
Arme Milliardäre! Im Juni und Juli erschienen in Frankreich zwei lange „Enthüllungsberichte“ über Bernard Arnault, den Gründer des Luxusgüterkonzerns LVMH und zeitweise reichsten Mann der Welt: das vierhundertseitige Buch „Bernard Arnault, son univers impitoyable“ der Modespezialistin Audrey Millet und eine Serie von sechs jeweils zweiseitigen Artikeln in „Le Monde“.
Auf Letztere reagierte Arnault höchstselbst mit einem dreiseitigen Brief auf dem X-Konto des LVMH-Pressediensts. Darin dankte er dem Pariser Abendblatt für das Auffahren der „schweren Artillerie“. Den Ton des Schreibens preisen Bewunderer auf der Plattform X als „beißend“ und „humorig“, Kritiker wie die Onlinezeitung „Mediapart“ geißeln es hingegen als ein galliges „Glanzstück der Selbstviktimisierung“. Gegen das Buch von Audrey Millet ging Arnault nicht selbst vor – doch der verbündete Medientycoon Vincent Bolloré hat es aus den 450 Relay-Verkaufsstellen in Frankreichs Bahnhöfen und Flughäfen verbannt.
Was steht in den „Enthüllungsberichten“, das dem Milliardär sauer aufstieß? Zunächst einmal: Beide Texte nennen sich „enquête“, enthüllen jedoch nichts Substantielles. Vielmehr kompilieren sie Informationen, die bereits publik waren. Das Buch beruht auf der Auswertung Hunderter audiovisueller und vor allem schriftlicher Quellen – mehrheitlich Presseartikel –; gesprochen hat die Autorin nur mit zehn Personen, die Arnault allesamt fernstehen.
Raphaëlle Bacqué und Vanessa Schneider konnten für „Le Monde“ den Milliardär selbst interviewen, dazu seine Frau und seine fünf Kinder. Hinzu kamen – teils namentlich, teils anonym – LVMH-Mitarbeiter sowie Entscheidungsträger aus Wirtschaft, Politik und Kultur. Herausgekommen ist freilich fast nur Hochglanz-Gossip, der wie Blattgold einen Kuchen aus bekannten Fakten ziert. Trotzdem haben beide Publikationen das Verdienst, den aktuellen Stand des Wissens über Arnault zu bündeln. Das Buch tut das chronologisch und in einer kurzatmig-griffigen Tonart, die Artikelserie thematisch und in einem süffigen Stil.
Auf die zwei größten Kritikpunkte, die man gegen Arnault erheben kann, ist der Milliardär in seiner Replik auf die „Le Monde“-Serie nicht eingegangen. Erstens überschreitet er in geschäftlichen Dingen mitunter empfindlich die Grenze zur Illegalität. Als er ab 2001 Hermès zu übernehmen trachtete, raffte er unter der Hand über 23 Prozent der Aktien des Traditionshauses zusammen. „Innerhalb dieser großen Familie“, schreibt „Le Monde“, „wurden die ‚schwachen Glieder‘ – die Verschuldeten, die Geschiedenen, die Ausgegrenzten, die ihre Aktien verkaufen mussten – von LVMH aufgespürt und umgarnt.“ Weder Hermès noch die französische Finanzmarktaufsichtsbehörde AMF wurden informiert – was Letztere mit einer Geldstrafe von acht Millionen Euro ahndete.
Anonyme Briefe, Kompromate und Beschattungen
Während der Schlacht um Hermès, die das bis heute unabhängige Haus gewann, wie zuvor während der siegreichen Offensive auf LVMH 1989/90 und des verlorenen Kriegs um Gucci 1999 bis 2001, kamen anonyme Briefe, Kompromate und Beschattungen zum Einsatz, wurden Telefongespräche mitgehört und Mülleimer durchwühlt. Dies geschah mithilfe ehemaliger Nachrichtendienstler – etwa Bernard Squarcini, der unter der Präsidentschaft von Nicolas Sarkozy Chef des Inlandsgeheimdiensts war. Ab 2013 spionierte „Le Squale“ („der Hai“) im Auftrag von LVMH François Ruffin aus, den linken Politiker und späteren Autor der Arnault-kritischen Kultdoku „Merci Patron!“. Squarcini wurde 2025 zu vier Jahren Gefängnis verurteilt und hat Berufung eingelegt; LVMH musste eine Buße von zehn Millionen Euro zahlen; ein zivilrechtlicher Prozess gegen Arnault persönlich ist in Vorbereitung.
Die zweite Kritik betrifft das Verhältnis des Milliardärs zur Pressefreiheit. Missliebige Publikationen werden mit dem Entzug von Werbung und mitunter sogar des Zugangs zu Informationen bestraft. 2024 kamen so sieben Titel auf eine schwarze Liste: Kein LVMH-Mitarbeiter darf mit ihnen sprechen, unter Androhung schwerster Strafen. Die Journalisten von Arnaults Print- und audiovisuellen Medien sollen ihrerseits die Interessen von LVMH sowie den Geschmack ihres obersten Chefs bedienen.
Totgeschwiegen werden so der Erzrivale François Pinault und dessen Kering-Konzern sowie „Linksradikale“ wie Ruffin oder der Ökonom Gabriel Zucman, Autor des vieldiskutierten Vorschlags einer Mindeststeuer auf das Nettovermögen der Superreichen. Dafür betreibt die Illustrierte „Paris Match“ seit der Übernahme durch LVMH 2024 regelmäßig Schleichwerbung zugunsten konzerneigener Marken wie Dior und Vuitton. Und dem Sender Radio Classique hat Arnault eine Liste von dreißig Komponisten diktiert, deren Werke ausgestrahlt werden dürfen. Vor allem kein Messiaen oder Boulez!
Ein letzter möglicher Kritikpunkt wären Arnaults „fehlende Antikörper gegen den Rechtsextremismus“, wie es ein Beobachter ausgedrückt hat. Gewiss hat der Milliardär 2002, 2017 und 2022 dazu aufgerufen, Jean-Marie Le Pen und hernach Marine Le Pen nicht ins höchste Staatsamt zu wählen. Aber er ist heute eng mit Trump, Musk und dem Kushner-Klan liiert. Und er nähert sich dem reaktionären Bolloré an, der zu einem Schulterschluss zwischen Konservativen und Rechtsextremen aufruft.
Für „Mediapart“ ist der Fall klar: Arnaults Konzern geht es schlecht. Die ungeregelte Nachfolge des Siebenundsiebzigjährigen sorgt für Nervosität – alle fünf Kinder stehen in den Startlöchern. China gehen Geld und Gusto für Luxus aus, die USA erheben erratische Zölle, der Kurs der LVMH-Aktie ist seit 2023 um die Hälfte gefallen. So setze Arnault nunmehr auf besagte Union der Rechten: auf eine Mischung aus „Libertarismus, um Anteil und Rechte der Arbeit weiter zu drücken, aus Nationalismus, um den Protektionismus zu rechtfertigen und den Volkszorn auf anderes zu richten als auf das Kapital, und aus Autoritarismus, um den Fortbestand der bestehenden Gesellschaftsordnung zu sichern“. Im April hat der Magnat erstmals mit Marine Le Pen diniert.
