
Der Prozesstag beginnt mit „Sommer, Sonne, Party“ und endet mit 750 Kilogramm Kokain in einem Frachtcontainer aus Südamerika.
Es ist der sechste Termin in diesem Fall. Angeklagt sind sechs Personen, die große Mengen Drogen verkauft und international geschmuggelt haben sollen. Hauptangeklagte sind Marvin G. und Maximilian G., beide Mitte, Ende zwanzig, Abitur und gutes Elternhaus. Insgesamt geht es um eine Tonne Kokain, vier Tonnen Marihuana, rund 20 Liter Amphetaminöl sowie circa 5000 Oxycodon- und 1000 Ecstasy-Tabletten.
Laut Anklage hatte die „Firma“, wie sie in Chats hieß, einen hohen Grad an Professionalität. Es gab selbst programmierte Buchhaltungs-Apps, die Kommunikation lief über verschlüsselte Messenger, das Drogengeld soll über Scheinfirmen gewaschen worden sein. Angestellte genossen Sozialversicherungen, strichen hohe Gehälter und Bonuszahlungen ein. Insgesamt werden mehr als 30 Personen in dem Fall verfolgt, weitere Verfahren sollen noch folgen.
Die Hauptangeklagten wirkten in den vergangenen Prozesstagen entspannt, obwohl Haftstrafen bis zu vierzehneinhalb Jahren im Raum stehen. Sie erzählten von einer Kindheit in Einfamilienhäusern, umgeben von Schafen und Weiden. Von einem guten Abitur, von Tennisstunden und Programmier-AGs in der Schule. „Ein besonderes Täterprofil“ nannte die Staatsanwaltschaft das bei der Eröffnung des Prozesses.
„Heute versucht Herr G., die Fälle, die ihm zur Last gelegt werden, abzuräumen“, startet Marc Piel, der Verteidiger von Marvin G., in den Tag.
Marvin G., gut rasierter Bart, schlichtes beiges Polohemd, Chino-Hose, sitzt aufrecht und rückt das Mikrofon an sich heran. Ein wenig sieht er aus, als würde er gleich einen Geschäftsbericht vorstellen. Sagt dann aber mit ruhiger Stimme: „Im Großen und Ganzen stimmen die Punkte der Anklage.“ Was folgt, ist die Geschichte eines jungen Mannes, der aus der behüteten Idylle eines deutschen Dorfs immer tiefer an die Spitze eines Drogenimperiums rutschte, um am Ende mit südamerikanischen Großdealern zusammenzuarbeiten.
Alles begann mit einem Urlaub in Spanien
In einem Urlaub in Spanien mit Anfang 20 habe alles angefangen. Die Sonne, die Partys, und dann war da dieser Freund, der eine Villa hatte. Beeindruckt sei Marvin G. davon gewesen. 500 Quadratmeter Wohnfläche, Pool, Sauna, Billardtisch und eine Garage für drei Autos. Dort sei er immer häufiger gewesen, habe dort irgendwann gewohnt. Der Freund habe eine Logistikfirma gehabt, in die Marvin G. einsteigen wollte. Es habe nicht lange gedauert, bis ihm klar wurde, dass der Freund in den Lieferwagen nicht nur Bananen und Orangen, sondern auch Cannabis nach Deutschland und Holland fuhr.
Als der Freund nach einiger Zeit aussteigen wollte, übernahm Marvin G. das Geschäft. Er habe ja seine Existenz sichern müssen, sagt er und meint damit unter anderem die 7000 Euro Mietkosten für die Villa seines Freundes.
Von dort hätte er sich zusammen mit Maximilian G. und einem Teil der anderen Angeklagten ein gut funktionierendes System aufgebaut. Kiloweise Cannabis, versteckt zwischen Paletten voller Bananen, Orangen oder Kürbisse, ließen sie nach Deutschland fahren, um es dort zu vertreiben. Eine Zeit lang sei das ein „florierendes Geschäft“ gewesen, sagt Marvin G. Luxusautos und Uhren, Partys in Villen in Marbella. Aber dann habe die Polizei immer wieder Lieferungen abgefangen, Verstecke ausgehoben, oder andere Gruppen hätten sie mit vorgehaltener Waffe beraubt. So seien auch mal 900.000 Euro auf einen Schlag weg gewesen.
