In der Aula des Heinrich-von-Gagern-Gymnasiums in Frankfurt beginnen an diesem Tag viele Sätze mit den Worten „Wisst ihr noch?“. Wisst ihr noch, wie wir dem langweiligen Geschichtslehrer einen Streich gespielt haben? Wisst ihr noch, wie wir auf Klassenfahrt mit dem Fahrrad durch den Odenwald sausten? Wisst ihr noch, dass wir Kohlebriketts von zu Hause mitbringen mussten, damit die Schule geheizt werden konnte?
Ein Klassentreffen weckt Erinnerungen an Zeiten, die längst vergangen sind. In diesem Fall liegen sie schon mehr als sieben Jahrzehnte zurück. Sechs ehemalige Schüler des Abiturjahrgangs 1956 sind nach 70 Jahren noch einmal zurückgekehrt in ihre alte Schule und haben vorne in den ersten Stuhlreihen der Aula Platz genommen. Sie heißen Otmar Frühauf, Eberhard Wiesner, Wolfgang Sellert, Helga von Petersdorff, Fritz Wasgestian und Herbert Ploetz. Eine festlich gekleidete Truppe mit weißen Haaren, rüstig und immer noch schnell im Kopf.
In einem Stuhlkreis ihnen gegenüber sitzen 23 Schüler der aktuellen Jahrgangsstufe Q2: Jungen und Mädchen, die im nächsten Jahr ihr Abitur machen werden. Abi 56 und Abi 27 trennen 70 Jahre technischer Fortschritt und pädagogische Reformen. Aber trotzdem sind sie sich auf einmal ganz nah.

Von den 19 Abiturienten der Abschlussklasse von einst leben noch elf. Aber nicht mehr alle waren „reisefähig“, wie Ploetz sagt. Die Anwesenden sind zum Teil von weither nach Frankfurt gekommen – aus Bonn, Köln, Göttingen, trotz ihres Alters von fast neunzig Jahren. Im Berufsleben waren sie Studienrat, Lehrerin, Jura-Professor, Marine-Offizier. Sie haben Institute geleitet, Schüler unterrichtet, in Japan gelehrt, im Verteidigungsministerium gearbeitet und sich Verdienste um die Wiedervereinigung erworben.
Wurde die NS-Zeit damals im Unterricht thematisiert?
So eine Lebensleistung will erzählt werden, und das braucht etwas Zeit. Einige der Ehemaligen stellen sich ausführlich vor. Die 23 Schüler hören sich alle Lebensgeschichten geduldig und aufmerksam an. Schließlich sind sie an der Reihe, und es bleibt noch eine halbe Stunde Zeit für ihre Fragen.
Schnell wird deutlich: Die Schüler interessieren sich nicht für das Berufsleben der Älteren. Aber ihre Neugier auf die Schulzeit von damals ist ungebremst. Gleich der erste Schüler, der sich meldet, will wissen, ob die NS-Zeit auch bei ihnen schon ein Thema im Unterricht war. Und es war schnell klar: Unmittelbar nach dem Krieg war an eine Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheit noch nicht zu denken. Otmar Frühauf sagt, die Art ihres Geschichtsunterrichts sei nicht mit der heutigen vergleichbar. „Da war das 19. Jahrhundert die Moderne.“ Und wenn es gut ging, kam noch der Erste Weltkrieg an die Reihe. „Man hat sich nicht mit der Gegenwart beschäftigt. Der Geschichtsunterricht war keine politische Bildung“, sagt der pensionierte Lehrer, der schon so lange Pensionär ist, dass für ihn die Zeit der Berufstätigkeit derart weit entfernt wirkt, „als wäre es ein anderes Leben“.

