Menschenmassen begleiten den Sarg, iranische Flaggen wehen am Straßenrand, riesige Banner mit dem Konterfei von Ali Khamenei hängen von Hauswänden, Trauernde feiern den „großen Märtyrer“.
Es sind bekannte Bilder von den Trauerprozessionen für den getöteten Obersten Führer Irans – doch sie kommen aus dem Nachbarland Irak. Schon am Dienstagabend landete ein Flugzeug mit Khameneis Leichnam in der schiitischen Pilger- und Gelehrtenstadt Nadschaf, wo religiöse Feierlichkeiten ebenso stattfinden wie in Kerbela, ebenfalls eine wichtige Pilgerstätte. Zu Lebzeiten hatte Khamenei als 18 Jahre alter Pilger beide Städte besucht. Seit dieser Reise im Jahr 1957 war er nicht wieder dorthin zurückgekehrt.
Dass der Leichnam eines frommen schiitischen Muslims vor der Beisetzung noch einmal nach Nadschaf überführt wird, ist nicht ungewöhnlich. Viele Schiiten wünschen sich, dass sie noch einmal zum Grab der Erlöserfigur ihres Glaubens gebracht werden. Ali Ibn Ali Talib, der vierte Kalif, ein Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, liegt in Nadschaf im Imam-Ali-Schrein begraben.
Es gibt allerdings kaum Präzedenzfälle dafür, dass ein ausländischer Würdenträger auf eine Weise geehrt wird wie Khamenei im Irak. „Die umfassende Planung dieses historischen Ereignisses durch die irakische Regierung und das irakische Volk zeigt der ganzen Welt die Tiefe der geistigen Verbundenheit zwischen den beiden großen Nationen Irak und Iran“, erklärte Esmail Qaani, Kommandeur der Quds-Brigaden, einer Eliteeinheit in den Reihen der iranischen Revolutionswächter, die für Auslandsoperationen zuständig ist. Irakische Beobachter sprechen weniger verbrämend von iranischer Machtprojektion.
Die Revolutionswächter steuern irakische Milizen
„Das iranische Regime zeigt, dass es nach wie vor großen Einfluss im Irak hat – nicht nur politisch und ideologisch, sondern auch sozial auf die Schiiten im Land“, erklärt Renad Mansour, ein irakischer Experte von der Denkfabrik Chatham House. Die Gedenkfeiern im Irak sollen nach seinen Worten den Beweis für die Widerstandsfähigkeit der iranischen Netzwerke liefern. Dazu zählen Iran treu ergebene Politiker und Persönlichkeiten ebenso wie bewaffnete Gruppen.

Schiitische Milizen im Irak, die von den iranischen Revolutionswächtern gelenkt werden, sind ein wichtiger Truppenteil der durch den Irankrieg geschwächten Schattenarmee Teherans. Sie waren auch maßgeblich in die Organisation der Khamenei-Trauerprozessionen im Irak eingebunden. In den vergangenen Monaten waren diese Gruppen Iran laut übereinstimmenden Berichten aus Sicherheitskreisen mit Angriffen auf arabische Verbündete der USA wie Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate zur Seite gesprungen.
Während des Kriegs mit den USA und Israel hat das Regime in Teheran den Griff auf seine irakischen Erfüllungsgehilfen verstärkt und militarisiert, wie Renad Mansour berichtet. „Die iranischen Revolutionswächter sind jetzt direkt in das operationelle Tagesgeschäft loyaler irakischer Milizen eingebunden“, sagt er. Von Milizkommandeuren sind auch entsprechende Berichte überliefert. Wie Mansour weiter erklärt, sind das Außenministerium und die Botschaft in Bagdad als Einfluss nehmende Akteure an den Rand gedrängt worden. „Der Irak ist Teil des regionalen Schlachtfeldes“, sagt er.
Iraks Ministerpräsident kann sich nicht entziehen
Die irakische Regierung ist in einer schwierigen Lage. Sie will das Land aus der bewaffneten Konfrontation zwischen den USA, die Bagdad als Partner braucht, und dem einflussreichen sowie übergriffigen Nachbarland heraushalten. Jetzt, da diese wieder eskaliert, ist es noch schwieriger, Teheran nicht zu verärgern und zugleich Washington bei Laune zu halten.
Die Amerikaner üben laut Angaben von Diplomaten massiven Druck aus, die irantreuen Milizen zu entwaffnen oder wirklich in die staatlichen Sicherheitskräfte zu integrieren. Regierungschef Ali al-Zaidi, ein 40 Jahre alter Banker und Multimillionär, der erst im Mai als unerfahrener Kompromisskandidat ins Amt gekommen ist, wird in der kommenden Woche in Washington erwartet.

