Man hätte denken können, dass Gianni Infantino zu weit geht an diesem 5. Dezember. Dass er eine rote Linie übertritt mit der goldenen Trophäe, die neben ihm auf der Bühne glänzt. Dass es selbst für ihn zu stark ist, das Stück, das er an jenem Abend aufführt, im großen Konzertsaal des Kennedy Centers von Washington, D.C.
Ein Friedenspreis im Namen des Fußballs, eigens erfunden für Donald J. Trump – das kann er doch nicht machen?
Aber der Konzertsaal des Kennedy-Centers ist an jenem Abend Teil der FIFA-Welt. In dieser Welt gibt es für Gianni Infantino keine roten Linien. Und auch wenn mancher, der am 5. Dezember im Saal sitzt, Infantinos Stück schwer erträglich finden mag, wird ihn hinterher kaum jemand dafür offen kritisieren. Weil man das nicht macht in dieser Welt.
Es ist Infantinos Welt. Und die Fußball-Weltmeisterschaft in Mexiko, Kanada, vor allem aber den USA – das ist sein Turnier. Mehr als alle zuvor steht es dafür, wie er den Weltfußball steuert.
Über die zehn Jahre, in denen Gianni Infantino den Internationalen Fußballverband regiert, hört und liest man mittlerweile oft einen Satz, der kaum denkbar schien, als Infantino 2016 nach der Macht griff. Unter ihm, sagen Fans und Beobachter, gehe es in der FIFA schlimmer zu als unter seinem Vorgänger Sepp Blatter. Auch, weil ihn durch seine Präsidentschaft das Gefühl aus dem Kennedy-Center begleitet.
Warum kann Gianni Infantino tun, was er tut?
Die WM auf 48 Mannschaften erweitern? Die Klub-WM einführen? Saudi-Arabien die WM 2034 zuschustern? Trumps „Friedensrat“ beitreten? Alles Dinge, bei denen einem der Gedanke in den Kopf schießt: Das kann er doch nicht machen.
Warum kann Gianni Infantino tun, was er tut? Wieso verhält er sich so? Und wie ist er so mächtig geworden, dass niemand dagegen aufbegehrt?
Im Alpenstädtchen Brig, wo die Schweizer Berge in italienische Berge übergehen, wächst in den Siebzigerjahren ein fußballvernarrter Junge mit zwei linken Füßen auf. Er ist Sohn italienischer Einwanderer; sein Vater Vincenzo arbeitet im örtlichen Bahnhof, die Mutter Maria im Kiosk gleich daneben. Es ist eine Zeit, in der Einwanderer wie sie nicht gerade umarmt werden von ihrer neuen Heimat; in der die Schweiz mit Abwehrreflexen auf Neuankömmlinge reagiert. Der junge Gianni, so erzählt Infantino später, wird ausgegrenzt.
In dem Sport, den er so liebt, erfährt Infantino Bestätigung. Nicht auf dem Feld, wegen der zwei linken Füße, die er sich selbst mal bescheinigt hat. Aber daneben. Gemeinsam mit Freunden übernimmt er in der Heimat einen kleinen Verein italienischer Einwanderer, mit 18 Jahren ist er der Präsident des Klubs. Nach der Schule studiert er Jura, und als er 30 ist, stellt ihn der Europäische Fußballverband ein, die UEFA. Neun Jahre später ist Infantino Generalsekretär. Und kurz darauf lernen Fußballfans in ganz Europa sein Gesicht kennen: Es wird das Gesicht der Champions-League-Auslosung.

Nyon, Dezember 2009. Gianni Infantino steht neben dem silbernen Pokal mit den riesigen Henkeln, seine Hände rühren in einem Topf voller Loskugeln. Es ist der erste von vielen solcher Auftritte. Der Körper steckt in einem weiten Nullerjahreanzug, das Gesicht, das aus dem hellen Hemdkragen ragt, ist ein wenig fülliger als heute. Der Ton aber ist der gleiche. „This is passion, this is football, this is magic“, sagt der Generalsekretär, als die Auslosung zu Ende ist.
Leidenschaft, Fußball, Magie. Das ist er, der Infantino-Sound.
Eher ein Zirkusdirektor als ein Fußballfunktionär
Dieser Sound, diese Art soll sich nicht sonderlich verändert haben in all den Jahren. Die Sprache, die Gesten, das sei wie früher, sagen Leute, die ihn in seiner Zeit bei der UEFA kennenlernen. Als er 2015 zum letzten Mal die Champions-League-Gruppen auslost, klingt er schon ziemlich genau wie heute, der Infantino-Sound.
