Die Serie ukrainischer Drohnenangriffe auf russische Raffinerien reißt nicht ab. In der Nacht auf Mittwoch brach im Ölverarbeitungswerk von Saratow an der Wolga, das dem Konzern Rosneft gehört, ein Brand aus, wie auf dem Messenger Telegram veröffentlichte Aufnahmen zeigten. Der Gouverneur der Region berichtete ohne konkrete Ortsangabe, „feindliche“ Drohnen hätten „Objekte der zivilen Infrastruktur beschädigt“, es gebe Verletzte, eine Person sei getötet worden.
Die Raffinerie von Saratow, eine der ältesten in Russland, war schon im März, Ende Mai sowie im vergangenen Jahr mindestens zehnmal angegriffen worden, wie der Telegramkanal Astra berichtete. Auch über Nischnekamsk in der Teilrepublik Tatarstan stieg Rauch auf, wie Aufnahmen zeigten, obwohl der Bürgermeister der Stadt dazu aufrief, die Arbeit der Flugabwehr oder die Folgen des Angriffs nicht zu filmen. Es seien „einzelne Unternehmen von Nischnekamsk“ beschädigt worden, teilte der Funktionär mit.
Ins Detail ging er nicht, doch laut dem ukrainischen Kanal Exilenova+, der zahlreiche Aufnahmen aus der Stadt veröffentlichte, die Anwohner gemacht hätten, wurden eine Fabrik, die Plastik und synthetischen Kautschuk herstellt, sowie neuerlich eine Raffinerie getroffen. Auch diese Aufnahmen zeigten dunklen Rauch. Der ukrainische Kanal Supernova+ bestätigte, dass die Raffinerie beschädigt worden sei.
Bereits mehrfach angegriffen
Seit dem Frühjahr hat die Ukraine ihre Schläge gegen russische Raffinerien deutlich ausgeweitet und damit die Treibstoffproduktion des Landes so empfindlich getroffen, dass es nun auf Import setzt, um den in vielen Regionen grassierenden Mangel zu beheben, der unter anderem zu langen Schlangen an Tankstellen führt. Fachleute rechnen aber vor, dass die Einfuhroptionen aus Belarus, Indien und Kasachstan bei Weitem nicht ausreichen, um den Bedarf zu decken.
Und die Angriffe gehen weiter. Das Exilmedium Agentstwo zählte am Mittwoch auf, insgesamt habe die Ukraine in diesem Jahr schon 16 russische Raffinerien mehrfach angegriffen, die zusammen mehr als 160 Millionen Tonnen Öl im Jahr verarbeiteten, gut 54 Prozent der Kapazitäten des Landes. Einschließlich von neun weiteren Raffinerien, die demnach je einmal angegriffen wurden, betrage der Anteil gar 82 Prozent. Mindestens 13 der angegriffenen Raffinerien haben demnach ganz oder teilweise den Betrieb eingestellt.
Zu ihnen zählt das im Mai sowie zweimal Mitte Juni angegriffene Ölverarbeitungswerk von Kapotnja im Südosten Moskaus, das laut Reuters bis mindestens Ende des Jahres ausfallen dürfte. Nun berichtete die Nachrichtenagentur, dass auch die Raffinerie von Omsk, die größte in Russland, ihren Betrieb eingestellt habe. Am Montag hatten Drohnen das Werk angegriffen, das etwa 2500 Kilometer von der Front in der Ukraine entfernt liegt.
Das ist ein neuer Rekord; der vorherige war erst am 20. Juni verzeichnet worden, als Drohnen eine Raffinerie im westsibirischen Tjumen getroffen hatten, mehr als 2200 Kilometer von der Front. Danach hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj geäußert, man habe Drohnen entwickelt, die mehr als 3000 Kilometer zurücklegen könnten. Der Angriff auf die Raffinerie von Omsk zeige, dass die Ukraine nun 33 von 45 der größten russischen Ölverarbeitungswerke erreichen könne, auf die 85 Prozent der Kapazitäten entfielen, so Agentstwo.
Wie lückenhaft die russische Luftverteidigung ist, zeigen auch nun veröffentlichte Aufnahmen aus Nischnekamsk: Eine Drohne steuert anscheinend unbehelligt sowie unter den Augen einer Menge aus Arbeitern und wohl auch Schaulustigen, von denen viele trotz Verbots filmen, ihr Ziel an. Ende Juni hat der russische Herrscher Wladimir Putin befohlen, die Herstellung der wichtigsten Luftverteidigungssysteme „schnell und wesentlich auszuweiten“. Aber mindestens kurzfristig könnte Russland vor dem Problem stehen, sich zwischen dem Schutz militärischer Objekte und dem von Raffinerien, Öllagern und anderen Einrichtungen der Energieindustrie entscheiden zu müssen.
Auch Tanker der sogenannten Schattenflotte werden zum Ziel. Nach Angaben des Kommandeurs der ukrainischen Drohnenstreitkräfte wurden in der Nacht auf Mittwoch im Asowschen Meer neun dieser Schiffe angegriffen. Damit sei die Zahl der von ukrainischen Drohnen in den vergangenen drei Tagen beschädigten Tankschiffe auf 19 gestiegen. Zudem sind nach ukrainischen Angaben ein Frachtschiff und eine Fähre getroffen worden, die die Krim mit dem russischen Festland verbindet.
Infolge der seit Anfang Juli verstärkten Angriffe auf Umspannwerke und Kraftwerke ist es auf der besetzten Halbinsel in der Nacht zu Mittwoch fast überall zu Stromausfällen gekommen. Nach Angaben des russischen Stromversorgers Krymenergo waren der Nordwesten und der Osten der Halbinsel ohne Strom.
