Kai Wissmann ist Kapitän der Eisbären Berlin aus der Deutschen Eishockey Liga. Der Verteidiger wurde mit dem Klub fünfmal deutscher Meister. Im Nationalteam zählt der Neunundzwanzigjährige zu den Stützen, um die der neue Bundestrainer André Rankel sein Team bis zur Heim-WM 2027 formieren will.
Kai Wissmann, die Eisbären haben Ende April zum zwölften Mal die Meisterschaft in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) gewonnen. Was von dieser Siegermannschaft steckt noch in dem Team, das jetzt den nächsten Titel angreifen will?
Es war ein schweres Jahr für uns – mit vielen Verletzungen, auch bei mir persönlich. Wir haben aber nie den Anschluss an die vorderen Plätze verloren. In den letzten Spielen mussten wir gegen mehrere Teams an der Spitze gewinnen, um überhaupt noch eine Chance zu haben. Das haben wir geschafft, und das hat uns noch einmal Selbstvertrauen gegeben. Als wir dann in den Play-offs standen, war für uns klar: Wir kennen diese Situation, wir waren schon oft dabei, und es gibt keinen Grund, warum wir es nicht schaffen sollten. Ob man in der ersten Runde als Zweiter gegen den Siebten oder als Sechster gegen den Dritten spielt, interessiert am Ende niemanden mehr. Entscheidend ist, was danach passiert. Dieses Selbstvertrauen haben wir uns über die Jahre erarbeitet, und es ist bei uns häufig dann da, wenn es darauf ankommt und der Kopf vielleicht ein Stück weit ausschaltet. Auch jetzt, wenn es wieder losgeht, wissen wir, dass wir unsere Leistung abrufen werden.
Ihre Mannschaft steht vor einer besonderen Herausforderung: Ein neuer Trainer, Veränderungen im Tor und weitere wichtige Abgänge treffen auf den Ehrgeiz, Geschichte zu schreiben. Was muss sich verändern beziehungsweise was muss unbedingt bleiben, damit Sie Ihr Ziel erreichen?
Ein gewisser Grundstamm im Kader ist immer gut, damit man etwas hat, worauf man aufbauen kann. Gleichzeitig darf man sich nicht darauf verlassen, dass alles von allein funktioniert. Unser Spiel lebt davon, dem Gegner wenig Raum und Zeit zu geben. Das ist unsere Identität, und die wird sich natürlich auch mit dem neuen Trainer nicht ändern.
Der neue Coach, der Kanadier Eric Dubois, sucht den Austausch mit Ihnen. Was erwartet ein neuer Trainer von seinem Kapitän, und was erwarten Sie von ihm?
Er hat sich vorbereitet, bevor er hergekommen ist, und weiß, wie wir gespielt haben. Gleichzeitig hat er seine eigenen Pläne. Das ist wichtig und gut. Jeder hat seine individuelle Sichtweise. Ich erwarte nicht, dass er alles so macht wie sein Vorgänger (Serge Aubin, d. Red.). Es wird sicher Anpassungen geben. Aber von der Grundidee wird sicher nicht alles neu. Wir befinden uns noch ein bisschen in der Kennenlernphase. Aber wir verändern nicht einfach alles nur um der Veränderung willen. Das ist auch wichtig, weil man als Mannschaft Automatismen und ein gemeinsames Verständnis braucht.
Eishockey ist ein schneller und körperlich harter Mannschaftssport. In welchen Situationen muss ein Kapitän laut werden, oder ist es manchmal wirkungsvoller, nur zuzuhören?
Ich denke, das Zweite ist absolut richtig: Wenn du in jeder Drittelpause in der Kabine herumbrüllst, nimmt dich irgendwann keiner mehr ernst. Natürlich muss man in bestimmten Situationen deutlich werden. Aber man kann nicht jede Ansprache gleich führen. Man muss spüren, was die Mannschaft gerade braucht. Manchmal ist es ein klarer Hinweis, manchmal eher Ruhe. Wichtig ist, dass die Botschaft ankommt.
Die Eisbären haben die Chance, ihre Erfolgsgeschichte fortzuschreiben, indem sie als erster deutscher Klub vier Meisterschaften in Serie gewinnen. Spornt dieser Anspruch an oder belastet er?
Das Ziel kommt aus unserem Mannschaftskreis: In Berlin will man immer die Meisterschaft gewinnen. Vier Meisterschaften in Serie hat in der DEL noch niemand geschafft. Natürlich ist dieser Rekord eine Motivation für uns. Aber wir denken nicht jeden Tag ausschließlich daran. Wichtig ist, gut zu starten, uns als Mannschaft zu finden und dann in den entscheidenden Phasen wieder bestmöglich zu performen.
Wie verhindern Sie, dass aus Selbstvertrauen Überheblichkeit oder Schlendrian wird?
Gewinnen macht Spaß, Verlieren macht keinen Spaß. Das liegt ein Stück weit in der Natur jedes Sportlers. Außerdem hat uns jeder Titel sehr viel abverlangt. Es war nie so, dass wir einfach durch die Saison marschiert sind. Deshalb braucht es Respekt und Demut – aber trotzdem natürlich auch den Willen, weiter erfolgreich zu sein. Man darf sich nicht darauf ausruhen, was man in der Vergangenheit erreicht hat.