Es ist einer, der nach Superlativen verlangt, der keine Grautöne kennt. Wenn er spricht, preist Infantino immer auch an. Ob er eine Auslosung anleitet, den FIFA-Mitgliedern Rekordzahlen verkündet oder bei Instagram von einer Juniorinnen-WM erzählt – es wirkt eher, als stünde da ein Zirkusdirektor vor seinem Publikum als ein Fußballfuntkionär. Nur den Zylinder muss man sich dazu denken.
Zur trockenen Funktion des Generalsekretärs, die er damals innehat, passt diese Art nicht recht. Aber Infantino hat auch nicht vor, in dieser Funktion zu bleiben.

Damals, Ende August 2015, klafft ein Loch an der Spitze der FIFA. Anfang Juli ist Sepp Blatter als Präsident zurückgetreten, sechs Tage nachdem die Bilder aus dem Luxushotel Baur au Lac um die Welt gehen: FIFA-Funktionäre werden frühmorgens aus dem Gebäude geleitet, blickgeschützt von weißen Bettlaken. Es ist ein Schlag gegen die Korruption, gegen das FIFA-System, in dem vor Wahlen Geldbündel den Besitzer wechseln.
Das damalige System ist nicht Infantinos, sondern Blatters Welt. Und die ist an ihr Ende gekommen. „Die FIFA benötigt eine grundlegende Umstrukturierung“, sagt Sepp Blatter, als er zurücktritt. Der Mann, der die FIFA war, sieht ein, dass er unmöglich selbst für den Wandel stehen kann. Das muss ein anderer machen.
Platini erstattet Anzeige gegen Infantino
Den Herrn der Kugeln von der UEFA hat damals keiner auf dem Zettel. Eigentlich soll Infantinos Vorgesetzter FIFA-Präsident werden, der UEFA-Chef und frühere Weltfußballer Michel Platini. Aber kurz darauf suspendiert die FIFA Platini für 90 Tage. Die Schweizer Justiz ermittelt gegen ihn und Blatter, es geht um eine Zahlung von zwei Millionen Schweizer Franken. Jahre später werden Gerichte sie freisprechen.
Michel Platini hat in dieser Woche, wenige Tage vor Beginn der WM, noch einmal Anzeige erstatten lassen – auch gegen Gianni Infantino. Er vermutet eine Verschwörung, beweisen kann er das bislang nicht. Gewiss ist nur, dass diese Zahlung die Tür zur Macht im Weltfußball aufgleiten lässt im Herbst 2015. Infantino, der zweite Mann der UEFA, schlüpft hindurch.
Zürich, Hallenstadion, Februar 2016. Der Mann im blauen Anzug, der vorn auf der Bühne die Hände aufs Rednerpult stützt, weiß, was er zu sagen hat. Spielerisch hüpft er in seiner Rede zwischen sechs Sprachen hin und her, spricht französisch über Afrika, spanisch, als es um Lateinamerika geht. Sein Sprachtalent wird ihm helfen in seinem neuen Amt, beim Plaudern und Verhandeln. Der Wechsel zwischen den Sprachen enthält aber auch eine Botschaft: Er, der Kandidat vom reichen Kontinent Europa, wendet sich der ganzen Welt zu.
Der Fokus auf andere Weltregionen – das wird ein Motiv seiner Amtszeit werden. Noch wichtiger aber ist, dass der Kandidat aus Europa für die ganze Welt etwas bereithält.
Wenig später ist Infantino Präsident der FIFA
„Wenn es um Zahlen geht, weiß ich, wovon ich spreche“, sagt Infantino, als er in Zürich auf den Kern seiner Bewerbungsrede zusteuert. „Das Geld der FIFA ist euer Geld! Es ist nicht das Geld des FIFA-Präsidenten.“ Spontaner Beifall. Wenig später ist Gianni Infantino Präsident des Internationalen Fußballverbandes.
Das Versprechen, das er an jenem Tag im Hallenstadion gibt, ist der Schlüssel seiner Herrschaft über den Weltfußball: Ihr bekommt Geld, ich eure Stimme. Im System der FIFA gibt es eine Menge Mitglieder wie, zum Beispiel, den Fußballverband von Vanuatu: Verbände mit wenig eigenen Einnahmen, abhängig von Zahlungen der FIFA. Die Delegierten aus Vanuatu werden deshalb immer den Präsidenten wählen, von dem sie sich am meisten versprechen: Geld, mit dem Tore zusammengeschweißt und Rasenplätze gebaut werden können.
