Die europäische Fußballunion (Uefa) hat angesichts der Investorenpläne des Weltfußballverbands (Fifa) alle europäischen Mitgliedsverbände zu einer Krisensitzung zusammengerufen. Die Sitzung werde am Donnerstagnachmittag stattfinden, teilte der norwegische Fußballverband dem öffentlich-rechtlichen Rundfunksender NRK mit. Dann sollen die Spitzen der 55 Landesverbände über das weitere Vorgehen beraten. Berichten von Sky, ESPN und Bloomberg zufolge könnte bei der Sitzung auch über einen
möglichen WM-Boykott gesprochen werden.
Norwegens Verbandspräsidentin Lise Klaveness kritisierte das Vorhaben der Fifa deutlich. »Wir sind zutiefst besorgt über die Entwicklung in der Fifa«, sagte Klaveness. »Wir stellen uns hinter die Erklärung der Uefa in dieser Angelegenheit.« Die Entwicklungen der letzten Tage könnten nicht isoliert verstanden
werden. »Wir haben über längere Zeit, in vielen
verschiedenen Angelegenheiten, sowohl intern als auch extern, Besorgnis
über zunehmend mangelhaft gewordene Prozesse in der Fifa-Führung zum
Ausdruck gebracht.« Dazu gehörten »fehlende Transparenz« sowie »die
notwendige Armlänge zu Staatschefs und externen Interessenten, die
Entwicklungen des Fußballs beeinflussen wollen«.
Der Kritik schloss sich auch der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) Bernd Neuendorf an. Es sei »ein fatales Zeichen, die Fußball-WM für Investoren zu öffnen. Der Fußball lebt von der Akzeptanz der Gesellschaft, wir dürfen ihn nicht zum Spielball von Investoren machen«, sagte Neuendorf in einem Interview mit der Sportschau und dem ZDF. Infantinos Pläne seien »überaus problematisch und nicht zustimmungsfähig«.
Infantino verteidigt sein Vorhaben
Fifa-Präsident Gianni Infantino äußerte sich in einem Video zu der Kritik. »Es ist ein Vorschlag, ein Angebot, Teil eines demokratischen Beratungsprozesses«, sagte Infantino. »Es ist eine Gelegenheit, aber keine Verpflichtung.«
Nur mit der Zustimmung der Mehrheit der 211 Nationalverbände und des Fifa-Councils werde das geplante Tochterunternehmen Fifa Forward Enterprise (FFE) eine vom Weltverband kontrollierte Gesellschaft, die »alle Fifa-Wettbewerbe verwalten und vermarkten würde«. Er verspreche sich davon die »Erschließung bisher nicht realisierter Werte«. Die »kommerzielle Seite des Fußballs« zu stärken, sei »der logische nächste Schritt« in der Entwicklung.
Infantino betonte, es kämen bisher zu geringe Tranchen der gestiegenen Fifa-Einnahmen an der Basis an. »Höhere Zahlungen an die Mitgliedsverbände bedeuten höhere Investitionen in bessere Fußballplätze, stärkere Nationalmannschaften und ebnen den Weg für Jungen und Mädchen überall auf der Welt«, sagte er, und er versprach: »Wir kümmern uns um alle.« Die Fifa wolle »das nächste Kap Verde schaffen«. Die Inselgruppe hatte es in diesem Jahr erstmals zur WM geschafft.
Uefa warnt vor Verkauf des Fußballs durch Fifa
Nicht einmal zwei Wochen nach dem WM-Finale war bekannt geworden, dass Fifa-Präsident Gianni Infantino plant, künftig Anteile an Weltmeisterschaften an private Investoren zu verkaufen. Geplant ist Berichten von Times, der Telegraph und die Financial Times zufolge die Gründung des »FIFA
Forward Enterprise« (FFE), das alle kommerziellen Aktivitäten und
Turnierorganisationen bündeln soll. Die Mehrheit dieses Unternehmens
soll bei der Fifa bleiben, während »sorgfältig ausgewählte« Investoren
Minderheitsbeteiligungen ohne Kontrollrechte erwerben dürfen. Die Fifa bestätigte das Vorhaben in einer Mitteilung.
Die Investorengruppe soll der Financial Times zufolge von Thrive Capital angeführt werden. Der
Investmentgesellschaft steht Joshua Kushner vor, der Bruder von Jared
Kushner, der wiederum der Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump
ist. Die Mehrheit der Mitgliedsverbände und das Council, in dem auch
DFB-Chef Bernd Neuendorf sitzt, müssen den Plänen zustimmen.
Die Uefa
hatte davon gesprochen, dass eine »Grenze überschritten«
werde. »Die Uefa nimmt diese Angelegenheit äußerst ernst. Das sollten
auch alle nationalen Fußballverbände tun«, teilte der Verband mit. »Die
Seele und die Führung des Fußballs sind keine Vermögenswerte, mit denen
gehandelt werden darf – insbesondere dann nicht, wenn völlig
intransparent ist, wer finanziell davon profitiert. Keiner von uns
besitzt den Fußball. Es ist nicht an der Fifa, ihn zu verkaufen.«
