Für die offizielle Präsentation wählt der Uruguayische Fußball-Verband (AUF) einen besonderen Schauplatz. In einem Saal des historischen Stadions Centenario in Montevideo wird Diego Forlán am Montagnachmittag Ortszeit in seiner neuen Funktion vorgestellt. Der ehemalige Top-Stürmer soll die Nationalmannschaft nach der enttäuschenden WM wieder in erfolgreiche Fahrwasser zurückführen.
Er löst damit Marcelo Bielsa ab, den sie in Südamerika nur „El Loco“ (den Verrückten) nennen. Dem 72-jährigen Argentinier gelang es nicht, den zweimaligen Weltmeister in die Runde der letzten 32 zu führen. Sieglos musste das Bielsa-Team in der Gruppe H dem späteren Weltmeister Spanien und dem Außenseiter Kap Verde den Vortritt lassen. Für Uruguay war das eine große Enttäuschung, für Bielsa das abrupte Aus.
Um zu verstehen, um was für eine geschichtsträchtige Position es für Forlán handelt, reicht ein Blick in die Historie und die Zukunft. Im Centenario fand 1930 das erste Finale einer Fußball-Weltmeisterschaft statt, das Gastgeber Uruguay dann auch gegen Argentinien 4:2 gewann. Und in genau vier Jahren soll dort nach aktuellen Plänen auch die nächste Weltmeisterschaft 2030 eröffnet werden.
Zusammen mit weiteren Eröffnungsspielen in Buenos Aires und Asunción, ehe der ganze Tross dann weiter nach Spanien, Portugal und Marokko umzieht. Es sei denn, der Präsident des Fußball-Weltverbandes FIFA, Gianni Infantino, setzt seine Erweiterungspläne mit 64 Mannschaften durch, dann dürften vielleicht auch für Südamerika noch ein paar Spiele mehr abfallen.
WM 2030 als Langzeitziel
Mit der WM 2030 ist zugleich das Langzeitziel von Diego Forlán identifiziert. Nach der Ära von Trainerlegende Óscar Washington Tabárez (2006 bis 2021) fiel die „Celeste“ (die Himmelblauen) in ein Identitätsloch. Weder Diego Alonso (2022 bis 2023) noch Bielsa (2023 bis 2026) gelang es, aus dem Schatten des charismatischen Tabárez herauszutreten.
Dem gelang es, eine mit hochgradig talentierten, charakterlich aber eben auch nicht einfachen Stars gespickte Auswahl wie Luis Suarez, Edinson Cavani aber auch Diego Forlán stets auf Kurs zu halten. Als die Weltstars in die Jahre kamen, wusste auch Tabárez, dass es Zeit für eine Veränderung war.
Suarez, Cavani und Forlán gehörten jener Generation an, die im Estadio Monumental 2011 in Buenos Aires gegen Paraguay die Copa América gewann und ein Jahr zuvor bei der WM in Südafrika das Halbfinale erreichte, im „kleinen Finale“ um Platz drei gegen Deutschland aber knapp 2:3 unterlag. Diego Forlán wurde anschließend als bester Spieler der WM ausgezeichnet.
Große Erfolge als Spieler
Der heute 47-Jährige hatte den Zenit seiner Spieler-Laufbahn erreicht. Die gehört mit 112 Länderspielen, in denen er 36 Treffer erzielte, zu den erfolgreichsten in der jüngeren Geschichte des Landes, das es trotz nur 3,5 Millionen Einwohnern immer wieder schafft, Top-Talente hervorzubringen. Forlán machte in Europa Karriere, lief unter anderem für Manchester United, Atlético Madrid und Inter Mailand auf. Mit Atlético jubelte er 2010 über den Gewinn der Europa League.

Das alles ist Segen und Fluch zugleich. Einerseits profitiert Diego Forlán von einem großen Sympathiebonus. Andererseits ist bei allen Mannschaften, die eine große Historie besitzen, die Erwartungshaltung der Fans groß, dass eben solche Erfolge wiederholt werden können. Der Verband hat sich für eine Doppellösung entschieden. Forlán soll nicht nur die Nationalmannschaft übernehmen, sondern auch die U-21-Auswahl der Südamerikaner. Wie lange diese Doppelverantwortung anhalten wird, ist noch nicht ganz klar.
In einer Verbandsmitteilung dazu heißt es: „Diego Forlán kehrt dorthin zurück, wo er unauslöschliche Spuren hinterlassen hat. Als Vorbild, Persönlichkeit und Aushängeschild einer unvergesslichen Generation kehrt der beste Spieler der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika nun zurück, um seine Erfahrung, seine Führungsqualitäten und sein tiefgreifendes Wissen über den internationalen Fußball als Trainer einzubringen.“
Erste Bewährungsprobe für Forlán
Forlan reiht sich damit ein in eine Reihe von großen Namen auf den Trainerbänken von Nationalmannschaften. In Deutschland versucht Jürgen Klopp die DFB-Elf wieder an alte Erfolge heranzuführen, in Frankreich wird der ehemalige Weltfußballer Zinédine Zidane am 1. September übernehmen.
Erste Bewährungsprobe für Forlán ist dann das Länderspielfenster im September. Seine größte Aufgabe: Im Talentreservoir Uruguays die Spieler zu finden, die das Land 2028 bei der Copa América und dann 2030 bei der WM wieder zu einer Großmacht werden lassen können. Unumstrittener Führungsspieler wird dann Fede Valverde (Real Madrid) sein, dessen Verhältnis zu Bielsa als nicht immer störungsfrei galt.
Forlán bringt aber den „Stallgeruch“ mit, den es braucht, um eine Nationalmannschaft zu führen, die immer davon gelebt hat, es mit den „Größeren“ in der Nachbarschaft aufzunehmen: Brasilien und Argentinien. Dieser typische Geist des Underdogs war unter Bielsa etwas verloren gegangen.
