Herr Huber, Sie haben als Extrembergsteiger mit Erstbegehungen, Free-Solo-Klettereien und Speedrekorden Aufsehen erregt, wie unter anderem im Film „Am Limit“ zu sehen ist. Seit Kurzem unterstützen Sie die Umweltschutzorganisation Mountain Wilderness, die sich für den Erhalt der letzten Wildnisgebiete in den deutschen Alpen einsetzt, als sogenannter Garant, der Ideen und Werte der Gruppe weitertragen soll. Wie kam es dazu?
Einer der Gründer von Mountain Wilderness, Richard Goedeke, hat aus Altersgründen seine Aufgabe als Garant beendet. Wir kennen uns seit Langem, und er ist auf mich zugekommen, ob ich bereit wäre, seine Rolle zu übernehmen. Ich bin schon seit Jahrzehnten im Naturschutz aktiv, und er hatte das Gefühl, ich könnte der Richtige sein.
Mit welchen Aufgaben und Projekten haben Sie es zu tun?
Es gibt immer wieder Vorhaben, die den Naturraum akut bedrohen. Aktuell ist das etwa die Scheidtobelbahn in Oberstdorf. Dort steht eine Erneuerung der Seilbahn an. Dagegen wäre nichts zu sagen, wenn das nicht mit einer Veränderung der Trasse und der Pistenführung und mit einem großen Speicherbecken für die Beschneiung verbunden wäre. Und das ist problematisch, weil im Scheidtobel die größte Population des Birkwilds in ganz Deutschland lebt. Dort finden sich mehr Birkhühner als im ganzen Nationalpark Berchtesgaden. Deshalb kämpfen wir dafür, dass die Scheidtobelbahn so bleibt, wie sie ist. Sie kann ja erneuert werden, sie soll auch erneuert werden, aber im Rahmen dessen, was schon da ist. Der Naturraum muss erhalten bleiben, wie er ist. Es darf keine Verschlechterung geben, allein schon weil es ein Natura-2000-Schutzgebiet ist, in dem so eine Verschlechterung verboten ist. Wenn die Talstation wie geplant weiter nach unten verlegt wird, und die Bergstation weiter nach oben, und wenn die Talstation am Ende das fünffache Volumen der alten haben soll, und die Bergstation das zehnfache, dann ist das ein aus Naturschutzgründen nicht tolerierbarer Neubau.
Auch die Gesetzeslage ist bei dem Projekt besonders.
Das Problem ist das „Dritte Modernisierungsgesetz“ der Bayerischen Staatsregierung, das vor einem Jahr beschlossen wurde. Demnach ist bei einem Seilbahnprojekt von bis zu 1,5 Kilometer Länge keine Umweltverträglichkeitsprüfung mehr nötig. Die Scheidtobelbahn ist 1,45 Kilometer lang. Wenn die Gesetzgebung das so erlaubt, müssen die Behörden es so genehmigen, auch den Bergbahn-Unternehmen ist da kein Vorwurf zu machen. Der Beelzebub ist bei der Politik: Sie hat ein Gesetz verabschiedet, ohne alles dabei zu Ende gedacht zu haben. Ich hatte das zuvor schon mit Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) besprochen und Bedenken geäußert. Mir wurde versichert, dass der Naturschutz trotzdem gewährleistet sei. Jetzt sieht man: Das ist er nicht.

Es geht darum, die Erschließung der Alpen naturverträglich zu gestalten?
Ich bin selbst Naturnutzer. Ich bin in den Bergen unterwegs, auf Hütten und Wegen, ich gehe klettern, bin Skifahrer, benutze im Winter Seilbahnen. Früher waren die Alpen ein reiner Naturraum, seien wir froh, dass es Hütten und Wege gibt, dass es Lifte gibt, dass wir Ski fahren können. Aber es muss jetzt genug sein. Wir sollten mit dem Platz, den wir schon in Anspruch genommen haben, zufrieden sein, damit der Rest des verbliebenen ursprünglichen Naturraums der Alpen so bleibt, wie er ist. Als in den Neunzigern vor allem in den Mittelgebirgen zahlreiche Felssperrungen drohten, habe ich dafür gekämpft, dass wir weiter am Fels klettern können. Aber ich habe auch gesehen, dass durch das Klettern eine Bedrohung für die Natur entsteht, besonders für die Felsbrüter. Damals bin ich erstmals mit dem Landesbund für Vogel- und Naturschutz in Bayern (LBV) zusammengekommen. Wir haben es dann geschafft, dass alle Seiten zusammenarbeiten. So ist heute im Großen und Ganzen Klettern in der freien Natur erlaubt, an kritischen Felsen gibt es im Frühjahr Sperrungen, damit die Felsbrüter geschützt sind. Hier arbeiten der LBV und die Kletterer Hand in Hand.