1,1 Milliarden Euro Entwicklungsgelder schüttet die FIFA aus, als Infantino Präsident wird. Heute ist es doppelt so viel. Man kann ihm zugutehalten, dass in seiner Präsidentschaft eine Menge Tore geschweißt und Plätze gebaut worden sind. Das ändert nur nichts daran, dass das Geldverteilen auch Selbstzweck ist. Wie viele Fußballplätze braucht Vanuatu? Es gebe Kleinstverbände, die wüssten gar nicht, was sie anstellen sollen mit dem ganzen Geld, erzählt ein früherer hochrangiger FIFA-Funktionär – man könne ja nicht die Duschkabinen vergolden.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Damals im Züricher Hallenstadion, an seinem ersten Tag als Präsident, macht Gianni Infantino den Delegierten im FIFA-Kongress noch ein Versprechen. Eines, das nicht direkt mit Entwicklungsgeld zu tun hat, sondern mit dem Geld, das sich Fußballfunktionäre jahrelang in die Taschen gestopft haben. Er sagt: „Wir werden das Image und den Respekt der FIFA wiederherstellen.“
Der Verband verabschiedet an jenem Tag ein großes Reformpaket. Die WM-Turniere vergeben ab sofort die Mitgliedsverbände im FIFA-Kongress – nicht mehr das Exekutivkomitee, dessen Mitglieder so anfällig für Bestechungen waren. Die Macht des FIFA-Präsidenten wird eingeschränkt. Der Generalsekretär soll das Tagesgeschäft führen, der Präsident nur drei Amtszeiten lang regieren können.
Heute ist der Generalsekretär machtloser als der letzte unter Blatter. Der FIFA-Kongress hatte bei der jüngsten WM-Vergabe gar nichts mehr zu entscheiden: weil der Präsident alles so eingefädelt hatte, dass nur noch Saudi-Arabien zur Wahl stand. Und zuletzt verkündete Gianni Infantino, dass er 2027 für eine vierte Amtszeit kandidieren wird. Die Mehrheit der Stimmen ist ihm so gut wie sicher. Die Mehrheit im FIFA-System ist ziemlich zufrieden, solange die Einnahmen stimmen.
Wer also in diesem System soll Gianni Infantino widersprechen? Und wer wird ihn kritisieren, wenn seine Entscheidungen, Auftritte oder Reden die halbe Welt fassungslos machen?
„Heute fühle ich mich als Qatarer“
Doha, Dezember 2022. Gianni Infantino reiht Sätze aneinander. „Heute fühle ich mich als Qatarer“, sagt er. Und fügt hinzu, dass er sich auch als Araber fühlt. Als Afrikaner. Als Homosexueller. Als Mensch mit Behinderung. Als Wanderarbeiter. Er, der diskriminiert worden sei als rothaariges Kind in der Schweiz, will sich öffentlich hineinfühlen in die Marginalisierten der Welt.
Es soll ein Angriff sein auf westliche Doppelmoral, eine Verteidigung gegen Kritik an der WM in Qatar. Sein Kommunikationsteam ist dabei wohl nicht eingebunden, am Ende steht ein konfuser Vortrag. Einer, der Fußballfans ungläubig zurücklässt. Aber auch einer, der in ein Muster seiner Präsidentschaft passt.
Seit Beginn seiner Amtszeit sieht die Welt Gianni Infantino dabei zu, wie er autoritäre Staatsmänner umgarnt und WM-Gastgeber um jeden Preis verteidigt. Wladimir Putin. Qatars Emir Tamim Bin Hamad Al Thani. Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammad Bin Salman. Zuletzt US-Präsident Donald Trump, so enthemmt, wie die Sportwelt es noch nicht gesehen hat.

Die Bilder, die Infantino dabei erzeugt, sagen: Er genießt es, sich mit diesen Leuten auf ihren Bühnen zu bewegen. Es ist auch Teil seiner Agenda für die FIFA. Weil er stets dorthin blickt, wo nicht nur Öl, sondern auch Geld sprudelt.
Wollte man zusammenfassen, wie Gianni Infantino die FIFA in den vergangenen Jahren geformt hat, könnte man sagen: Er hat aus ihr eine gigantische Geldmaschine gemacht, und er hat sie drastisch politisiert. Das ist das Projekt seiner Amtszeit. Und in diesen Tagen sieht man das Ergebnis dieses Projekts.