Zugleich kann er sich den iranischen Feierlichkeiten in seinem Land nicht entziehen. Zaidi reiste nach Nadschaf zum Empfang von Khameneis Leichnam. In der irakischen Presse wurde berichtet, der Ministerpräsident habe Teheran darum gebeten, die politischen Untertöne zu vermeiden. Er hat den Mittwoch zu einem nationalen Feiertag erklärt.
Vor allem Irans Oberstem Führer verpflichtet
Wie seine Vorgänger ist auch Zaidi mit dem Versprechen angetreten, dem irantreuen Eigenleben der Milizen ein Ende zu bereiten. „Die Gründe, die einst das Tragen von Waffen erforderlich machten, sind verschwunden“, bekräftigte unlängst der irakische Regierungssprecher im Fernsehen. „Heute besteht kein Bedarf mehr von Waffen außerhalb der staatlichen Autorität.“
Das ist eine Anspielung auf den Krieg gegen den „Islamischen Staat“ (IS) von 2013 bis 2017, für den sich Heerscharen von Freiwilligen gemeldet hatten. Viele einstige Kämpfer sind jetzt unter dem Banner der „Volksmobilisierung“ (Al-Haschd al-schabi), einem paramilitärischen Dachverband, in die staatlichen Sicherheitskräfte integriert. Kämpfer irantreuer Milizen mit bestenfalls gemischten Loyalitäten gehören diesem Dachverband ebenso an.
Manche Gruppen scheinen ihr Heil tatsächlich darin zu suchen, sich als irakische Akteure und Teil der Institutionen zu positionieren. Schließlich haben sich die Milizen eigene Patronagenetzwerke in der Politik und Wirtschaftsimperien aufgebaut. Nur fühlen sich einige – kampfstarke – Gruppen vor allem dem Obersten Führer Irans verpflichtet. Und diese versperren sich erklärtermaßen einer Entwaffnung durch den Staat. So herrscht große Skepsis, dass Zaidi sein Versprechen erfüllen kann.
Irakischer Großajatollah lässt sich entschuldigen
Doch nicht nur für die irakische Politik ist die irakische Etappe von Khameneis Trauerzug eine Herausforderung. Die iranische Machtprojektion hat auch eine religiöse Komponente. Es gibt Konkurrenz zwischen den irakischen und iranischen Zentren schiitischer Gelehrsamkeit. Khameneis religiöse Legitimation und sein Anspruch auf umfassendere religiöse Autorität sind umstritten. Der einflussreiche irakische Großajatollah Ali al-Sistani lehnt das iranische Konzept der „Herrschaft der Rechtsgelehrten“ ab und hat dieses immer wieder herausgefordert.

Für die Gebete am Imam-Ali-Schrein in Nadschaf hatte sich der 95 Jahre alte Religionsgelehrte laut Medienberichten aus gesundheitlichen Gründen entschuldigen lassen. Angesichts seines Alters steht die Frage im Raum, wer ihm nachfolgt, und es wird erwartet, dass Iran dann massiv Einfluss zu nehmen versucht.
Erinnerung an ein Himmelfahrtskommando
Auf seinem letzten Weg wird Khameneis Leichnam auch in eine Stadt gebracht, die Sistanis Anhänger als dessen „Sendemast“ bezeichnen: Kerbela, wo der irakische Großajatollah zum Freitagsgebet seine Botschaften verbreitet. Die (religiös gefärbte) politische Symbolik dieser Station ist womöglich noch größer als jene in Nadschaf. Denn die Geschichte von Kerbela ist ein elementarer Bestandteil der Ideologie der Islamischen Republik, die daraus auch Legitimation bezieht.
Im Jahr 680 wurde hier eine entscheidende Schlacht in einem Machtkampf um den Herrschaftsanspruch über die Gemeinschaft der Muslime geschlagen. Hussein, der Sohn Imam Alis und Enkel des Propheten, führte eine kleine Schar Getreuer gegen eine Übermacht in den sicheren Tod. Sein Himmelfahrtskommando besiegelte die Spaltung der Gemeinschaft der Muslime. Aus der Partei Alis (Schiat Ali) entwickelte sich die schiitische Richtung im Islam. Für deren Anhänger ist Hussein, der in Kerbela begraben liegt, eine tief verehrte Gründerfigur – und ein Beispiel der Opferbereitschaft für eine höhere Sache.
Anhänger Khameneis haben dessen Tod mit der Ermordung Husseins verglichen. Kerbela wird in der Propaganda Irans und seiner Verbündeten immer wieder als Referenz für den aktuellen Krieg verwendet. Und als vermeintlicher Beweis dafür, dass auch im Tod ein Sieg liegen könne.
