Wo gibt es das heutzutage noch: zwei Tanks zum Preis von einem. Schnell zuschlagen, ein Sonderangebot? Es ist Yamahas Lösung, ein Mittelklassemotorrad mit einer ungewöhnlich großen Reichweite für lange Reisen anbieten zu können.
500 Kilometer am Stück schafft es recht locker. Die Frage ist, welches Gesäß dazu ebenfalls in der Lage ist. Die einteilige und lang gestreckte, schlanke und straffe Sitzbank liefert in erster Linie Sportsgeist und weniger den Komfort eines Fernwehsessels. In üppigem Maße gewährt sie Bewegungsfreiheit für Offroad-Kabinettstückchen und das Stehendfahren. Lange Stelzen mit großzügigen Federwegen, viel Bodenfreiheit, Speichenräder im typischen Geländeformat von 21 Zoll vorn und 18 hinten, Mischreifen mit Stollenprofil sind Kennzeichen der Ténéré 700 World Raid, die sich kurz mal aus dem Staub macht oder gleich den Globus vornimmt.

Dafür sind zwei Benzinbehälter, einer links, einer rechts und jeder mit eigenem Deckel, nicht verkehrt. 23 Liter Gesamtvolumen stellen sie zur Verfügung. Angesichts eines Verbrauchs des bewährten, aus vielen Yamaha-Modellen bekannten 689-Kubik-Zweizylindermotors von nur 3,5 bis 4 Litern je 100 Kilometer auf der Landstraße und 4,5 bis 5,5 Litern auf Autobahnetappen mit Tempo 120 bis 160 meldet sich aller Wahrscheinlichkeit nach lange vor der Tankanzeige das Gesäß mit der Aufforderung, eine Pause einzulegen.
Die beiden neuerdings aus Aluminium statt Kunststoff geformten Tanks sind verbunden, der Kraftstoffpegel gleicht sich aus, allerdings so gemächlich, dass beide separat zu befüllen sind. Klingt umständlich, ist es in der Praxis aber nicht, weil sich die Fässer, im Unterschied zu jenen manch anderer Motorräder, ohne Spritz und Klecker rasch randvoll zapfen lassen. Die Doppelkonstruktion hat laut Yamaha den Vorteil, dass das Benzin in zwei getrennten, seitlich angebrachten Behältern weniger herumschwappt als in einem einzelnen großen. Ein relativ niedriger Schwerpunkt wird als weiterer Pluspunkt genannt. Wobei allerdings festzustellen ist, dass sich die Yamaha mit vollen Tanks kopflastiger anfühlt als mit halb leeren, mit Auswirkungen aufs Handling. Manchmal ist es ratsam, nicht randvoll zu zapfen.

Diese Maschine sucht sich ihre Freunde nach ihren ganz eigenen Kriterien aus. Unternehmungs- und Abenteuerlust wären gute Voraussetzungen für ein gelungenes Miteinander, zudem eine Körpergröße nicht unter eins achtzig. Sonst wird es wegen der erheblichen Sitzhöhe von 89 Zentimetern schwierig, im Stand die Füße auf den Boden zu bekommen. Was die zur Saison 2026 stark überarbeitete World Raid, Spitzenmodell der Ténéré-Baureihe, in die Beziehung einbringt, ist gleich dreimal ein Accent aigu überm „e“ und auch sonst allerhand. Mithilfe der neuen Sechsachsen-Sensorik regeln die Traktions- und Driftkontrolle schräglagenabhängig. In bestimmten Einstellungen lassen sie kontrolliert Schlupf zu und sich, ebenso wie das ABS, deaktivieren, um übers Heck zu steuern und Erdklumpen fliegen zu lassen. Dank elektronischer Drosselklappen stehen zwei wählbare Stufen der Leistungsentfaltung zur Verfügung sowie, liebe Eidgenossenschaft, serienmäßig eine Geschwindigkeitsregelanlage mit der Zusatzfunktion eines Geschwindigkeitsbegrenzers, der das Einhalten von Tempolimits erleichtert.
Das alles ist über die Schaltergruppen am Lenker und den hochformatig angeordneten Bildschirm bestens zu überblicken und zu kommandieren, mit der Einschränkung, dass die Schalter nicht hinterleuchtet und deshalb im Dunkeln nur schwierig zu orten sind. Die im Stil einer Rallyeziege steil stehende Scheibe ist nicht höhenverstellbar, bietet aber im Zusammenspiel mit den Seitendeflektoren, den Handprotektoren und dem breitschultrigen Tank guten Wind- und Wetterschutz. Einen erheblichen Fortschritt stellt das neue, einstellbare KYB-Fahrwerk dar, das Präzisionsarbeit mit feinem Ansprechverhalten und Unerschütterlichkeit auf unterschiedlichsten Untergründen kombiniert. Der perfekt zugängliche Lenkungsdämpfer lässt sich auch während der Fahrt leicht einstellen. Die Vorderradbremse zeichnet sich durch Entschlusskraft aus, das Pendant am Hinterrad durch eine vergleichsweise lasche Dienstauffassung.
Robuste Seitenkoffer und mehr
Mindestens 13.700 Euro müssen für die laut Werk vollgetankt 220 Kilogramm wiegende World Raid angelegt werden. Lockt die Ferne, gilt es, hier und da noch nachzurüsten, in Euro und in Kilo. Unsere Testmaschine wies als Extras robuste Seitenkoffer und deren rustikale Halterung, massiven Motorschutz, Quickshifter für kupplungsloses Schalten sowie zusätzlich ein paar kleine Nettigkeiten auf und repräsentierte eine Summe von gut 16.000 Euro. Damit war sie mit ihren Universalfähigkeiten dann aber in einem Zustand, der die Frage aufwarf, warum man für eine Großenduro à la GS von BMW, Ducati Multistrada oder KTM Super Adventure 10.000 oder 15.000 Euro zusätzlich aus der Schatulle holen soll.
Vielleicht aus dem Grund, dass Luxuszutaten wie Zentralverriegelung, Radarassistenten, elektrisch verstellbarer Windschild, smarte Blinkerabschaltung nicht Bestandteil des Pakets sind. Oder dass einem das Prestige von 150 oder 170 PS wichtig ist. Die japanische Siebenhunderter bringt es auf vergleichsweise bescheidene 73 PS bei 9000 Umdrehungen und 68 Nm bei 6500/min, was aber so gut wie nie das Gefühl einer Mangellage aufkommen lässt. Der Reihenzweizylinder, ein umgängliches, unkompliziertes Triebwerk, zieht bullig aus Bögen und Ortschaften heraus, zelebriert den Durchzug auf gemäßigte Weise, treckert sich abwürgefrei durch geschotterte Gefilde. Nicht tadellos fällt sein Lastwechselverhalten aus: Beim Gasanlegen aus dem Schiebebetrieb heraus zuckt er gern mal, was besonders unpassend ist, wenn es bergauf wie bergab durch Spitzkehren geht, aber auch im Stadtverkehr auffällt.
Eine echte Enttäuschung erlebten wir während unserer annähernd 3000 Kilometer mit der Testmaschine indes nur ein einziges Mal. Das war an einer der wenigen verbliebenen Tankstellen ohne Selbstbedienung. Der italienische Tankwart mit Latzhose und Zapfhahn klappte erst den einen und dann den anderen Deckel hoch, befüllte erst den einen, dann den anderen Behälter, ohne eine Miene zu verziehen, ohne das geringste Anzeichen der Verwunderung, ohne das leiseste Mamma Mia. Als seien zwei Tanks das Normalste der Welt.
