Sie können auch lustig: Victoria Swarovski und Michael Ostrowski inszenierten gleich zu Beginn den Auftritt des Vorjahressiegers JJ nach, was aber völlig daneben ging. Das Moderatoren-Duo des diesjährigen Eurovision Song Contest (ESC) erlitt Schiffbruch. Sie schlug ihm einen Zahn aus, er ging über Bord, sie schoss mit einer Leuchtrakete ein Loch ins Boot, er eine Schiffslaterne herunter, die in Flammen aufging. Zu guter Letzt brach auch noch das Kajütendach ein, auf das sich die beiden gerettet hatten, und sie verschwanden im Boden. Aus dem sie nass, blutend und mit zerrissenen Kleidern wenig später wieder auftauchten. Herrlich komisch.
Ein toller Anfang für das zweite Halbfinale am Donnerstagabend, dem gleich ein toller Auftritt folgte. Dabei bekommt der Stuhlkreis bei Dara eine völlig neue Bedeutung. Mindestens verhaltensauffällig würde man die fünf bezeichnen wollen, die – sitzend – wild und verrückt tanzen und im Takt zappeln. Sehr besonders.
Ihr Liedtitel „Bangaranga“ ist frei aus dem jamaikanischen Kreolischen abgeleitet und bedeutet Unruhe oder Aufruhr, in diesem Fall frei übersetzt sieht sich Darina Nikolaewa Jotowa, wie Dara eigentlich heißt, als „Unruhestifterin“. Sie ist Engel, Dämon und Psycho in einer Person. Es geht der Bulgarin um Selbstbewusstsein und das Entdecken innerer Stärke. Und ihr Bangaranga hämmert sie ihren Zuschauern mit Vehemenz in die Köpfe. Bulgarien war 2022 im Halbfinale gescheitert und hatte danach drei Jahre auf eine Teilnahme verzichtet. Nun steht es mit Dara gleich im Finale.
Luxemburg erstmals nicht in einem Finale
Nun ist die Ukraine das einzige Land, das immer am letzten Showdown teilnahm. Allerdings hat sie auch einmal, 2015 als der ESC nach Conchita Wursts Sieg ebenfalls in Wien stattfand, auf die Teilnahme verzichtet. Und einmal, 2019, ihre Teilnahme kurzfristig noch zurückgezogen. Ansonsten war das Land seit 2003 immer in der letzten Runde dabei. Und das mit überragenden Ergebnissen: dreimal gewonnen, insgesamt 14 Top-Ten-Plätze.

Einen vorderen Platz könnte nun auch Wiktorija Leléka mit ihrer Ballade „Ridnym“ erreichen. Darin spielt sie mit englischen Worten, die so klingen wie ukrainische, aber eine ganz andere Bedeutung haben. Konkret geht es um „wish you“, also „ich wünsche dir“, und „vyshyu“, was „ich sticke“ bedeutet. Besonders ist das Lied auch, weil Leléka am Ende einen Ton fast 30 Sekunden hält, eine sogenannte Vokalise.
In „Ridnym“ („Verwandte“) geht es um eine Transformation, den Moment im Leben eines jeden Menschen, in dem plötzlich alle Sicherheiten verschwinden und man den Mut finden muss, der eigenen Angst ins Gesicht zu sehen, wie Leléka der F.A.Z. im Interview erzählte. „Erst wenn man diese Angst überwindet, entsteht die Möglichkeit, eine neue Realität aufzubauen.“
Die Ukrainerin Leléka lebt schon seit 2014 in Berlin
Leléka ist ein selbst gewählter Name, das Wort bedeutet Storch. Und als solcher ist sie auch auf der Bühne zu sehen. Der Storch ist ein Zugvogel, der immer seinen Weg nach Hause findet. Das spiegele ihre Geschichte wider, die Fünfunddreißigjährige kommt aus der Ukraine, lebt aber schon lange, seit 2014, in Berlin. „Außerdem“, sagt sie, „gilt dieser Vogel als Symbol der Hoffnung.“
Ins Finale zogen natürlich auch die beiden Favoriten der zweiten Zwischenrunde ein. Dänemark und Australien. Der Däne Søren Torpegaard Lund sollte sein Lied in Wien eigentlich auf Englisch singen, weil es internationaler wäre, doch er wollte nicht und folgte damit einem Trend. Die Landessprachen sind beim ESC in diesem Jahr so stark vertreten wie seit Jahren nicht, Geschichten lassen sich eben auch in drei Minuten auf der Bühne erzählen, ohne dass man die Worte versteht.
