
Dass Politiker mit ihrer Leseliste kokettieren und sich damit einen Anstrich von Intellektualität geben wollen, ist kein neues Phänomen. Man denke etwa an Habecks Lobeshymne auf Melville, Scholz’ Tränen zu J. D. Vances „Hillbilly Elegie“ oder Wagenknechts Faust-Lektüren (Teil II, versteht sich).
Merz scheint eine Vorliebe für Narrenschiffe zu haben
Beliebig ist seine Wahl nicht, knüpft er damit doch an eine Vorliebe für die Narrenschiff-Metapher an, die er zuletzt vor vier Jahren bekundet hatte: „Stoppen Sie dieses rot-grün-gelbe Narrenschiff!“, rief er Bundeskanzler Olaf Scholz damals zu. Mittlerweile ist er selbst Steuermann einer meuternden Mannschaft.
Viele seiner Parteifreunde schätzen die Kommunikation des Kanzlers bei der Umbesetzung seines Kabinetts schließlich als ziemlich grob ein. Ein Narr, wer da nicht an das Narrenschiff-Buch Sebastian Brants aus dem 15. Jahrhundert denkt, in der ein Heiliger namens „St. Grobian“ auftaucht. Einen Tipp immerhin hält die mittelalterliche Moralsatire für solche Fälle bereit: „Es lebt auf Erden gar kein Mann, / Der recht thun jedem Narren kann“. Also erst einmal die Füße hochlegen im Urlaubsdomizil Tegernsee.
Von Platon bis Reinhard Mey: Die „Narrenschiff“-Thematik ist unerschöpflich
Da das Thema „Narrenschiff“ aber scheinbar so viel Anklang findet beim Kanzler: Wie wäre es darüber hinaus mit der Lektüre von Platons „Politeia“? Im sechsten Buch beschreibt Sokrates seinem Gesprächspartner Adeimantos ein Schiff, auf dem Kapitän und Matrosen sich um das Steuerrad balgen. Manövrierunfähig treibt das Boot davon, die Verantwortung für den Kursverlust schiebt man sich gegenseitig zu. Die Konsequenz für Platon: Ein Staat kann sinnvoll nur von einem Einzelnen regiert werden – und der sollte am besten Philosoph sein. Das kann man vom Ex-Blackrock-Chairman Merz nun wahrlich nicht behaupten.
Vielleicht taugt stattdessen die Betrachtung des „Narrenschiffs“ von Hieronymus Bosch, um das Verlangen nach närrischer Unterhaltung zu stillen? Vorausgesetzt natürlich, dass es nach den jüngsten Diebstahlserien in Frankreich überhaupt noch im Louvre hängt. Falls nicht, tut es vielleicht auch einfach ein Blockbuster. Wie wäre es mit „Fluch der Karibik“? Nachdem die Besatzung ihren Kapitän Jack Sparrow auf einer Insel ausgesetzt und das Aztekengold (Stichwort „Sondervermögen“) verprasst hat, lastet ein ewiger Fluch auf ihr. Merz könnte darin eine Warnung an seine aufbegehrende Partei sehen. Der Name des Schiffs lautet jedenfalls Black Pearl.
So bleibt dem Kanzler nur zu wünschen, dass seine „Schwarze Perle“ nicht „Kurs aufs Riff“ nimmt, wie Reinhard Mey es 1997 in seinem Lied „Narrenschiff“ besang. Gemeint war damals Helmut Kohl. Ein Jahr später wurde er abgewählt.
