
Sophie Brocas gibt dem Krisenmanagement an der französischen Atlantikküste ein Gesicht. Die Präfektin der Gironde fällt durch ihre klare Sprache und ihre tadellose Erscheinung auf. Trotz vieler schlafarmer Nächte tritt die 65-Jährige beherrscht auf und erklärt ruhig, warum sie so viele Evakuierungsanordnungen ausstellen musste. Sie erläutert, dass sie die Hilfe der Landwirte beim Löschen der Feuer begrüßt, dass diese aber organisiert werden muss. Das Feuer, das seit einer Woche die Kiefernwälder vom Cap Ferret bis vor die Tore von Bordeaux heimsucht, beschreibt sie als unberechenbares Monster.
In ihrer weißen Uniformbluse mit dunkelblauen, goldbesetzten Epauletten wirkt sie wie eine Frau, die es mit den schlimmsten Monstern aufnehmen kann. Der Kriseneinsatz in der Gironde ist die wohl schwierigste Mission in der Karriere der Staatsdienerin, die nebenbei als Schriftstellerin tätig ist. Ihre fünf Romane drehen sich immer um Frauen. Das jüngste Buch, das zu Jahresbeginn als Taschenbuch erschien, handelt vom Aufstand der Arbeiterinnen in einer Sardinenfabrik in der Bretagne. Dass sie als Frau den Kriseneinsatz leitet, finden etliche Rechtspopulisten kritikwürdig. Der RN-Politiker Gilbert Collard schimpfte über die „sonderbare Präfektin, die Bauern Vorschriften zu machen wagt“. Die Linkspartei LFI wiederum hält ihr vor, das Dorf Porge den Flammen geopfert zu haben, um die Millionärsvillen auf dem Cap Ferret zu schützen.
Aus einfachen Verhältnissen in den hohen Staatsdienst
Brocas, die aus einfachen Verhältnissen stammt, entschied sich erst im Alter von 37 Jahren für den hohen Staatsdienst. Sie wuchs in Vieux-Boucau-les-Bains auf, einem kleinen Seebad an der südlichen Atlantikküste, und war die Erste in ihrer Familie, die studierte. Nach dem Jura-Studium in Pau zog sie nach Paris, studierte Politikwissenschaften und gründete einen erfolgreichen Pressebetrieb, der sich auf Betriebszeitungen für die Post, das EU-Parlament oder die Ingenieurshochschule Ecole des Mines spezialisierte. Doch dieses Geschäft langweilte Brocas schnell. „Nur Geld zu verdienen, war für mich nie mein Lebensprojekt“, sagte sie damals „Le Monde“. Sie verkaufte ihr Unternehmen und schaffte die Aufnahmeprüfung an die staatliche Eliteschmiede ENA. Die Ausbildung fand sie nicht besonders zielführend. Gelernt habe sie eigentlich nur, innerhalb kürzester Zeit zu komplizierten Themen kurze Zusammenfassungen für Minister zu schreiben.
Das half ihr wenig, als sie 2016 für die Präfektur der Hauptstadtregion Paris den Bau einer kleinen Containerstadt im Stadtwald Bois de Boulogne zur Unterbringung von Obdachlosen verteidigen musste. Bei einer Anwohnerversammlung in dem gutbürgerlichen Viertel wurde sie ausgebuht und als „Toilettenbürste“ beschimpft. Vor dem geballten Widerstand der Anwohner kapitulierten Stadt und Region schließlich.
Brocas bewährte sich als Präfektin in Chartres während der Gelbwestenproteste. Im November 2019 holte die damalige Umweltministerin Elisabeth Borne sie als Beraterin in ihr Kabinett. Ein Jahr später übernahm Brocas einen neuen Krisenposten, die Verantwortung für die Übersee-Gebiete, später die Präfektur in Orléans. Ihren Posten in Bordeaux hat sie erst im Mai angetreten. Sie trägt an ihrer Präfektenuniform zwei Embleme: die Region Neu-Aquitanien und das Département Gironde. Auch die sogenannte Verteidigungszone Südwesten mit wichtigen militärischen Standorten steht unter ihrer Verantwortung.
