Nicht einmal der einsetzende Regen hat die Fans gestört: Mit einem Fest im Garten und auf der Straße hat das Strandcafé im Nordend sein Ende würdig begangen. Nach 48 Jahren Cafébetrieb in dem Eckhaus Koselstraße/Weberstraße endet auch ein Stück Frankfurter Stadtgeschichte. Gegründet hatte das Strandcafé, benannt nach der Achtundsechziger-Parole „Unter dem Pflaster liegt der Strand“, der spätere Gründer des Tigerpalasts, Johnny Klinke: Er hatte seinen Teil der Miete für die WG, die er mit Matthias Beltz, Tom Koenigs und Joschka Fischer an der Eschersheimer Landstraße hatte, erwirtschaften müssen.
Das Kollektiv aus der sogenannten Sponti-Szene, die das Café in den Anfangsjahren betrieben hat, schrieb später lokale und nationale Geschichte, die legendäre Fußballmannschaft um Joschka Fischer hatte zu den Stammgästen der ersten Generation gehört. Über Jahre hinweg haben sich dort nicht nur diese Szene, die Gruppen der Frauenbewegung und die ersten Mandatsträger der noch jungen Partei Die Grünen getroffen, das Strandcafé, dessen Markenzeichen ein über die Jahrzehnte immer klappriger werdender Strandkorb im Gastgarten war, den die Gründergeneration angeblich an der Ostsee entwendet hatte, ist stets auch ein Treffpunkt für Künstler und die Nachbarschaft gewesen.

Bis zum letzten Tag hat eine gerahmte Ausgabe der einstigen ultralinken Stadtzeitung „Pflasterstrand“ zur Ausstattung gehört. Auf einem Cover: die Tänzerin und Tanzpädagogin Johanna Knorr, die viele Jahre ihr Tanzstudio eine Straße weiter in der Eisernen Hand gehabt hatte. „Ich habe hier meinen ersten Latte macchiato getrunken“, erinnerte sie sich am Abschiedsabend. Denn Klinke hatte seinerzeit mit einer italienischen Siebträgermaschine, womöglich der ersten der Stadt, Erfolg.
Beliebt ist das Strandcafé bis zuletzt gewesen. Doch schon seit Corona habe das Kernteam ans Aufhören gedacht, erläutern die langjährigen Mitarbeiter Stefan Olt und Ruben Sperling. Die Leute konsumierten weniger, das Abendgeschäft lief immer schlechter. Man habe versucht, sich anzupassen, Kartenzahlung eingeführt und die Speisekarte verkleinert. Das Café sei immer seinen Prinzipien treu geblieben: ein offener Ort zu sein, nicht „instagrammable“, alles selbst gemacht und den Gästen zugewandt. „Es sind jetzt zum Abschied Leute gekommen, die hatten hier vor 30 Jahren ihr erstes Date“, berichtet Sperling. Eine Frau habe den großen Spiegel kaufen wollen: In ihm hatten sich die Augen eines Paares zum ersten Mal gekreuzt, das nun seiner Hochzeit entgegensieht.
Zur Eröffnung am symbolhaft gewählten 1. Mai 1978 sollen angeblich 3000 Gäste gekommen sein und auf der Straße gefeiert haben. So viele sind es am letzten Betriebstag, dem 29. Mai, nun nicht geworden: Aber Weggefährten, alte und jüngere Stammgäste tauschten bis tief in den Abend Erinnerungen aus. Die neuen Betreiber, die übernehmen, wollen nicht nur das Konzept radikal ändern. Der Name Strandcafé ist jetzt Geschichte.
