem anderen, aber keiner passte. Kein Schuss war genau, kein Einfall originell genug für ein belgisches Tor.
Die Belgier hätten deshalb auch gut mit nur einem einzigen statt zwei Punkten dastehen können vor dem letzten Gruppenspiel. Denn sie selbst ließen auch ein paar Chancen zu, nicht erst nachdem der Verteidiger Nathan Ngoy nach einer guten Stunde wegen einer Notbremse vom Feld stapfte. Und sie hatten Glück, dass Mehdi Taremi in der ersten Halbzeit ein bisschen zu früh loslief, als er ein Tor mit dem Freistoßtrick erzielte, den der Niederländer Wout Weghorst vor vier Jahren im WM-Viertelfinale berühmt gemacht hat.
Die Belgier haben noch einen Joker
Als Courtois und Lukaku aus dem Interviewbereich weiter in Richtung des Mannschaftsbusses gingen, wussten sie zwar noch nicht, wie sie das Problem mit dem Toreschießen lösen können. Sie wussten aber, dass sie noch einen Joker haben vor diesem letzten Spiel: den flinken Jérémy Doku, der gegen Iran zu krank war, um zu spielen, im letzten Gruppenspiel aber wieder drauflosdribbeln könnte. Sie wussten auch, dass es in einer der einfacheren WM-Gruppen reichen würde, das fußballerisch eher kleine Neuseeland zu besiegen.
Und Romelu Lukaku klang so, als wisse er, dass sie sich trotzdem auch dafür ein bisschen steigern sollten. Nachdem er gesagt hatte, was man eben so sagt – sie müssten das Spiel und die Fehler genau analysieren –, fügte er noch hinzu: „Und das letzte Spiel angehen, als wäre es das Spiel unseres Lebens.“
