Es ist schwierig, über Verliebtheit zu sprechen, ohne ins Klischee zu fallen. „Als ich Emily gestern Abend kennengelernt habe, fühlte es sich an, als ob die Zeit stehen bleibt“, erzählt Owen seinem älteren Bruder. Der verdreht nur die Augen: „Oh nein, nicht das schon wieder.“ Der Bruder kennt diesen Zustand bereits, denn Owen ist der empfindsamere der beiden, der seine Gefühle kennt. Das zeigt sich schon an der Interaktion der beiden Geschwister. Wenn Owen darüber reden will, wie ihn der Tod der Mutter beschäftigt, nimmt der Ältere ihn in den Schwitzkasten.
Die Jungs entstammen der britischen Arbeiterklasse, und das Häuschen, das ihre Mutter ihnen am Rand von Manchester hinterlassen hat, können sie auch nicht mehr lange halten. Zwischen all den Alltagssorgen ignoriert Owens Bruder also die Verliebtheit des Jüngeren. Wir Zuschauer wissen da natürlich bereits, wie heftig es Owen erwischt hat. Denn die Regisseurin Alicia MacDonald hat sich für ihr Spielfilmdebüt „Finding Emily“ so einiges überlegt, um die klassischen Sprachbilder für den Liebestaumel anschaulich ins Visuelle zu übersetzen.
Geht’s der Studentin so wie ihm?
Als Owen seine Emily im Studentenklub in Manchester kennenlernt, trägt sie Schmetterlingsflügel und Glitzerstaub auf den Augenlidern. Der Klub ist nur ein kurzer Zwischenstopp auf ihrem Weg zu einer Geburtstagsparty, so viel erfährt Owen. Sonst redet er mit der Elfenerscheinung nicht viel. Die beiden sind zu sehr damit beschäftigt, sich lächelnd in die Augen zu sehen. Neonlicht erhellt die Tanzfläche. Die anderen Menschen sind verschwunden. Die Musik läuft nur für diese beiden, für diesen Moment, in dem die Zeit für Owen kurz aufhört zu existieren.
Aber geht’s der Studentin genauso wie ihm? Kurz bevor dieser glitzernde Nachtfalter entschwebt, fragt der junge Mann nach Namen und Nummer. Ihre Freundin drängelt, dass man zu spät dran sei. Die Unbekannte tippt schnell auf Owens Smartphone herum und ruft ihm ihren Namen zu, bevor sie mit der Freundin um die Ecke biegt. Als Owen nun also am nächsten Tag seinem Bruder von der Begegnung mit seiner neuen Traumfrau vorschwärmt, muss er feststellen, dass seine „Emily“ beim Tippen eine Zahl vergessen hat. Ein Versehen? Absicht? Und wie findet man das heraus?
Owen, der eigentlich gar kein Student ist und seinen Unterhalt nur mit dem Job als Techniker im Studentenklub verdient, versucht es auf dem Campus, fragt Leute, verteilt Flyer und erregt so die Aufmerksamkeit einer anderen Emily. Die ist Psychologiestudentin und sucht für ihre Abschlussarbeit noch einen Probanden, an dessen Fallbeispiel sie beweisen will, dass die Liebe zu irrationalem, wahnhaftem Verhalten führt. Und da Owen dafür nicht taugt – ihn hat’s zwar schwer erwischt, aber seinen Verstand hat er noch beisammen –, bringt ihn die Psychologie-Emily auf lauter dumme Ideen, um ihre Fallstudie interessanter zu gestalten. Wie wäre es zum Beispiel, wenn er über den Uni-Verteiler einfach alle Emilys anschreiben würde?
Regisseurin MacDonald findet auch für die Konsequenzen solcher Aktionen intelligente Bilder: Den Lärm, den Owens Rundmail in den sozialen Netzwerken auslöst, zeigt sie einmal als Zusammenschnitt verschiedener Smartphone-Videos und lässt dann den Chor der Uni-Emilys persönlich in Owens Wohnzimmer auftauchen und durcheinanderschnattern, bis er sein Telefon ausschaltet und plötzlich wieder allein zu Hause sitzt. Subtil nimmt MacDonald so das Spannungsfeld des modernen Datings und die verzerrte Wahrnehmung von Privatsphäre und Öffentlichkeit durch Social Media in den Blick.
Und sie aktualisiert so einige der klassischen Romcom-Muster: Die Frage etwa, ob das Verhalten des jungen Mannes angemessen oder schon übergriffig ist, diskutieren nicht nur die Emilys, auch in anderen Kanälen der digitalen Campuskultur schlägt sich die Debatte nieder. Eine ambitionierte Podcasterin wittert in der Story ihren großen Durchbruch und lädt Owen in ihre Sendung ein, mit der Absicht, ihn an den Pranger zu stellen (junger Mann stalkt Frau, die ihm mit Absicht die falsche Nummer gegeben hat, um ihn loszuwerden).
Regisseurin MacDonald geht es hier aber nicht um ein plattes Bild toxischer Männlichkeit, vielmehr ringt sie mit der Frage nach Romantik im digitalen Zeitalter, will ausloten, was noch tragbar ist und was heute als nicht mehr normal angesehen wird, und spielt dabei mit der Erwartungshaltung des Publikums, denn Owen schlägt sich in der Podcastlivesendung so gut, antwortet so ehrlich, dass er die öffentliche Meinung drehen kann. Besonders hier zeigt sich das Talent des Briten Spike Fearn, dem es gelingt, die aufrichtige Bodenständigkeit seines Owen mit dem Charme eines britischen Popsängers zu kombinieren. Mit einem unfertigen Liebeslied gewinnt er nicht nur die Gunst des Publikums; bevor die Handlung zu stark in leitartikelhafte Internetdebatten abtaucht, holt er sie wieder zurück zur Liebeskomödie.
Anfangs ertappt man Owen bei kleinen Notlügen, die er sich ausdenkt, um etwa von einer Campusangestellten die Nachnamen der Gesuchten zu erfahren. Das Lügengebäude, das sich um die Psychologiestudentin auftürmt, wird mit der Zeit immer höher. Nicht nur erzählt diese Emily ihrem Professor Märchen darüber, wie umfassend sie Owen über sein Probandendasein in ihrer Feldstudie aufgeklärt habe, sie verwickelt sich auch Owen gegenüber in Widersprüche. Der größte ist natürlich, dass diese beiden sich langsam ineinander zu verlieben beginnen. Da sind dann alle Klischees weggefegt. Was bleibt, sind Taten.