Eine ähnliche Initiative gibt es für das Skitourengehen.
Ja, ich war auch Botschafter des Projekts „Skibergsteigen umweltfreundlich“ des Deutschen Alpenvereins. Wenn wir im Winter blind in Gebiete einfahren, in denen Birk- und Auerwild zu Hause sind und auch viele andere Tierarten bedrängt werden, ist es damit vorbei. Wie beim Klettern wurde auch beim Skibergsteigen von den Verbänden Aufklärungsarbeit und Besucherlenkung betrieben.
Halten sich die Leute an die Vorgaben?
Anfangs war ich als Kletterer so was wie der natürliche Feind des LBV. Heute hat der LBV wahrgenommen, dass auch Bergsteiger und Kletterer viel Wert auf intakte Natur legen. Dass sie sich selbst beschränken können, wenn sie verstehen, dass die Natur unter dem eigenen falschen Handeln leiden könnte. Es ist Aufgabe des Alpenvereins, die Mitglieder für diese Belange zu sensibilisieren und darüber aufzuklären. Die meisten Skibergsteiger, die in einen Hang in einem Auerhahn- oder Birkwildgebiet fahren, wissen gar nicht, dass die da sind. Würde man ihnen das vorher sagen, würden sie nicht reinfahren. Es will ja keiner naturgefährdend unterwegs sein.
Welche Wirkung können Protestaktionen gegen solche Liftprojekte haben?
Auch Politiker wollen sich richtig verhalten. Deswegen ist Schimpfen auch nicht der richtige Weg. Besser ist es, den Politikern die Folgen aufzuzeigen, die solche Gesetze haben können und die sie vielleicht erst gar nicht voll erkannt haben. Wie man im Allgäu am Riedberger Horn gesehen hat, wo das Projekt der Skischaukel aufgegeben wurde. Oder beim gescheiterten Bergbahn-Projekt am Grünten.
Worin liegt für Sie der Wert von wilden Naturräumen?
Jedes Stück Natur ist etwas Einzigartiges. Die Intelligenz der Natur übertrifft die menschliche und auch die Künstliche Intelligenz bei Weitem. Es braucht keine Intelligenz, um einen Käfer zu zerstören, aber auch der genialste Mensch kann keinen Käfer erschaffen. Diese Einzigartigkeit des Lebens gilt es zu schützen, ganz pragmatisch, ganz wissenschaftlich gedacht. Ich bin ja Physiker, ich glaube, ich denke da analytisch genug. Um unsere Lebensgrundlagen zu bewahren, müssen wir uns von dieser Natur maximal viel erhalten. Denn wir Menschen entstammen der Natur, wir können nicht von der Zivilisation leben. Wenn wir die Natur neben dem Klimawandel zusätzlich noch unter Stress setzen, haben wir am Ende nicht mehr die Artenvielfalt, die Biodiversität, die für unser Überleben essenziell ist.
Wie optimistisch blicken Sie in die Zukunft, was den Schutz der Alpen anbelangt?
Negativ ist: Es wird eine weitere Verschlechterung geben. Positiv ist: Es wird sich einiges verteidigen lassen. Es geht letztlich darum, dass sich Politik und Gesellschaft bewusst sind, dass sie die Rahmenbedingungen herstellen müssen, die unsere Natur bewahren. Und Regeln formulieren müssen, an die sich alle halten. Und zwar so, dass am Ende die Natur nicht verliert. Denn die Natur selbst hat keine Stimme. Die Natur mault nicht. Zumindest nicht direkt. Dann aber dafür oft umso heftiger.
Richard Goedeke war fast 40 Jahre lang Garant für Mountain Wilderness. Wie lange planen Sie?
So lange, wie ich das Gefühl habe, dass meine Arbeit etwas bringt. Wenn ich dieses Gefühl habe, ist das die Motivation weiterzumachen. Insofern hängt es schon auch ein bisschen an der Politik. Durch die Lösung am Riedberger Horn etwa hat am Ende auch die Politik an Glaubwürdigkeit gewonnen. Denn es gibt wohl niemanden, der sich gern nachsagen lässt, dass er sich nicht für den Naturschutz einsetzt.
