Herr Professor Piątkowski, Polen könnte in diesem Jahr Frankreich als zweitwichtigsten Handelspartner Deutschlands innerhalb der Europäischen Union ablösen. Die deutschen Investitionen in die Verkehrswege nach Osten kommen trotzdem nur schleppend voran. Nutzen die beiden Nachbarn das Potential für den Handel aus?
Auf der polnischen Seite gibt es großes Interesse, mehr Verbindungen nach Deutschland zu schaffen. Das würde beiden Ländern noch mehr gute Geschäfte ermöglichen. Deutschland kommt mit Investitionen in die Infrastruktur nur langsam voran. Eine Zugfahrt von Berlin nach Breslau dauert immer noch vier Stunden. Vielleicht liegt das auch daran, dass die wirtschaftliche Dynamik in Polen in Deutschland nicht richtig wahrgenommen wird.
Polen wird in diesem Jahr abermals mehr als drei Prozent wachsen, während die Prognosen für Deutschland in der Größenordnung von 0,5 Prozent liegen.
Genau. Polen wird in diesem und im nächsten Jahr wohl erneut die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft in der Europäischen Union sein, nachdem sie schon in den vergangenen 36 Jahren fast ununterbrochen gewachsen ist. Das ist Europas größte wirtschaftliche Erfolgsgeschichte. Es ist eine Entwicklung, die mit Südkorea und den ostasiatischen Tigerstaaten vergleichbar ist. Das durchschnittliche Einkommen ist seit 1990 um das Dreieinhalbfache gestiegen. Polen war damals fast so arm wie Jamaika. In diesem Jahr wird es reicher als Spanien sein. Das ist eine unglaubliche Geschichte, und man würde eigentlich erwarten, dass im Zuge dieser Entwicklung längst Hunderttausende deutsche und polnische Unternehmen kooperieren. Aber man sieht davon nur wenig.

Haben Sie eine Erklärung dafür?
Ökonomisch ist das schwer zu erklären. Aber nicht nur die Unternehmen in Deutschland tun sich schwer mit dem Blick über die Grenze zum östlichen Nachbarn. Ich habe viele Freunde in Berlin, die noch nie in Polen waren. Dabei ist die Grenze auch auf den häufig immer noch eingleisigen Bahnstrecken Richtung Osten in einer Stunde zu erreichen. Deutschland hat noch nicht verstanden, dass es ein Land mit der wirtschaftlichen Dynamik von Südkorea als östlichen Nachbarn hat. Dabei könnte das helfen, die strukturellen Probleme in Deutschland zu lösen.
Sie nehmen in diesem Jahr am Ostdeutschen Wirtschaftsforum in Bad Saarow teil. Der Aufholprozess der ostdeutschen Wirtschaft ist in Gefahr, heißt es in einer aktuellen Studie. Könnten engere Beziehungen zu Polen für neues Wachstum in der Grenzregion sorgen?
Ostdeutschland verfügt über starke Cluster wie die Halbleiterindustrie im Silicon Saxony. Aber es kann viel mehr getan werden. Eine stärkere Zusammenarbeit mit Unternehmen aus Polen auch im Rahmen von Joint Ventures ist eine Möglichkeit. Neue Verbindungen zwischen den Wirtschaftsräumen könnten auch durch Venturecapital und Infrastrukturinvestitionen geschaffen werden. Ostdeutschland könnte so stärker von der Dynamik der polnischen Wirtschaft profitieren.
Das Bruttoinlandsprodukt in Ostdeutschland liegt heute bei rund 85 Prozent von Westdeutschland. In Polen liegt es bei rund zwei Dritteln. Warum ist die Stimmung trotzdem besser?
Polen ist 1990 auf einem viel tieferen Einkommensniveau gestartet als Ostdeutschland, ungefähr bei einem Viertel des westdeutschen Niveaus. Seither hat Polen aber viel schneller aufgeholt, obwohl es nur ein Zehntel der Transferleistungen erhalten hat. Dieses Geld wurde in Polen vor allem in wachstumsfördernde Infrastruktur investiert. Bis 2035 wird Polen wahrscheinlich das durchschnittliche Einkommensniveau innerhalb der Europäischen Union erreichen und auch zu Ostdeutschland aufschließen.
Warum ist die Entwicklung in Polen seit 1990 besser gelaufen als in Ostdeutschland? Liegt das auch an dem im Vergleich zur Treuhand langsameren Privatisierungsprozess?
Ich kann mich zur Treuhand nicht äußern, aber eine Lektion aus der polnischen Erfolgsgeschichte ist sicher, Privatisierungen nicht übers Knie zu brechen. Polen hat viel später und in viel kleinerem Umfang privatisiert als die meisten anderen Staaten aus dem ehemaligen Ostblock. Die Eliten in Warschau haben aber auch in der Fiskalpolitik einen pragmatischeren Kurs als Deutschland verfolgt, der den wirtschaftlichen Aufschwung des Landes ermöglicht hat. Polen hat der Rückführung der staatlichen Verschuldung nicht den Vorzug vor Investitionen in die Zukunft gegeben. Hinzu kommt, dass junge Polen gemessen am Anteil der Fünfundzwanzig- bis Vierunddreißigjährigen mit einem Universitätsabschluss heute besser ausgebildet sind als junge Deutsche. Jeder glaubt, dass er Unternehmer sein kann, dieser Egalitarismus ist ein positives Erbe aus der Zeit des Kommunismus. Entscheidend ist die Mitgliedschaft in der Europäischen Union. Ohne die EU würden die Einkommen in Polen heute nur bei 60 Prozent des erreichten Niveaus liegen.
Sie haben zur Eröffnung des Ostdeutschen Wirtschaftsforums ein Plädoyer für die Stärkung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit gehalten. Was können Deutschland und Polen dazu beitragen?
Es gibt viel Raum für eine Koalition der Willigen. Wir können nicht immer darauf warten, bis wir Konsens unter 27 EU-Staaten erreicht haben, während die Deindustrialisierung an Fahrt aufnimmt und der technologische Abstand zu den USA und China wächst. Ein Treffen wie das der Finanzminister der sechs größten EU-Volkswirtschaften in der vergangenen Woche in Wannsee ist da ein gutes Zeichen. Deutschland und Polen sollten auch das Weimar-Dreieck mit Frankreich stärken. Ich könnte mir ganz konkret auch vorstellen, dass Polen und Deutschland im Rahmen der geplanten, optional wählbaren europäischen Unternehmensform „EU Inc.“ mit einheitlichen Regeln für innovative Unternehmen im Bereich Künstlicher Intelligenz vorangehen.
In zwei ostdeutschen Bundesländern wird im Herbst gewählt, die AfD liegt in den Umfragen vorn. Wie nimmt man diese Entwicklung in Polen wahr?
Der Aufstieg der AfD wird in Polen mit großer Sorge beobachtet. Die AfD tritt antieuropäisch auf, das gefährdet die Konvergenzpolitik der EU als wichtigsten Wachstumsmotor für Europa. Wer sich gegen Europa stellt, ist schlecht für Polen, aber auch schlecht für Deutschland.
