Zwischen dem offensichtlichen und dem versteckten Zucker liegen nur wenige Schritte, aber eine ganze Welt. In der ersten Vitrine der Ausstellung, die am Sonntag im Heimatmuseum Seulberg eröffnet wird, stehen Tüten mit Rübenzucker, Kandis, Rohrzucker, Gelierzucker. In der letzten Vitrine will Erika Dittrich ein Lebensmittel zeigen, in dem manche keinen Zucker vermuten würden. Vielleicht eine Fertigpizza.
Zum Ende der Woche steckt die Museumsleiterin und Stadtarchivarin in den letzten Zügen für die Vernissage am Sonntag. Dann wird die Schau „Zucker – vom Luxusgut zum Alltagsprodukt“ in dem kleinen städtischen Museum in dem Stadtteil von Friedrichsdorf im Taunus um 15 Uhr eröffnet. Bis zum Nikolaustag können sich Besucher in die Geschichte des Lebensmittels vertiefen.
Anfangs diente der Zucker nicht der Nahrung, sondern er wurde seit der Antike und später im Mittelalter ausschließlich zum Heilen verwendet. Apotheker empfahlen ihn gegen Melancholie. Dittrich hat ein schönes Zitat der Mystikerin Hildegard von Bingen gefunden: „Zucker lindert und stärkt, doch soll er mit Maß genossen werden“, schrieb die Benediktinerin vor etwa 1000 Jahren.

Im Barock änderte sich die Sichtweise. An den Höfen zeugten kandierte Früchte auf den Tischen von Reichtum und Weltläufigkeit. Das Museum hat eine Konditorin beauftragt, ein paar Törtchen im Stil damaliger Köstlichkeiten herzustellen. Blumig und verlockend liegen sie hinter Glas. Tatsächlich hatte das Zuckerschlecken damals etwas Erotisches, wie die Kunsthistorikerin auch Gemälden der Zeit entnommen hat. Damals veränderte sich auch das Besteck. „Die Gabel wird wegen der Klebrigkeit von Zucker erfunden“, sagt Dittrich.
Zusammen mit den Mitgliedern des Vereins für Geschichte und Heimatkunde, die ihr beim Planen und Aufbauen helfen, hat die Stadtarchivarin sogar einen Selbstversuch zur Konsistenz einer nicht ganz so historischen Süßigkeit gemacht: Nappo.
Die mit Schokolade überzogenen, zähen Rauten kennen viele Besucher mit Sicherheit noch aus ihrer Kindheit. Die schon etwas älteren Exemplare, die in einem Mini-Kaufladen gezeigt werden, klebten beim Kauen nicht ganz so hartnäckig an den Zähnen wie frische Nappos, erzählt Dittrich. In die Schubladen hat sie auch Lutscher, Geleebeeren und Bonbons gefüllt, um die üppige Verführung des Zuckers zu zeigen. Darüber prangt der historisierende Schriftzug „Sellwicher Gudches“, Seulberger Süßigkeiten. Ein Geschäft dieses Namens gab es im Dorf nie, aber etliche Kolonialwarenläden boten Süßes an.

Auch die dunklen Seiten des Zuckers nimmt die Schau in den Blick. Das gilt vor allem für den Dreieckshandel von Zucker, Sklaven und Rum. Das alkoholische Getränk wird aus Melasse gewonnen, einem Abfallprodukt der Zuckerherstellung. Hinter einer Zuckerrohr-Kunstpflanze hängen Tafeln mit Texten zum Anbau der Pflanze in den Tropen, der die Kolonialherren reich machte. Schon Kolumbus schwärmte: „Dieses Rohr bringt eine Süße hervor, wie ich sie noch nie gekostet habe.“ Das ging in den Jahrhunderten nach der Entdeckung Amerikas vielen so. Der Zucker wurde zum globalen Handelsgut.
„Zu einem bitteren Preis“, sagt Dittrich. Sklaven aus Afrika wurden in die Karibik und nach Südamerika gebracht, um auf den Plantagen zu schuften. Auch heute sind die Bedingungen der Arbeiter oft hart. Eine Aufnahme von 1880 ähnelt einer aktuellen aus der Dominikanischen Republik verblüffend. „Ich dachte erst, das ist ein historisches Foto“, sagt die Stadtarchivarin.
In einer anderen Ecke geht es nicht um die weite Welt, sondern um die Heimat vor der Haustür. In Seulberg gibt es noch drei Rübenbauern. Einer davon und seine Mutter haben den Museumsleuten von der Ernte früher und heute berichtet. Den Aufnahmen können Besucher per Hörstift lauschen. Aus Rüben Zucker zu gewinnen, gelang erstmals dem preußischen Chemiker Franz Carl Achard im Jahr 1801. Frankfurt war ein Umschlagplatz für das Gut, das in der Wetterau wuchs und in einer 1981 geschlossenen Fabrik in Friedberg verarbeitet wurde, wenige Kilometer von Friedrichsdorf entfernt.
Der Zuckerwürfel wiederum wurde 1843 erfunden. Das Museum zeigt unfassbar viele Exemplare aus etlichen Ländern, Cafés und Betrieben. Die Sammlerin aus Seligenstadt, die sie dem Museum leiht, wird bei der Eröffnung darüber berichten.
In der Industrialisierung wurde Zucker zum Massenprodukt und verhalf Arbeitern zu schneller Energie. Der Preis für die Gesundheit ist weithin bekannt. Trotzdem isst und trinkt der Durchschnittsdeutsche täglich umgerechnet 38 Würfel Zucker. Viel davon steckt verborgen in Fertignahrung. Besucher können Perlen in eines von zwei Reagenzgläsern werfen. Die Abstimmung ist hochaktuell: Sind Sie für oder gegen eine Zuckersteuer?
