
Der große Regen beim Großen Preis von Kanada blieb zwar aus, aber die Bedingungen auf der improvisierten Rennstrecke am Sankt-Lorenz-Strom waren auch so schwierig genug. Es war kalt, rutschig und windig. Verhältnisse wie gemacht für Fahrer, die sich am Limit erst richtig lebendig fühlen und die keine Scheu haben, jenseits der Ideallinie ihren eigenen Weg zu gehen. Dieses Prädikat gilt gleichermaßen für alle drei Formel-1-Piloten, die nach dem fünften WM-Lauf auf dem Podium standen: Kimi Antonelli im Silberpfeil, Lewis Hamilton mit Ferrari und Max Verstappen von Red Bull Racing. Zieht man einen Strich unter die Bewertung, dann gilt in Summe: Aufsteiger vor Altmeister.
Es ist der vierte Sieg des jungen Italieners in Folge – seine ersten vier Grands Prix hintereinander zu gewinnen, ist noch keinem anderen in der Königsklasse gelungen. Vor Jahresfrist an gleicher Stelle stand der 19-Jährige zum ersten Mal überhaupt auf dem Podium. Damals hatte Teamkollege George Russell das Rennen gewonnen, der Brite war auch an diesem Wochenende drauf und dran zu triumphieren: Sieg im Sprint, Pole Position und Führung bis zur 30. von 68 Runden. Dann ging urplötzlich nichts mehr am Mercedes, der Brite feuerte vor Wut die schützende Cockpit-Umrandung auf die Piste. Denn Russell spürt, dass diese Niederlage eine Vorentscheidung zugunsten des internen Gegners sein könnte. Statt den Rückstand auf den Spitzenreiter in der Gesamtwertung auf elf Punkte zu verkürzen, liegt der 28‑Jährige nun schon 43 Zähler zurück. Setzt sich der Trend fort, wird der Rennstall irgendwann auf Antonelli setzen, um die Titelchancen zu sichern.
Brüchiger Hausfrieden
Vorerst aber gilt freie Fahrt, und was das bedeuten kann, war bereits samstags zu besichtigen, als die beiden leicht kollidierten, als Antonelli einen Überraschungsangriff von außen gestartet hatte. Der Juniorpartner Russells wollte sich gar nicht beruhigen, verlor durch eine wütende Attacke seinen zweiten Platz und anschließend über Boxenfunk die Contenance. Er fluchte über ein schmutziges Spiel des Kollegen und forderte eine Bestrafung durch die Rennleitung, bis sein Teamchef und Förderer Toto Wolff ein Machtwort sprach. Den Interessen des Österreichers im Sinne der Konstrukteurswertung entspricht es durchaus, dass sich seine beiden Chauffeure gegenseitig antreiben.
Wenn aber der Hausfrieden in Gefahr ist und eine Kollision auf der Piste zum Greifen nah ist, muss er die beiden Streithähne zur Räson bringen. Gleichwohl zeigt er Verständnis für die Emotionen Antonellis: „Man kann nicht erwarten, dass aus einem Löwen im Wagen außerhalb ein Welpe wird.“ Selbst Kontrahent Russell gestand, dass er in der umgekehrten Situation ähnlich gehandelt hätte. Die Beteiligten einigten sich offiziell darauf, ein gutes Gespräch geführt zu haben.
Und machten genau da weiter, wo sie im Sprint aufgehört hatten. Im ersten Renndrittel am Sonntag ging es pausenlos hin und her zwischen den beiden, nachdem Weltmeister Lando Norris mit dem McLaren am Start dazwischenfunken konnte, dann Antonelli die Fahrzeugnase vorn hatte, ehe Russell sich fürs Erste durchsetzen konnte. Was für ein großartiges Duell, bei dem die Konkurrenz keine Rolle mehr spielte. Da fuhren zwei in einer eigenen Liga, und dabei auch jeder für sich. Eine Attacke jagte die nächste, Verbremser von beiden Piloten führten zu immer neuen Positionswechseln. In Runde 24 wäre Antonelli fast ins Heck des anderen Silberpfeils gekracht, musste dann die Schikane abkürzen.
„Wir wollen, dass euer Rennen sauber bleibt“
Der Kommandostand forderte ihn auf, den Platz an Russell zurückzugeben, prompt folgte ein neuerliches Lamento. Diesmal aber schritten die Renningenieure mit einer gleichlautenden Botschaft an beide Fahrer ein, die von oben kam: „Wir wollen, dass euer Rennen sauber bleibt. Sonst müssen wir euch stoppen.“ Die wilde Jagd ging weiter, leicht gedrosselt, aber sechs Umläufe später war sie durch den Blackout der Mercedes-Elektronik jäh beendet.
„Mir fehlen die Worte. Bis zu diesem Zeitpunkt hat es nichts gegeben, was ich hätte besser machen können. Ich war immer da, wenn ich da sein musste“, bilanzierte Russell mit bitterer Miene. Diplomatisch äußerte er sich zum fortgesetzten Hahnenkampf mit seinem Kollegen: „Das war eine großartige Auseinandersetzung, ich habe es geliebt. Es war hart, aber unsere Fahrzeuge hatten keinen ungewollten Kontakt. Darum geht es doch beim Rennfahren!“ Sieger Antonelli weiß, dass er zwar gerade den Lauf hat, sich aber nicht zu sicher fühlen kann, zumal Russell jetzt noch stärker unter Druck steht: „Die Messlatte liegt jetzt noch höher. George war extrem schnell an diesem Wochenende, und wir liegen Kopf an Kopf. Ich muss mich immer weiter verbessern.“ Damit war Antonelli („Es hätte ein toller Kampf werden können“) der Gegner abhandengekommen, er verwaltete nur noch die Alleinfahrt.
Lewis findet seinen „sweet spot“
Durchaus sehenswert allerdings war auch der Kampf der alten Rivalen Lewis Hamilton und Max Verstappen, den beiden erfolgreichsten aktiven Formel‑1‑Fahrern. Der Niederländer, der schließlich dem Ferrari-Piloten weichen musste, zeigte sich nach seinem ersten Podiumsbesuch der Saison erstmals wieder versöhnt: „Ich hatte ein paar ganz coole Kämpfe. Vorne mitzufahren ist einfach so viel besser. Lewis und ich haben uns ans Limit getrieben.“ Der Rekordchampion spricht nach seiner bislang besten Platzierung in Rot davon, endlich seinen „sweet spot“ gefunden zu haben – was ihn nicht daran hinderte, bei seiner späten Aufholjagd permanent mehr Motorkraft von der Box zu fordern.
„Aber dieses Rennen ist definitiv ermutigend“, befand Hamilton, vor allem auch, weil er seinen Kollegen Charles Leclerc, der Vierter wurde, im Griff hatte. Toto Wolff trauert dem verdienten Doppelerfolg hinterher, nachdem Mercedes seine Ausnahmestellung durch technische Upgrades hatte manifestieren können. Auch der Blutdruck beim Führungspersonal bleibt uneingeschränkt hoch. Was die Zuschauer auf der Île Notre‑Dame begeisterte, empfand der Mercedes-Rennleiter so: „Mir ist viele Runden lang heiß geworden. Immer wenn wir dachten: ‚Jetzt reicht’s erst mal‘, wurden sie umso schneller. Dabei kann natürlich immer etwas schiefgehen, ohne dass einer den anderen absichtlich rammen will.“ Ein Parallelslalom mit 1000 PS, immer auf Messers Schneide. Fortsetzung folgt in Monte Carlo, auch keine einfachen Bedingungen.
