
Es darf als extrem unwahrscheinlich gelten, dass sich auf einer Start- und Landebahn binnen zwei Tagen gleich zwei Zwischenfälle ereignen. Doch am Flughafen München – auf der Bahn 26L, der linken von zweien – ist genau das passiert. Am vergangenen Samstag um 13.57 Uhr schoss Vietnam-Airlines-Flug VN34 über das Startbahnende hinaus, bevor der dabei beschädigte Flieger doch noch an Höhe gewann. Am Montag um 17.22 Uhr setzte Lufthansa-Flug LH459 aus San Francisco zu früh auf.
Die ungewöhnliche Nähe von zwei Ereignissen auf Piste 26L fällt auf. Allerdings gibt es bislang kein Anzeichen für einen Zusammenhang zwischen den beiden Vorkommnissen. Bahn 26L zählt auch zu den besonders langen: 4000 Meter Betonstrecke, zuzüglich Sicherheitszonen von je 100 Metern an beiden Enden.
Flug VN34 fuhr beim Start über das westliche Ende und die 100-Meter-Zone hinaus bis ins Gras, Flug LH 459 war bei der Landung am östlichen Ende sehr früh am Boden, aber nicht im Gras. Vietnam Airlines setzte ein 787-Flugzeug des Herstellers Boeing ein, Lufthansa kam mit einem A380 von Airbus an. Am Samstag war es trocken, am Montag regnerisch. Zu den wenigen Gemeinsamkeiten der beiden Vorfälle zählt, dass Teile der Anflugbefeuerung berührt und beschädigt wurden.
Beide Vorfälle gingen glimpflich mit Sachschäden aus. Der Lufthansa-Vorfall ist der kleinere – und erfährt wohl wegen des vorangegangenen Ereignisses mehr Aufmerksamkeit. Flug VN34 entkam aber wohl nur knapp einer Katastrophe, die nahe war, wenn der Flieger nur einen Augenblick länger am Boden geblieben wäre. Die 787 kehrte wegen Schäden an Fahrwerk und Rumpf nach München zurück und blieb mit vier zerstörten Reifen auf einem Rollweg stehen. Der Lufthansa-A380-Airbus fuhr eigenständig zu seiner Parkposition.
Knapp der Katastrophe entgangen
Was passiert ist, ist in beiden Fällen bekannt, die Ursachen sind es nicht. Die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) hat Arbeiten aufgenommen. Somit ist unklar, ob das Wetter und Arbeiten am Instrumentenlandesystem (ILS) an der Bahn beim Lufthansa-Flug eine Rolle spielten. Allerdings gibt es Flughäfen ohne ILS, ohne dass dort etwas passiert.
Vorfälle, in denen ein Flugzeug sehr spät vom Boden loskommt, sind selten, aber mehrfach vorgekommen. Die 787 von Vietnam Airlines nutzte die 4000-Meter-Bahn mehr als komplett, üblicherweise benötigt eine 787 kaum mehr als 2800 Meter, sie kann sogar nach 2300 Metern abgehoben sein. Um die Beinahe-Katastrophe ranken viele Spekulationen, Fachleute bleiben aber zurückhaltend. Bei Spätstarts verschiedener Flugzeugtypen waren in der Vergangenheit mitunter die Maschinen falsch für den Start konfiguriert. Es gab nicht richtig ausgefahrene Landeklappen, die bei niedrigen Fluggeschwindigkeiten – auch beim Start – nötig sind. Und es gab falsche Eingaben zum Gewicht des beladenen Flugzeugs.
Welche Ursachen unwahrscheinlich erscheinen
Beobachter schließen diese Ursachen nicht aus, stufen sie aber als weniger wahrscheinlich ein. Auf Videos, die Passagiere beim Start durch Fenster machten, sind ausgefahrene Klappen an den Flügeln auszumachen. Und zum Gewicht merkt der Berufspilot Pascal Schmidt in seinem Videokanal Aero News Germany an, dass ein zu leicht gerechnetes Flugzeug meist dazu führe, dass das hintere Hauptfahrwerk zunächst am Boden bleibe, wenn sich der Bug bei einer faktisch für das Gewicht zu niedrigen Geschwindigkeit für den Start hebe.
Den Vietnam-Airlines-Piloten dürfte hingegen die niedrige Geschwindigkeit bewusst gewesen sein, sie brachten das Flugzeug viel später als üblich in die sogenannte Rotationsstellung mit angehobener Nase. Zu schwer war das Flugzeug auch nicht. Eigengewicht, Passagiere, Gepäck, Fracht und Treibstoff sollen sich auf 240 Tonnen summiert haben, möglich sind sieben Tonnen mehr – und auch dann würde das Flugzeug regulär einen Kilometer früher in der Luft sein.
Zum Thema ist schon die Beschleunigung des Flugzeugs geworden. Laut vietnamesischer Luftfahrtbehörde haben die Piloten angegeben, dass die Geschwindigkeit auf der Startbahn unerwartet kurzzeitig nicht zunahm, dann aber wieder stieg, was aber nicht anhielt. Nach Daten des Luftverkehrsüberwachungssystem ADS-B kann das zutreffen.
Bremsspuren an ungewöhnlicher Stelle
Für die Minute, in der die 787 auf der Startbahn war, sind Angaben zu sechs Datenpunkten einsehbar. Demnach beschleunigte das Flugzeug auf dem ersten Drittel der Bahn relativ normal, danach wohl phasenweise fast gar nicht. Dass die Piloten den Start nicht abbrachen, dürfte damit zusammenhängen, dass die Unregelmäßigkeiten rund um das Erreichen der sogenannten Entscheidungsgeschwindigkeit V1, bis zu der ein sicherer Abbruch auf der verbleibenden Bahn möglich ist, auftraten.
Aufgefallen sind derweil Reifenabriebspuren auf der Startbahn, wie sie bei Bremsungen entstehen. Die Ermittler von der BFU erwähnen sie in ihrer ersten Stellungnahme und bestätigen, dass sie dem Vietnam-Flieger zugeordnet werden konnten. Die Spuren reichen bis zum Ende der Startbahnfläche – eine Stelle, an der ein startendes Flugzeug nie bewusst gebremst würde. Möglich wären ein versehentliches Betätigen eines Bremspedals im Cockpit oder ein technischer Fehler an den Bremsen. Der amerikanische Verkehrspilot Juan Browne weist in seinem Videokanal „Blancolirio“ auf Startunglücke von Privatjets durch schleifende Bremsen hin. Boeings 787 nutzt – anders als andere Flugzeuge – ein elektrisches und kein hydraulisches Bremssystem.
Die BFU hat am Anfang ihrer Untersuchungen über die Abriebspuren hinaus nichts zu den Bremsen mitgeteilt. Sie schließt weder eine menschliche noch eine technische Ursache aus. „Es müssen noch weitere Fakten zu den Bereichen Mensch und Technik sowie den organisatorischen Einflussfaktoren ermittelt werden“, teilte die BFU mit.