Helga von Petersdorff fasst ihren Geschichtsunterricht mit dem Schlagwort „facts and numbers“ zusammen. Dass einige Lehrer eine „bräunliche Vergangenheit“ gehabt hätten, habe sie erst hinterher erfahren. Ihr früherer Mitschüler Sellert sagt, die Schüler seien nach dem Krieg vor allem mit der Wahrung der eigenen Existenzgrundlagen beschäftigt gewesen. „Wir mussten Kohlen mitbringen, um die Schule zu heizen.“ Er sieht es rückblickend kritisch, wie wenig über die Verbrechen der NS-Zeit reflektiert wurde: „Man hat Ansätze erfahren. Man hätte fragen müssen, aber es hat kaum einer gefragt.“
„Ich war an dieser Schule ein glücklicher Schüler“
Ploetz erhebt sich, wenn er zu den Schülern spricht. Das Gagern habe ihm die Geschichte der Grundrechte erklärt: „Das war durchaus eine Erziehung zur Demokratie.“ Ploetz erinnert sich mit großem Vergnügen an seine Schulzeit. Einige Lehrer waren für ihn persönlich prägend, die Beziehung war vertrauensvoll. Ploetz ist dafür bis heute dankbar: „Die Schule hat uns auf das Leben vorbereitet. Ich war in dieser Schule ein glücklicher Schüler.“
Die Erinnerung an eine gute Schulzeit zieht diesen Kreis immer wieder ans Gagern zurück. Fast jährlich gibt es ein Klassentreffen, nicht immer in Frankfurt. Aber die runden Abitur-Jubiläen feiern sie doch meistens hier. Es hat sich eine enge Gemeinschaft gebildet, die über die Jahrzehnte hinweg Bestand hatte.
Dabei stammte kaum einer von ihnen aus Frankfurt, als sie nach dem Krieg auf das Gagern kamen. „Die Mehrzahl kam von weit her und hatte nur einen Rucksack oder ein Köfferchen dabei“, erinnert sich Ploetz. Und er fügt hinzu: „Entscheidend war, dass wir etwas im Kopf hatten.“ Das Gagern wurde den Entwurzelten zu einer neuen Heimat. Vielleicht ist das eine Erklärung dafür, warum sie sich ihrer Schule selbst 70 Jahre nach dem Abitur noch derart verbunden fühlen: Die Schule und ihr Gebäude stifteten Identität.
„Helga, gehen Sie nach Hause und lernen Sie kochen“
Ein Mädchen fragt, wie die Atmosphäre im Unterricht war: „Bei uns ist es ja recht locker. Wurde euch noch mit dem Stock auf die Finger geschlagen?“ Die Ehemaligen schütteln den Kopf. Keiner von ihnen hat körperliche Züchtigung am Gagern erlebt. Aber Sellert erinnert sich mit Grausen an die Jahre zuvor in der Volksschule zurück: „Da bin ich ganz schön verprügelt worden.“
Auch am Gagern gab es Konflikte. Wiesner erzählt, wie ein Lehrer einen Schüler aufforderte, sein Hemd in die Hose zu stecken. Und Helga von Petersdorff erinnert sich, dass der Ton gerade Mädchen gegenüber nicht immer respektvoll war: „Zu mir hat ein Lehrer gesagt: Helga, gehen Sie nach Hause und lernen Sie kochen.“
Es war damals noch ungewöhnlich, dass Mädchen das Abitur machten. Helga von Petersdorff stieß am Ende der Quinta zur Klasse hinzu. Es war für sie das Ende einer langen Odyssee. Sie hatte schon vier Schulwechsel hinter sich, ihre Familie war ausgebombt worden. Helga war damals das dritte Mädchen auf dem Gagern. Beim Blick auf die jungen Schülerinnen ihr gegenüber stellt sie erfreut fest, dass sich das Geschlechterverhältnis inzwischen umgekehrt hat. „Heute sind es fast mehr Mädchen als Jungen.“
Schussfahrt im Odenwald
Im Gespräch kommen auch alte Anekdoten hoch. Eine Radtour führte die Klasse einst durch den Odenwald. Der Lehrer konnte mit dem Tempo seiner Schüler nicht mithalten. Weit abgeschlagen und mit hochrotem Kopf kam er schließlich am Fuße des Abhangs an, den seine Schüler gerade mit Affenzahn hinabgeschossen waren. Er hatte nur noch eine Frage: „Seid ihr vom wilden Watz gebissen?“
Apropos Klassenfahrten. Die führten nicht wie heute nach Berlin, Brüssel oder Rom. Sondern in den Harz oder Schwarzwald. Oder eben eine Woche mit dem Fahrrad durch den Odenwald. Aber dem Gemeinschaftsgefühl hat es nicht geschadet. „Das Fahrrad war unsere große Freiheit“, erinnert sich Sellert. Und Petersdorff schwärmt: „Einige hatten damals schon Räder mit Drei-Gang-Schaltung!“ Sie selbst musste allerdings ohne auskommen und fuhr mit einem Herrenrad.
