Es war ein dramatischer Einsatz: Am Commerzbank-Turm in der Frankfurter Innenstadt musste die Feuerwehr zwei Fassadenreiniger aus einer defekten Gondel in rund 240 Metern Höhe retten. Windböen hatten den Fahrkorb von der Glasfassade weggedrückt, die Gondel schlug mehrfach zurück. Für die Feuerwehr galt der Einsatz als „hochkritische Lage“ und als bisher höchste Rettung im urbanen Raum in Deutschland. Der Einsatz führt vor Augen, welche Gefahren die Arbeit an Hochhäusern mit sich bringt.
Wer in solchen Höhen seinen Arbeitsalltag bestreitet, verwendet unterschiedliche Hilfsmittel. Fassadenreiniger wie Yassin Alaoui mit seiner Firma Apriori und Artian Kryezia von Fassadenklar arbeiten meist in Gondeln oder auf Hubarbeitsbühnen, Industriekletterer wie Martin Semmel und seine 3er RAS Group hingegen hängen direkt an einem Seil. Alaoui hatte selbst jahrelang an Fassaden gearbeitet, bevor er Apriori mitgründete. „Ich habe immer noch Respekt vor dieser Höhe“, sagt er. Er spricht von der „schwierigsten Reinigungsarbeit, die mit sehr viel Risiko verbunden ist“.
Bevor ein Mitarbeiter seines Unternehmens an eine Hochhausfassade darf, muss er eine Reihe von Schritten absolvieren: jährliche Zertifizierungen, Einweisungen in die Technik jedes Gebäudes, kurze Tests. „Wir prüfen einmal kurz, ob alles einwandfrei funktioniert“, erklärt er. Gleichzeitig macht er klar, dass seine Leute darauf vertrauen, dass der Betreiber die Anlage regelmäßig prüfen lässt. Das ist laut TÜV-Verband einmal im Jahr nötig. Betreiber müssen im Wechsel jährliche Zwischen- und Hauptprüfungen beauftragen, Mängel werden dokumentiert und bewertet. Zusätzlich verlangt die Betriebssicherheit, dass die Anlage so gewartet wird, dass sie „sicher verwendet werden kann“.
„Ich habe immer noch Respekt vor dieser Höhe“
Die größte Unbekannte bleibt das Wetter. „Der Wind ist halt unberechenbar“, sagt Alaoui. Vor jedem Einsatz schaue er auf die Vorhersage. Von bestimmten Werten an gelte die Arbeit als nicht mehr sicher. Und selbst bei gutem Wetter bleibe die Belastung spürbar. „Wenn es 35 bis 40 Grad warm ist, wie letzte Woche, und man auf einer Gondel vor einem verglasten Gebäude steht, knallt einem schon die Sonne ins Gesicht“, berichtet er. Sonnenbrand sei eher die Regel als die Ausnahme.

„Sicherheit geht vor“, sagt Artian Kryezia von Fassadenklar. Bevor jemand in eine Gondel steige, blicke er auf Schienen, Kabel, Seile. Wenn etwas auffalle, werde nicht gereinigt. Bei neueren Anlagen lasse er die Gondel zuerst einmal im Leerlauf hinunter und wieder hochfahren, ohne Personal. „Um Schlimmeres zu verhindern, macht man so einen Leerlauf oder einen Test, ob alles okay ist“, sagt er. Die wichtigste Grundregel klingt schlicht: „Wenn einer in der Höhe nicht schwindelfrei ist, dann ist das nichts für ihn.“
Wenn trotz aller Sicherheitsvorkehrungen eine Gondel stehen bleibt, wie am Commerzbank-Turm, rücken die Höhenretter der Feuerwehr aus. Wer sich dort bewirbt, muss schwindelfrei, körperlich fit und belastbar sein. Der Grundkurs „Spezielle Rettung aus Höhen und Tiefen“ dauert zehn Tage. Danach beginnt das lange Training im Einsatzdienst. Höhenretter Michael Rauch von der Frankfurter Feuerwehr sagt: „Jeder Höhenretter muss 72 Stunden Fortbildung im Jahr nachweisen.“ Einmal pro Woche werde geübt, häufig auf hohen Objekten wie Hochhäusern, Kränen oder Türmen.