Die WM, die in dieser Woche begonnen hat, ist die erste, die unter Infantinos Präsidentschaft vergeben wurde; es ist die erste, die ganz und gar seine Handschrift ziert. Sie steht auf dem Turnierbaum, der erstmals 48 Mannschaften trägt – eine Änderung, die eine Menge wahlberechtigter Verbände glücklich macht. Sie steht auf den Tickets, die teilweise zum Preis von Autos angeboten werden. Sie schimmert durch unter den Einreiseanträgen, die Trumps Behörden abgelehnt haben.
Mexiko-Stadt am Mittwoch. Es ist der Tag vor dem Auftaktspiel. Der Livestream der FIFA zeigt, wie der Präsident zum Podium schreitet, das Tischmikrofon zurechtrückt, gleich neben dem WM-Pokal. Seit mehr als drei Jahren ist er der freien Medienwelt nicht mehr in einer Pressekonferenz gegenübergetreten. Stapelte man alle offenen Fragen aus dieser Zeit, sie passten kaum in den Pressekonferenzsaal.
Schon die der vergangenen Woche sind groß genug. Der größte WM-Gastgeber möchte nicht für alle Mannschaften Gastgeber sein: Irans Team soll erst unmittelbar vor seinen Spielen in die USA fliegen, danach gleich wieder abreisen. In der Woche vor dem ersten Spiel wurde klar, dass bei dieser WM nicht, wie Infantino erzählt hatte, jeder willkommen ist. Journalisten, Spieler oder Fans hatten Schwierigkeiten bei der Einreise, manche durften nicht ins Land. Wie der Somalier Omar Artan, der derzeit beste afrikanische Schiedsrichter, der am Flughafen von Miami wieder umdrehen musste.
An ihm, der bei diesem Turnier die Regeln des Fußballs durchsetzen sollte, sieht man am deutlichsten, nach wessen Regeln bei dieser WM gespielt wird: nach Donald Trumps Regeln, den Regeln des Präsidenten, dem Infantino einen Friedenspreis verliehen hat. Es scheint, als sei alles Anbiedern nicht genug gewesen.
Gianni Infantino wettet, dass die Rechnung aufgeht
Ein paar Probleme gebe es schon, gibt Infantino in Mexiko-Stadt zu. Sie täten bei der FIFA ihr Bestes, sie zu lösen, bei manchen Dingen sei man eben machtlos. Und dann sagt Infantino, trotz des ausgesperrten Schiedsrichters, des Chaos ums iranische Team, abgewiesener Fans: „Wir wollen die Welt vereinen.“ Mit der „größten, besten, inklusivsten WM, dem wahrscheinlich größten Event der Menschheitsgeschichte“. Und das Geld, das mit teils absurd hohen Preisen für dieses Event verdient wird? Das fließe ja zurück in den Fußball. Auch in Länder, in denen niemand außer der FIFA investiere: Südsudan, Sierra Leone, Bhutan, Vanuatu.
Unter Sepp Blatter, findet einer, der beide Präsidenten kennt, habe die FIFA auch für Kommerzialisierung gestanden, aber die Kommerzialisierung habe nicht so kalt und berechnend gewirkt. Alexander Koch, der viele Jahre im Kommunikationsteam der FIFA gearbeitet hat, sagt: „Wenn die FIFA ein rein kommerzielles Unternehmen wäre, würde man Infantino feiern als sehr erfolgreichen CEO. Aber es ist eben kein rein kommerzielles Unternehmen. Es steht auch für Werte, für andere Dinge, die im Sport wichtig sind. Und genau diese Werte tritt er gerade massiv mit Füßen.“
Ob das der FIFA ernsthaft schaden wird in diesem Sommer? Ob diese WM ein farbloseres Turnier wird, weil sich Menschen, die den Fußball am meisten lieben, ihn nicht mehr leisten können? Wird es das Turnier übertönen, dass der Mann, den Infantino zum Friedensbringer erklärt hat, Krieg gegen ein Teilnehmerland führt? Wird es den FIFA-Präsidenten doch Unterstützung kosten, dass sein Preisträger Menschen von der WM fernhält? Oder wird doch alles wie immer, wenn die ersten Tore gefallen sind? Gibt es genug sangeslustige Argentinier, ausgefuchste Pässe, feierwütige Schotten und verkaufte Eintrittskarten, um alles andere verpuffen zu lassen?
Gianni Infantino wettet, dass die Rechnung aufgeht.
