
Europa muss in seinen Verteidigungsanstrengungen das Tempo deutlich erhöhen. Das forderte Guillaume Faury, Vorstandschef des Luft- und Raumfahrtkonzerns Airbus, am Mittwoch auf dem von seinem Unternehmen veranstalteten Rüstungsgipfel. Dieser fand im Werk Manching statt, dem mit 6000 Mitarbeitenden wichtigsten Airbus-Standort für Militärflugzeuge. Mit Blick auf das nächste europäische Luftkampfsystem FCAS sagte er, dass die Zusammenarbeit in solchen Rüstungsprojekten kein Spaziergang sei.
Der Streit zwischen Airbus und dem französischen Rüstungsunternehmen Dassault um die Führungsrolle in der Entwicklung der nächsten Kampffluggeneration hat für einen Stillstand gesorgt. Nun suchen die deutsche und die französische Regierung nach einer Lösung, wie das Projekt fortgesetzt werden kann. Statt eines gemeinsamen Kampfflugzeugs erscheint es nun wieder möglich, dass es sowohl einen deutschen als auch einen französischen Jet geben wird. Für das französische Kampfflugzeug wäre dann Dassault zuständig, für das deutsche die stark in Deutschland vertretene Airbus-Rüstungssparte.
Deren Chef, Michael Schöllhorn, hatte sich früher schon für die Variante der zwei Kampfjets starkgemacht. Einen deutschen Kampfjet unterstützt auch die IG Metall, um die Beschäftigung hierzulande zu sichern. Nun sagte Schöllhorn in Manching, dass er eine Lösung im Sinne der europäischen Zusammenarbeit erwarte. Dabei betonte er, dass das Kampfflugzeug nur eine Säule des Luftkampfsystems FCAS sei. In allen anderen Säulen, zum Beispiel für unbemannte Luftkampfsysteme wie Drohnen, funktioniere die Zusammenarbeit unter den Partnern sehr gut.
Airbus sieht größere Schwierigkeiten mit Dassault
Mit Blick auf Dassault sagte Schöllhorn, dass die Schwierigkeiten nun größer geworden seien, als es zum Start von FCAS im Jahr 2017 erwartet worden sei. „Wir glauben weiterhin sehr stark an FCAS“, stellte Airbus-Chef Faury klar. Für ihn sei es auch ein Problem, dass das Projekt vor dem Ausbruch des Ukrainekriegs beschlossen worden sei. Durch die inzwischen größer gewordene Gefahr einer militärischen Auseinandersetzung hätten sich die Anforderungen an FCAS verändert. „Es ist nun schwieriger, Kompromisse zu schließen“, sagte Faury.
Ein weiteres Problem sei, dass die verschiedenen Unternehmen nicht in derselben Art und Weise arbeiteten. Es sei aber wichtig, dass die industriellen Interessen angeglichen würden. Europa brauche eine skalierbare Rüstungsindustrie. Doch nicht alle Wettbewerber seien zur Zusammenarbeit fähig, sagte Faury mit Blick auf den Partner Dassault. Der Airbus-Chef verwies auf das Projekt Bromo, in dem Airbus, der französische Technologiekonzern Thales und der italienische Wettbewerber Leonardo ihre Satelliten- und Raumfahrtsparten zusammenlegen wollen, um einen starken europäischen Anbieter zu formen.
Ziel ist es, Europas strategische Autonomie in der Raumfahrt zu stärken und die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber US-Rivalen wie SpaceX und chinesischen Anbietern zu erhöhen. Schöllhorn wies auf die Notwendigkeit hin, die europäischen Satellitensysteme im Weltraum vor russischen Bedrohungen besser zu schützen. Dafür könnten Begleitsatelliten, sogenannte Bodyguard Satellites eingesetzt werden.
„Wir brauchen wirklich alle miteinander“
In den 75 Jahren des Friedens hat Europa nach Ansicht von Faury die Verteidigung vernachlässigt. „Wir fangen nicht an einem Nullpunkt an“, sagte Faury und verwies dabei auf die Rüstungsaktivitäten von Airbus. Doch die Sicherheit vor externen Bedrohungen sei nicht gegeben. Sein Konzern sei das größte europäische Rüstungsunternehmen, obwohl das Geschäft nur 20 Prozent des Umsatzes ausmache. Der Rest entfällt auf die zivile Luftfahrt. Amerikanische Rüstungshersteller seien deutlich mehr spezialisiert.
Vor dem Ukrainekrieg hatte die Europäische Union (EU) für Rüstung fünfmal weniger ausgegeben als die Vereinigten Staaten. Die EU habe weniger als zehn Prozent von EU-Rüstungsunternehmen gekauft als die Vereinigten Staaten von amerikanischen Anbietern. Für Faury steht klar, dass Europa in der Rüstung das Tempo deutlich erhöhen müsse, auch mit neuen Technologien wie der Künstlichen Intelligenz (KI). Dabei müssten nach Ansicht von Faury die großen Unternehmen auch mit den kleinen Anbietern, vor allem mit den Start-ups, zusammenarbeiten. „Wir brauchen wirklich alle miteinander“, fügte er hinzu.
