Es ist ein gewaltiger Aufwand für eine solche Ausstellung. Gut und gerne 500 Quadratmeter misst die Autowerkstatt, die vor ein paar Jahren erst nach mehr als neun Jahrzehnten den Betrieb eingestellt hat. Seither steht sie leer. Genau so, wie sie der Meister seinerzeit an seinem letzten Arbeitstag verlassen hat. Es riecht noch nach Gummi, Lack und Schmieröl, Werkzeuge und Ersatzteile liegen und hängen an den Wänden, im Lager und in den Magazinen. Man würde sich allenfalls ein kleines bisschen wundern, wenn Ulrich Diekmann, statt eben eines seiner Bilder aufzuhängen, in der Waschhalle kurzerhand das Auto des Besuchers einschäumte.
„Es passiert einfach“, so Diekmanns lapidarer Kommentar zur Institutionalisierung der sogenannten Kunst-Werk-Halle. Und zur Konzeption der Ausstellung, mit der sich der jüngste, erst Anfang des Jahres gegründete Kunstverein der Region vom 11. September an der Öffentlichkeit präsentiert. Tatsächlich wird noch überall gewerkelt, bevor die aufwendige Präsentation endlich eröffnet werden kann. Hier zeichnet Rainer Böhm, den man vornehmlich als Holzbildhauer kennt, mit dem Tuschpinsel gerade Comic-Panels auf die weiße Wand, dort richtet Eva Weingärtner ihre Videoinstallation ein, und Michael Reiter spannt eben seine leuchtend farbigen Polyesterbänder quer durch die Halle. Als gelte es, dem Raum auf diese Weise eine malerische Fassung einzuziehen.

Malerei und Fotografie, Video, Zeichnung und Soundinstallation, konzeptuelle Arbeiten wie Hans-Jürgen Herrmanns „Neulixt“-Serie oder die nachgerade informellen, gestisch charakterisierten Tuschezeichnungen Wolfgang Rangs: In der ersten Ausstellung, die der neue Kunstverein Großauheim in der Kunst-Werk-Halle verantwortet, haben viele sehr unterschiedliche Positionen ihren Platz. Und sollen ihn in Zukunft möglichst auch behalten. „Ich habe mich sofort in diesen Ort verliebt“, erinnert sich der Frankfurter Künstler Diekmann an seinen ersten Besuch anlässlich einer Pop-up-Ausstellung vor zwei Jahren. Weshalb er Anfang des Jahres gemeinsam mit Barbara Ritter und noch zwei, drei anderen den Kunstverein gegründet hat mit dem Ziel, aus der Halle eine feste Adresse für die Kunst und die Kultur zu machen.
Es soll ein Ort sein, an dem es Themenausstellungen ebenso geben kann wie Konzerte und Performance-Abende. Ein Kulturort mithin, der im besten Falle immerhin ein wenig auch die Lücken füllen kann, die zahlreiche mittlerweile geschlossene Orte wie die Halle 2 oder die Schweinehalle in den vergangenen Jahren in Hanau und Großauheim hinterlassen haben. „Was hier passiert“, so die Vorsitzende des Kunstvereins Barbara Ritter, „ist etwas ganz Besonderes.“ Sie meint damit nicht nur den kollegialen Geist, der die 16 eingeladenen Künstler beim Aufbau der Ausstellung trägt. Oder dass der Ort Menschen aus unterschiedlichen Bereichen, mit unterschiedlichen Interessen zusammenbringen kann. Sondern dass ein Großteil der Arbeiten überhaupt erst in der Auseinandersetzung mit dem Raum entsteht.

Hier erst, im Dialog mit den Gegebenheiten der im Dornröschenschlaf versunkenen Halle, entfalten manche Beiträge ihr ganzes Potential. Eine Arbeit wie die Doppelbelichtungen Kora Rieckens etwa, die gerade erst ihr Studium an der Kunsthochschule Mainz beendet hat; wie Ritters eigene, „leer / nicht leer“ überschriebene Soundinstallation, die sie im Magazin der Werkstatt eingerichtet hat. Wie die Zeichnungen Rainer Böhms auf den Kacheln der Waschhalle oder Reiters farbige, den Raum auf atemberaubende Weise vermessende Linien. „Niemand“, so Ritter, komme „hier an mit einem fertigen Konzept. Das hat immer etwas Unberechenbares.“ Und insofern etwas Überraschendes, vor allem auch für die eingeladenen Künstler ebenso wie für Diekmann und Ritter als verantwortliche Kuratoren. Und dann keineswegs zuletzt für alle Kunstbetrachter, die kommen.
„So etwas habe ich mir immer gewünscht“, sagt Diekmann, der selbst bei Raimer Jochims an der Städelschule studiert hat. Dass man, statt sich als Einzelkämpfer auf dem Kunstmarkt durchzuschlagen, „mit ganz vielen Leuten etwas zusammen macht, die man gut findet“. Mit denen man befreundet ist, die man womöglich noch aus Studienzeiten in Offenbach und Frankfurt kennt, deren Entwicklung man vielleicht begleitet hat oder deren aktuelles Schaffen ihn selbst interessiert. „Dass man einen Ort hat, wo man selbst gestalten kann. Und zwar so, wie man sich das vorstellt.“ Die Voraussetzungen sind da. Gegenwartskunst wolle man zeigen, hat der kleine Kunstverein in seiner Satzung festgeschrieben. Alles andere ist bis auf Weiteres offen. Und herrlich unberechenbar.