Die Schulden seien immer größer geworden und damit auch der Druck
Marvin G. schildert, wie sie sich immer mehr Geld von ihren Geschäftspartnern geliehen hätten und damit immer größere Schulden anhäuften. „Wir waren finanziell irgendwann am Ende“, sagt er. Der Ton sei rauer geworden, bis die Partner ihnen angeboten hätten, Schulden zu erlassen, im Gegenzug für einen größeren Kokainschmuggel aus Südamerika. „Das war nicht als ein Angebot zu verstehen“, sagt Marvin G. „Flucht kam auch nicht infrage, das sind Menschen, die einen auch ein paar Hundert Kilometer weiter in Deutschland finden.“
Es ist beeindruckend, wie Marvin G. im Folgenden skizziert, wie der internationale Drogenschmuggel über den Seeweg funktioniert. Ihre Aufgabe sei es gewesen, die erste Ladung von 250 Kilo Kokain an einem Hafen in Antwerpen zu bergen. Sie hantierten mit gefälschten Container-Plomben, GPS-Trackern („wie bei DHL“), beschafften sich Kleidung von Hafenarbeitern und Zugangskarten. Doch dann sei das Kokain nicht angekommen. Sie hätten nicht gewusst, ob der Zoll oder jemand anders den Container geöffnet habe.
Die südamerikanischen Lieferanten hätten ihn daraufhin in die Dominikanische Republik bestellt, weil sie glaubten, er und Maximilian G. hätten das Kokain unterschlagen. Er habe das erste Mal richtige Angst gehabt, sagt Marvin G. „Im Flugzeug dachte ich, das war die dümmste Idee meines Lebens.“ Zwei schwarze SUVs, bewaffnete Männer, die Erzählung hört sich an wie eine Folge der Kartellserie „Narcos“. Eine Woche hätten sie ihn festgehalten, ihm den Pass weggenommen, bis klar gewesen wäre, dass wirklich der Zoll das Kokain beschlagnahmt hatte.
Die Lieferanten seien dann relativ entspannt gewesen. Ein paar Hundert Kilo würden ihnen nicht wehtun, hätten sie Marvin G. gesagt. Aber jetzt müssten sie noch mehr Ware transportieren, um ihre Schulden zurückzuzahlen.
Wie bei einem schlechten Plot passiert genau das, was der Zuschauer erwartet. Weitere Lieferungen gehen verloren. Zuletzt soll laut Anklage sogar eine 750-Kilo-Lieferung verschwunden sein. Marvin G. sagt, die habe es niemals gegeben.
Zum Teil waren die Strukturen „wie in einer Aktiengesellschaft“
Und obwohl sich das alles etwas dilettantisch anhört, zeigt sich in Marvin G.s Erzählungen immer wieder, wie professionell die aufgebauten Strukturen waren. Aus dem Kopf rechnet er Gewinnmargen in Millionenhöhe vor, erklärt, auf wie viel Grad man die Bananen, zwischen denen das Kokain versteckt war, herunterkühlen musste, damit man sie danach noch verkaufen konnte. Beschreibt die Transportkette der Ware wie ein gut funktionierendes Staffelstab-System. Spricht von „Arbeitern“, die die Abläufe mit Gabelstaplern, Vakuumiergeräten so perfektioniert hätten, dass möglichst wenig Zeit dabei verloren ging.
Und auch „die Firma“ habe man akkurat geführt. „Wie eine Aktiengesellschaft“, wirft Maximilian G. zwischendurch ein. Mit Kapital habe man sich einzelne Anteile kaufen können, die Gewinne und Verluste seien dann geteilt worden.
Wenn man Marvin G. bei seinen Ausführungen zuhört, fragt man sich, wieso die zwei jungen Männer sich nicht für ein legales Geschäft entschieden haben. Das Potential dafür scheint da gewesen zu sein.
Obwohl Marvin G. an diesem Tag umfassend aussagt, bleiben viele Fragen offen. Zum Beispiel, welche Rolle Maximilian G. bei alldem spielte. Sein Name fiel in Marvin G.s Erzählung kaum, obwohl die Anklage sie als gemeinsame Drahtzieher der Organisation sieht. Mehrfach stellt sich die Frage, wieso die beiden weitermachten, obwohl es immer schlimmer geworden sein soll.
Der Prozess wird am Dienstag fortgesetzt, dann möchte sich Maximilian G. zur Tat äußern.