Das Gagern ist eines von zwei humanistischen Gymnasien in Frankfurt, einen guten Ruf hatte die Schule schon immer. „Das Gagern war schon damals etwas Besonderes“, erinnert sich Petersdorf, die heute noch auswendig aus griechischen Dramen der Antike zitieren kann. Mit Bestnoten seien ihre Lehrer allerdings sehr zurückhaltend gewesen. „Bei uns gab es die Eins nur höchst selten.“ Die Noten heutzutage erweckten den Eindruck, „die seien alle hochbegabt“.

Vieles hat sich verändert. Insgesamt haben 35 Schüler vor 70 Jahren ihr Abitur abgelegt, verteilt auf zwei Parallelklassen. Heute ist das Gagern viel größer. Jedes Jahr machen 90 bis 100 Schüler hier ihr Abitur, wie der Schulleiter Gerhard Köhler erläutert. Immer noch legt das humanistische Gymnasium viel Wert auf Sprachen. So wie damals stehen auch heute noch Griechisch und Latein auf dem Lehrplan, außerdem können die Schüler inzwischen auch Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch lernen. Latein und Englisch sind in der fünften Klasse Pflicht. Und noch immer wählt ein Viertel des Jahrgangs Griechisch – als „Schlüssel zu einer Kultur“, wie Köhler sagt.
Auch der technische Fortschritt hat den Unterricht reformiert. Als sie zur Schule gingen, gab es noch keine Handys und keine Beamer, noch nicht einmal Overhead-Projektoren. Sellert erinnert sich noch an das Aufsatz-Thema: „Wie schädigt das Fernsehen?“
Der Unterricht ging damals auch noch nicht bis zum späten Nachmittag. „Die Schule war noch kein Lebensort. Man kam um 7.45 Uhr und ging um 13 Uhr nach Hause“, sagt Frühauf. Nur im Winter fuhren die besonders Sportlichen manchmal nach der sechsten Stunde noch gemeinsam zum Skifahren auf den Feldberg.
Zum Abschluss wendet sich Ploetz mit viel Pathos an die Schüler: „Ich hoffe, Sie merken, dass man an dieser Schule den Schlüssel zum Leben und zur Welt erhält.“ Und Sellert ergänzt gedankenvoll: „Non scholae sed vitae discimus!“ – Wir lernen nicht für die Schule, sondern für das Leben.
Dann müssen die Schüler zur nächsten Stunde, die Begegnung ist vorüber. Draußen auf dem Gang stehen die Ehemaligen und der Schulleiter Köhler noch etwas beisammen und unterhalten sich. Hatte die Aula früher nicht einmal eine Kassettendecke? Befand sich hier nicht unser Klassenzimmer? Die Ehemaligen sind begeistert, wie nett und zuvorkommend die Schüler waren. Köhler freut sich über das Lob: „Hilfsbereitschaft und Offenheit prägen diese Schule.“
Vieles hätte man im Gespräch mit den Schülern noch vertiefen und anfügen können. Über die Lehrer: „Sie waren eine Autorität. Kritik war nicht gefragt“, sagt Sellert draußen vor der Aula. Über die Stimmung nach dem Schulabschluss: „Man hatte keine Zukunftsängste. Wenn ich heute höre, dass Kinder mit 15 Jahren schon an die Rente denken, fasse ich mir an den Kopf.“ Wiesner meint, dass einige Erinnerungen an die Schulzeit schöngefärbt seien: „Es war nicht alles rosarot.“ Vielleicht können sie das bei ihrem nächsten Besuch am Gagern noch weiter ausführen.
