Zweimal trifft Cora ihre verschollene Freundin Olympia nach langer Zeit wieder: Das erste Mal im Corona-Sommer von 2020 am Rand eines Supermarkts, als sich die Mädchen, die als Kinder im selben Hochhaus wohnten und viel Zeit miteinander verbracht hatten, gleichzeitig über ein sterbendes Kaninchen beugen. Die Freude über das Wiedersehen ist groß, und nachdem Olympia das Tier mit einem gezielten Steinschlag erlöst hat, beginnt eine neue, intensive Phase ihrer Freundschaft.
Die beiden Sechzehnjährigen verbringen viel Zeit miteinander, obwohl sie ganz unterschiedliche Leben führen. Olympia ist nach der zehnten Klasse von der Schule abgegangen, Cora hat sich hartnäckig ein Stipendium für eine Privatschule erkämpft, die sich ihre Eltern nie hätten leisten können. Olympia jobbt für einen gewissen Elson und hütet während dessen Abwesenheit seine Villa und das zugehörige große Grundstück mit Teich und Hühnerstall. Bald verbringen Cora und sie die Sommerwochen in diesem Haus.
Das zweite Wiedersehen ist sehr einseitig und medial vermittelt. Cora geht inzwischen nicht mehr auf die Privatschule, sondern arbeitet hinter der Fleischtheke eines Supermarkts. Dann sieht sie in den Nachrichten Bilder ihrer Freundin, die als Terroristin gesucht und nun auf der Flucht festgenommen wurde. Olympia sieht einem Prozess entgegen, angeklagt als Mörderin. Und Cora muss sich nicht nur selbst mit ihrem Part in Olympias Geschichte auseinandersetzen, sondern wird auch von anderen darauf angesprochen. Der neuen Kollegin etwa, die sich auffällig für sie interessiert. Und den alten Freunden von damals, die es unfair finden, dass Olympia für das Geschehene büßen soll und Cora nicht.
Sie will geliebt werden
Franziska Gänsler lässt Cora ihre Geschichte erzählen, in ihrer eigenen Dramaturgie und Reihenfolge. Das macht die Perspektive des Romans umso interessanter, je augenfälliger es wird, dass Cora zwar viel berichtet, entscheidende Stationen aber nur streift und zunächst auslässt. Zudem erzeugt die gewundene Chronologie Cliffhanger, die erst verspätet aufgelöst werden – was hat es mit den drei Menschen auf sich, die urplötzlich im bunkerhaften Vorratskeller von Elsons Villa liegen, wie tot, aber mit aufgerissenen Augen? Und warum bricht die Erzählung in dem Moment ab, in dem die verängstigten Mädchen die drei Fremden dann plötzlich wieder im Garten sehen, lädiert, aber offensichtlich lebendig?
Cora also dirigiert ihre Erinnerungen, malt aus und hält zurück, und je länger sie das tut, umso stärker wird die Aufmerksamkeit der Leser auf die Berichterstatterin selbst gelenkt. Dass sie um die Akzeptanz ihrer Umwelt ringt, wird rasch deutlich, dass sie sich anpasst und dazugehören möchte, auch wenn sie dafür sich selbst aufgeben muss.
Wenn sie nicht lernt, um sich ihr Stipendium immer neu zu verdienen, studiert sie Internetseiten, die darüber aufklären, woher man möglichst ähnliche Kopien von Markenartikeln beziehen kann und wie man echt von gefälscht unterscheidet. Sie hat ein waches Sensorium für Ablehnung, die ihr gilt, ausgebildet und versteht sich darauf, ihre Gesprächspartner zu spiegeln, um gemocht zu werden. Als später Ariel, eine der Fremden, die plötzlich in der Villa aufgetaucht sind, ihr Verhalten durchschaut und Cora damit bloßstellt, verunsichert sie damit das ehrgeizige Mädchen tief.
Im Keller kommen der Idealist und die Geschäftsfrau zusammen
Ariel gehört zu einer Gruppe von Aktivisten, die der Villenbesitzer Elson auf seinem Grundstück wohnen lässt. Sie werden immer mehr, und Cora muss nicht mehr nur diese idyllische Anlage mit lauter Fremden teilen, sondern auch Olympia. Dabei entwickelt sich eine Dynamik, die sie erneut auf einen Platz am Rand verweist – sie gehört nicht recht dazu, weil sie weiterhin in die Schule geht und dafür arbeitet, während sich die anderen darauf konzentrieren, der drohenden ökologischen Katastrophe etwas entgegenzusetzen: Mit friedlichen Verkehrsblockaden, die von der anderen Seite unfriedlich beantwortet werden, und mit Gedankenspielen um radikalere Aktionen.
So erzählt Cora keine Heldinnengeschichte, weil ihre Motivation, sich beim gewalttätigeren Klimaprotest hervorzutun, nicht inhaltlich begründet ist, sondern vom Wunsch nach Anerkennung. Für den Roman ist das kein Fehler, auch wenn er besonders in der zweiten Hälfte Zufall an Zufall reiht, um die Handlung voranzutreiben und Coras besondere Rolle darin zu unterstreichen. Misstrauen gegenüber der Erzählerin ist dabei angebracht, und je mehr fragt man sich, womit man es zu tun hat: mit einem schließlich doch noch abgelegten Geständnis gegenüber den Behörden? Den alten Freunden um die krebskranke Vaterfigur Elson? Der Überwachungskamera am Grundstück, auf dem sich die Katastrophe abspielt?

Die Stärken des Romans liegen in solchen Schilderungen, die ausführlich Landschaften, Orte, Häuser vor allem beschreiben, und man ahnt, über welche analytische Gabe Cora verfügt, wenn sie mit großer Effizienz das Innere der Architektenhäuser darstellt, in denen ein großer Teil der Handlung angesiedelt ist: die Glasfronten, die Stahleinfassungen, die Keller – wer es sich leisten kann, legt umfangreiche Vorräte an, darin gleichen sich der umweltbewegte Idealist und die kalte Geschäftsfrau –, die Gewächshäuser im Garten, alles steht vor Augen und nimmt seinen Platz in der Geschichte ein.
Auf der anderen Seite steht die bisweilen recht unglücklich verwendete Sprache. Manchmal legt Gänsler ihrer Erzählerin Worte in den Mund, die nicht zu ihr zu passen scheinen. Mit Blick auf Olympias Familie bemüht sie ein Bild aus der Natur, die sie umgibt: „Pollen sanken in der Luft um uns, wie langsamer Schnee. Irgendwo gab ein Baum sie frei, weich und leicht, irgendwo hofften sie auf Halt. Während Olympia sprach, kamen sie, ihre Schwester und ihre Mutter mir vor wie drei davon. Nur temporär hier gelandet, konnte es sie jederzeit wieder davontragen.“
Derart herbeigezwungene Bilder sind keine Seltenheit in diesem Roman, in dem der Garten „im abendlichen Umtrieb“ um die Protagonisten steht oder die Erzählerin beim Tanzen ihr Verhältnis zur bewunderten Freundin sieht, „als wäre ich die Schale und sie das Innere, süß und weich“. Man muss einige Kompromisse eingehen, um mit dem Roman insgesamt seinen Frieden zu machen. Eine Auszeichnung mit dem Deutschen Buchpreis wäre eine Überraschung.
Franziska Gänsler: „Orca“. Roman. Verlag Kein & Aber, Zürich 2026. 368 S., geb., 25,– €.