„Jedes Dach ist anders“, sagt Rauch. Oben schauten die Teams zuerst, wie sie dahin kommen, wo sie hin müssen. „Wie gelangen wir nach oben? Wo können wir unsere Seile festmachen? Wie können wir am besten übersteigen? Gibt es scharfe Kanten?“ Diese Ortskenntnis war auch am Commerzbank-Turm entscheidend. Dort hatten sie schon vorher geübt.
„Die Verletzungsgefahr kann erheblich sein“
Der Ablauf einer Rettungsaktion ist klar: Anfahrt, Anlegen der Ausrüstung, Erkundung, Lageeinweisung, Aufbau der Seilstrecken. Dann wird ein Höhenretter an einem Seil in die Gondel abgelassen. Die Person wird gesichert, medizinisch versorgt, in das Seilsystem eingebunden. „Wir entscheiden je nach Höhe des Hochhauses, ob wir die Personen aus der Gondel mittels einer Seilwinde hochziehen oder nach unten ablassen“, so Rauch. Welche Richtung gewählt wird, hänge von Wind, Höhe und Zeit ab. Unten übernimmt der Rettungsdienst.

Fabian Ommert, ein Höhenretter der Frankfurter Feuerwehr, der in der vergangenen Woche bei der Rettung dabei war, beschreibt, wie es sich anfühlt, wenn eine Gondel im Wind schaukelt. „Die Verletzungsgefahr kann erheblich sein“, sagt er. Prellungen, Einklemmungen, Brüche seien möglich. Wenn der Korb gegen die Fassade schlägt, könne er auch die Seile beschädigen. „Wir gehen immer mit zwei Seilen vor“, betont er. „Die Seilstrecke ist so aufgebaut, dass die Einsatzkräfte aus dem Gefahrenbereich gezogen werden können“, erklärt er.
Was diese Arbeit psychisch bedeutet, formuliert Ommert vorsichtig. „Wir setzen uns mit Wissen und Können dafür ein, der in Gefahr geratenen Person bestmöglich zu helfen“, sagt er. „Gleichzeitig behalten wir im Kopf, dass wir nach dem Dienst gesund zu unseren Familien zurückkehren können.“
Industriekletterer wie Martin Semmel setzen auf Seilzugtechnik. Seine 3er RAS Group bewegt sich direkt im Seil, ohne Korb. „In der Praxis sind technische Defekte oder aufwendige Rettungen bei Gondeln keine Seltenheit“, sagt er. Industriekletterer seien „in solchen Fällen oft flexibler und witterungsunabhängiger“. Wind, der sich an Hochhäusern verstärkt, mache Gondeln zu großen angreifbaren Flächen, so Semmel. „Wenn dieses Ding erst mal anfängt zu schaukeln, sind 20 Minuten verdammt lang“, sagt er.
Bei seinen Teams ist Rettung Teil des Alltags. „Jeder Kletterer muss seinen Kollegen retten können – immer und jederzeit“, betont Semmel. Seit zehn Jahren reinigen seine Teams Hochhäuser, darunter die Elbphilharmonie in Hamburg oder den EZB-Turm in Frankfurt, nach seinen Angaben „stets unfallfrei“. Jeder Kletterer arbeite mit zwei Seilen, einem Arbeitsseil und einem Sicherungsseil. „Für den Fall, dass das Arbeitsseil versagt, wird das Lastseil eher noch aufgefangen“, beschreibt er das Prinzip.
Für Michael Rauch zeigt der Einsatz am Commerzbank-Turm, „dass sich gute Ausbildung, Ortskenntnis, regelmäßiges Üben und eine gute technische Ausstattung immer bezahlt machen“. Deswegen wünscht sich die Feuerwehr vor allem eines: Gebäude, an denen sie üben dürfen. „Die meisten Betreiber sind hier jedoch sehr hilfsbereit“, sagt Ommert.
