Gegen 11 Uhr herrscht an diesem Vormittag noch Ruhe in den Gängen mit den Bildschirmen, Dokumenten und stummen Zeitzeugen aus der DDR wie Orden und Uniformen. Doch wenige Minuten später nehmen Dutzende Jugendliche die Ausstellung in dem interaktiven Museum auf dem Gelände des ehemaligen Notaufnahmelagers in Gießen in Beschlag. Mit Tablet oder einfach Stift und Schreibblock in der Hand lesen Sie aufmerksam Schriftstücke, sehen sich einen kurzen Schwarz-Weiß-Film zu den Tagen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs an oder hören einem vor 1989 aus der DDR geflüchteten Menschen zu. Florian Greiner sieht es und lächelt.
Er führt die Geschäfte des kurz NAL genannten Museums, das Lernort und Gedenkstätte sein soll. Seit knapp einem Jahr stehen die Türen des Museums von nationalem Rang dem Publikum offen. Feierlich eröffnet worden ist es am 17. Juni, dem früheren Tag der Deutschen Einheit. Ein bewusst gesetztes Datum: An Ort und Stelle soll klar werden, weshalb Hunderttausende Flüchtlinge zwischen 1946 und vor der deutschen Wende im Herbst 1989 die DDR verließen. Welche Gefahren mit ihrer Flucht verbunden waren. Wie der ostdeutsche Staat viele Bürger bespitzelte und drangsalierte. Warum Gießen für DDR-Bürger ein Sehnsuchtsort war. Und wie Flüchtlinge sich in der neuen Heimat zurechtfanden.
NAL wie zu Lagerzeiten ein Ort der Begegnung
Die Ausstellung erstreckt sich über 500 Quadratmeter. Das Gebäude ist mit Bedacht gewählt. Auch fortan soll es das sein, was es während des Lagerbetriebs gewesen ist – ein Ort der Begegnung. Dass das zuvor verwaiste „Café Ankunft“ gegenüber vom Eingang seit einigen Wochen in Betrieb ist und neben Süßem, Getränken, Gulaschsuppe und Maultaschen auch die im Osten Deutschlands beliebte, im Westen dagegen weitgehend unbekannte Suppe Soljanka anbietet, passt ins Bild.
Besucher können in der Schau mehr als tausend Fotos sehen. Auf 55 Bildschirmen laufen Filme, und es werden andere Bilddokumente eingespielt. Unter anderem äußert sich auch der frühere Fußballprofi Norbert Nachtweih zu seiner Flucht im Jahr 1976. Nach einem Spiel der DDR-Junioren in der Türkei setzte er sich ab, über Gießen gelangte er in die Bundesliga. Er spielte für Eintracht Frankfurt und Bayern München, noch heute ist er besonders der Eintracht eng verbunden. Zu Wort kommt eine Frau, deren Eltern zunächst die DDR verließen, aber dann später in Gießen für den Staatssicherheitsdienst als Spitzel arbeiteten. Im Museum hängt die handgeschriebene Verpflichtungserklärung des Vaters.

Zur Eröffnung kam Altbundespräsident Joachim Gauck an die Lahn. „Es erinnert an Flucht, Vertreibung, Neuanfang – als deutsche Geschichte, aber auch als Menschheitsgeschichte“, sagte er mit Blick auf das NAL. An diesem 17. Juni werden der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und der langjährige hessische Ministerpräsident Volker Bouffier im NAL am „Gießener Tag des Erinnerns“ über „Aufstehen für Freiheit“ sprechen. Solche Auftritte sind wichtig für die Außenwirkung, wie Greiner sagt. Zumal Gauck die Bedeutung von Freiheit auch am Beispiel seiner eigenen Familie eindringlich verdeutlichte und klar Stellung gegen jene bezog, welche die DDR verklären oder die Nähe zu Russland und dem Putin-Regime suchen.
Im Mai kamen 3000 Besucher ins Museum
Das Museum muss sich aber im Alltag bewähren. Zwölf hauptamtliche Beschäftigte werden von zwei studentischen Hilfskräften und einem Dutzend freier Mitarbeiter unterstützt, die Gruppen durch die Schau führen und Workshops machen. Nach einer Anlaufzeit spricht sich das Angebot zunehmend herum. Rund 15.000 Besucher hatte sich Greiner für das erste Jahr zum Ziel gesetzt – etwa 20.000 hat der Lern- und Erinnerungsort aber schon gezählt. Allein im Mai kamen 3000 Jugendliche und Erwachsene an den Meisenbornweg. 308 Führungen hat es seit Jahresbeginn gegeben, wie der Geschäftsführer sagt. Mit Blick auf Personal und Räume kommt das Museum sogar an die Grenzen seiner Möglichkeiten.
Dabei muss es sich noch bekannter machen, wie Greiner zugibt. Selbst viele Menschen in Gießen und der näheren Umgebung wissen nichts von diesem Museum und zeigen sich überrascht, wenn sie sprichwörtlich darüber stolpern. Auf Instagram zeigt es sich unter nal_giessen so rege wie zeitgemäß. Doch die Reichweite dieses Kanals hat seine Grenzen.
Bildungsbürger erreiche das NAL doch eher mit klassischen Plakaten, Aushängen und Flugblättern, sagt Greiner. So wird es zur Diskussion zwischen Bouffier und Thierse das erste gedruckte Halbjahresprogramm auslegen. Einen Ausstellungskatalog im handlichen Format gibt es am Meisenbornweg für acht Euro das Stück, Startauflage 10.000 Stück. Neuerdings wirbt der Lern- und Erinnerungsort für sich auch auf Bildschirmen im Frankfurter Hauptbahnhof.
Für einen Bekanntheitsschub könnte der Auftritt des Museums auf der Spielemesse Gamescom im August in Köln sorgen. Dort wird ein Teil des Teams das Digitalspiel „Grenzgänger“ präsentieren, das schon verfügbar ist. Darin können Spieler in die Rolle von drei Charakteren schlüpfen, die aus der DDR in den Westen gehen. Es geht um Spitzeleien im Freundeskreis, die damit verbundene Gefahr und die Frage des Vertrauens, aber auch um das damalige Aufnahmeverfahren im Notaufnahmelager Gießen.
Um vermehrt Kinder im Alter von fünf bis zwölf Jahren anzusprechen, wird das NAL bald eine Art Hörspiel einführen. Star ist Felix, ein magischer Kater, der das Notaufnahmelager von seiner Anfangszeit bis zur Schließung im Jahr 2015 erlebt hat und der die Zuhörer mit auf eine Rallye an Ort und Stelle nimmt. Zuvor aber präsentiert sich das Museum während des Hessentags. Von diesem Freitag an bis zum 21. Juni betreibt das Haus in Fulda einen eigenen Stand.
