Freddy greift sich eine Papiertüte und verteilt deren Inhalt auf seiner Arbeitsplatte. Er begutachtet und sortiert, feilt, hämmert, schweißt, baut Scharniere und testet sein Werkzeug – einen mit Messern besetzten Handschuh. Er probiert ihn an und fährt mit den Klingen durch einen Stoffvorhang. Auf den Schnitt mit dem Mordinstrument folgt ein Filmschnitt, und die eigentliche Handlung beginnt: Ein Mädchen im Nachthemd irrt durch einen Keller. Es rennt auf uns zu, jemand sagt: „Tina.“ Dann ein blökendes Schaf, anschließend ein Kulissenwechsel. Rohre, Ventile, Kessel, Dampf. Der Zuschauer weiß spätestens hier: ein Traum. Freddy zieht die Klingen seines Handschuhs über rostiges Metall. Noch einmal zerfetzt er den Stoffvorhang wie in der Eingangssequenz. Tina landet in einer Sackgasse, Freddy steht hinter ihr, sie zuckt zusammen und wacht auf. Ein böses Erwachen: Vier Messerklingen haben ihr Nachthemd zerschnitten.
So beginnt Wes Cravens „A Nightmare on Elm Street“ (1984), ein Low-budget-Film über den Kindermörder Freddy Krueger (Robert Englund), der von den Eltern seiner Opfer bei lebendigem Leib verbrannt wurde und als übernatürlicher Dämon zurückkehrt: Wer von ihm im Traum getötet wird, stirbt auch in der Wirklichkeit. Keine zwei Millionen Dollar hat der Film gekostet, mehr als fünfzig Millionen Dollar hat er eingespielt. Es folgten sechs Sequels, eine Crossover-Produktion, in der Freddy auf Jason Voorhees (vom zweiten Teil an der Mörder in der „Friday the 13th“-Reihe) trifft, eine Serie und ein Remake.
Die Grenze zwischen Realität und Traumreich
John Carpenters „Halloween“ begründete 1978 als radikalisierte Fortschreibung von Hitchcocks „Psycho“ (1960) den Slasher. In den Filmen dieses Horror-Subgenres steht der Tathergang im Mittelpunkt. Genauer müsste man sagen: die Tathergänge. Denn dass Mord hier nicht gleich Mord, sondern eine Frage der kreativen Abwicklung ist, zeigen neben „A Nightmare on Elm Street“ etwa „I Know What You Did Last Summer“ (1997) oder die von 1996 an produzierte „Scream“-Reihe. Es passiert im Wesentlichen immer dasselbe, aber doch immer anders.
Im Gegensatz zu „Halloween“, an dessen Ende der Zuschauer erst lernt, dass der Antagonist Michael Myers als „boogeyman“ unkaputtbar ist – auch Schusswunden steckt er weg –, präsentiert Craven von Anfang an eine zweigeteilte Welt: hier die amerikanische Kleinstadtrealität, dort das von einem Monster verwaltete Traumreich. Allerdings führt der Regisseur beides mitunter so eng zusammen, dass der Film wie eine Versuchsanordnung erscheint. Nachdem Tina (Amanda Wyss) aufgewacht ist, greift sie sich ein Kruzifix, wobei wir schon die Tonspur der nächsten Szene hören. Ein Kinderchor singt: „One, two / Freddy’s coming for you …“ Dann der Schnitt, Mädchen beim Seilspringen, aufgenommen wie durch Milchglas. Sie singen weiter: „… Three, four / Better lock your door / Five, six / Grab your crucifix / Seven, eight / Gonna stay up late / Nine, ten / Never sleep again.“ So wird anschaulich, wie durchlässig die Grenze zwischen Realität und Traumreich ist.
Das Böse siegt immer
Einmal hält sich Freddy den Klingenhandschuh vors Gesicht und sagt: „This is God“ – und Gott ist bekanntlich allmächtig. Das will Nancy (Heather Langenkamp) nicht akzeptieren. Sie ist das „final girl“, also jene Figur im Slasher, die in der Regel gesittet, wohlerzogen, anständig, abstinent, zugleich aber wehrhaft ist. Die Freunde des „final girl“ sind, zumindest nach den Setzungen amerikanischer Vorstadtethik, oft Problemfälle: Sie nehmen Drogen, haben Sex und müssen deswegen sterben. Die Welt des Slashers, schreibt Carol J. Clover in „Men, Women, and Chain Saws“ (1992), „is one that knows very well that men and women are profoundly different (and that the former are vastly superior to the latter) but one that at the same time repeatedly contemplates mutations“.
Nancy will Freddys providentielle Welt nun zum Einsturz bringen. Die Wiederherstellung geträumter Kontingenz scheint ihr nur möglich, wenn sie Freddy, der im Laufe der Jahre übrigens zum lustigen Popkultur-Sympathieträger wurde, aus dem Traum in die Wirklichkeit lockt und dort tötet. Damit das klappt, installiert sie im Haus Sprengvorrichtungen, ein Stolperseil und einen schwingenden Hammer. So erfüllt sie Hans Richard Brittnacher zufolge „das uramerikanische Konzept eines wehrhaften, selbstgenügsamen und kämpferischen Individualismus“. Dieser Individualismus sucht nach günstigen Augenblicken. Sein Substrat ist das Versprechen einer Welt der unbegrenzten Möglichkeiten. Die Teenager aus der Serie „Stranger Things“ wären, das nur als Fußnote, ohne den Slasher und seine Jugendlichen nicht denkbar.
Jedenfalls geht Nancys Plan zunächst auf, sie zündet Freddy an, zerdeppert eine Kaffeekanne auf seinem Kopf und bringt ihn durch bloße Willenskraft zur Aufgabe: „This is just a dream. You’re not alive. … I take back every bit of energy I gave you. You’re nothing. You’re shit.“ Freddy verschwindet – um in der letzten Szene des Films zurückzukommen und sich Nancys Mutter zu schnappen. Damit wäre ein Gesetz des Slashers bestätigt: Das Böse siegt immer.