Und so beließ es Lund bei „Før Vi Går Hjem“ („Bevor wir nach Hause gehen“). Es geht um die Angst vor dem nächsten Morgen, denn nach einer durchfeierten Nacht bleibt die Frage: Was wird der neue Tag bringen? Lund, sein Dänisch und auch seine Party im Glaskasten kommen sehr gut an, vor allem bei der jungen Generation. Für Lund von Vorteil: Er könnte bei den Jurys und bei den Zuschauern punkten. Auch im Finale, und am Ende sogar den Sieg davontragen.

Genauso wie sie: Ein paar Sekunden Harfenspiel, und dann gehört die Bühne Delta Goodrem. Hier ist sie fast unbekannt, nur 2003 hatte sie auch einmal kurz die Aufmerksamkeit Europas mit ihrem Lied „Lost Without You“. Down Under aber ist sie ein Superstar, singt, spielt Klavier, produziert Musik, ist in Fernsehserien („Neighbours“) und Spielfilmen („Love Is in the Air“) zu sehen.
Die Erfahrung spürt man, sie strahlt ein Selbstbewusstsein aus wie Céline Dion, ihre Popballade „Eclipse“ ist zwar etwas aus der Zeit gefallen, aber das macht sie mit Stimme wett. Und der Inszenierung, in der sie zum Schluss spektakulär abhebt. Ein bisschen Las Vegas, ein bisschen Disney, und dennoch sehens- und vor allem hörenswert.
Außenseiter Aidan Cassar begeistert auf Maltesisch
Ein Außenseiter, der unbedingt einmal zum ESC wollte, ist Aidan Cassar. Der Malteser wollte unbedingt nach Wien, zehn Lieder hat er dafür geschrieben, mit einer wunderschönen Ballade ist er angereist: „Bella“. Darin singt er das erste Mal seit 54 Jahren wieder auch auf Maltesisch bei einem ESC. Was ihn besonders stolz macht, wie er erzählt. Sein Lied könnte aus den -, Vierzigerjahren sein. Tolle Stimme, tolle Ausstrahlung, und doch wird er es schwer haben am Samstagabend.
Weiter sind noch Norwegen, Rumänien, Zypern, Albanien und die Tschechische Republik, ausgeschieden Armenien, Aserbaidschan, Lettland und leider auch die Schweiz mit Veronica Fusaros Lied „Alice“. Noch zwei kurzweilige Pausenfüller bot der Donnerstagabend in Wien. Vorjahressieger JJ präsentierte sein neues Lied „Unknown“. Und Professor Eurovision, alias Victoria Swarowski, hielt eine weitere Lehrstunde ab.
Student Hugo wollte von ihr wissen, warum da nur noch Schwule seien, ob die den ESC jetzt übernommen hätten. Natürlich nicht, so die Dozentin – und holte weit aus. Bis zum ersten Wettbewerb 1956, an dem Dany Dauberson für Frankreich teilnahm, 1960 wurde sie zur „Miss Lesbos“ gewählt. Den ersten schwulen ESC-Sieger gab es fünf Jahre später, es war der Franzose Jean-Claude Pascal. Er gewann 1961 für Luxemburg mit dem Lied „Nous les amoureux“ („Wir Liebenden“). Es handelt von zwei Menschen, deren Liebe die Gesellschaft nicht zulässt.
Bis zum ersten offen homosexuellen Künstler beim ESC vergingen allerdings 40 Jahre, es war der Isländer Páll Óskar Hjálmtýsson, international bekannt als Paul Oscar, der 1997 „Minn hinsti dans“ („Mein letzter Tanz“) sang.
Acht Sieger ordnen sich heute den LGBTQIA+ zu, unter ihnen die israelische Transfrau Dana International, die lesbische Sängerin Marija Šerifović aus Serbien, die als bekannteste homosexuelle Person ihres Landes gilt, Nemo aus der Schweiz als erste offen nichtbinäre Person und JJ, die bärtige Dame Conchita Wurst und Johannes Pietsch, der als schwuler Mann vergangenes Jahr für Österreich mit „Wasted Love“ gewann. Der Rest, die große Mehrheit, war und ist heterosexuell.
Am Ende ihrer kurzen Lehrstunde sagte die Professorin, sie hoffe, eines Tages könne man auf die ganzen Buchstaben LGBTQIA verzichten, und sie nur durch einen Buchstaben ersetzen: H – nicht für Hugo, sondern für „human“, also einfach Mensch.