Sie selbst mussten in Ihrer Karriere Rückschläge verarbeiten – den nicht erfüllten Traum von der nordamerikanischen Profiliga oder zuletzt einen Riss der Achillessehne. Wie zieht man aus solchen Leidenszeiten auch Lehren, die einen anschließend weiterbringen?
Widerstände gibt es immer. In Nordamerika habe ich viel dazugelernt. Es war gut, aus der Komfortzone herauszukommen. Wenn man jahrelang mit denselben Leuten zusammenspielt und dann in ein neues Land geht, ist vieles anders. Man muss sich neu orientieren und sich auf eine andere Umgebung einstellen. Man spielt auf einer kleineren Eisfläche und arbeitet mit einem Trainer, der vielleicht etwas anders über das Spiel denkt. Dazu kommen eine andere Kultur und eine andere Sprache. Diese Erfahrung hat mich als Mensch weitergebracht. In der Reha nach der Verletzung lernt man in erster Linie viel über sich selbst. Es war eine schwere Verletzung, bei der es auch anders hätte laufen können. Das setzt einiges in ein anderes Verhältnis: Dinge, die einem vorher besonders wichtig erschienen sind, werden plötzlich kleiner. Und andersherum. Am Ende überwiegt die Dankbarkeit, wieder spielen zu können.
Sie sind in Schwenningen im Schwarzwald aufgewachsen und für die Chance, mit den Eisbären in der höchsten deutschen Nachwuchsliga zu spielen, allein in die Millionenmetropole Berlin gezogen. Wie schwierig war der Schritt als 15 Jahre alter Teenager?
Für mich war es damals keine lange Überlegung. Ich bin mit drei Kollegen aus Schwenningen nach Berlin gefahren. Wir haben erst mal zur Probe mittrainiert. Als man mir gesagt hat, dass man mich holen möchte, war für mich eigentlich direkt klar: Ich bin hergekommen, habe es mir angeschaut, und jetzt möchte ich es auch machen. Ein Freund, der zwei Jahre älter war, hatte denselben Weg genommen. Dadurch lag der Schritt nahe, weil man in der Stadt schon Kontakte hatte und wusste, wie man sich informieren konnte. Für mich war es in diesem Alter eine große Chance, die nicht jeder bekommt – das hat mir die Entscheidung einfach gemacht.
Würden Sie einem gleichaltrigen Jugendlichen heute zu einem solchen Schritt raten?
Selbst wenn ich Kinder hätte, könnte ich das nicht pauschal beantworten. Man muss individuell schauen, wie das Kind damit umgeht. Ich würde es jedenfalls nicht zwingen.
Die Eisbären dominierten zuletzt die DEL. Was sagt das über die deutsche Eishockeyliga aus: Machen Sie es einen Tick besser als alle anderen, oder machen es die anderen nicht gut genug?
Die Liga ist ausgeglichen. Wir waren nicht jedes Jahr mit 20 Punkten Vorsprung Erster. Einmal waren wir Hauptrundensieger, ansonsten sind wir auch einige Male vom zweiten Platz aus Meister geworden – zuletzt sogar vom sechsten. Die Verantwortlichen unseres Klubs haben ihren Anteil daran, denn sie haben etwas Gutes aufgebaut. Dazu kommt, dass wir, wenn es um alles oder nichts geht, in der Lage sind, eine besondere Energie zu entwickeln. Das kann man nicht vollständig planen, aber man kann sich durch Erfahrungen darauf vorbereiten.
Die Eisbären sind in Berlin verwurzelt und haben für viele Menschen in Ostdeutschland eine besondere Bedeutung. Was spüren Sie davon, wenn Sie in der Hauptstadt oder in der Region unterwegs sind?
Absolut, da gebe ich Ihnen recht. Ich habe das Gefühl, dass die Fanbasis im Vergleich zu meinen ersten Jahren immer größer wird. Diese Verbundenheit erlebt man in vielen Situationen im Alltag: an den Eisbären-Aufklebern auf den Autos, an Schals, die im Wagen liegen, und an Menschen, die ganz selbstverständlich zeigen, dass sie zu diesem Klub gehören. Die Fans waren schon immer unglaublich, aber man sieht die Entwicklung auch an den Zuschauerzahlen. Die Unterstützung wächst weiter.
Wie vermittelt man neuen Spielern, die nicht aus Berlin oder Ostdeutschland kommen, was dieser Klub für seine Anhänger bedeutet?
Wenn jemand aus Kanada zu uns wechselt und dort aufgewachsen ist, weiß er es wahrscheinlich nicht, um ehrlich zu sein. Aber das kommt mit der Zeit. Je länger man für den Klub spielt, desto mehr bekommt man mit. Die neuen Spieler stellen dann auch einmal Fragen an Leute wie Jonas Müller und mich, die schon lange dabei sind. So lernen sie mit der Zeit die Geschichte kennen. Vieles ergibt sich auch durch die Fans und durch die Atmosphäre bei den Spielen. Wenn man erlebt, wie die Menschen hinter dem Klub stehen, versteht man irgendwann, dass es hier nie nur um die aktuelle Saison geht.
Sie waren Teil der deutschen Nationalmannschaft, die 2023 WM-Silber gewann. Was hatte dieses Team, das bei den jüngsten Turnieren gefehlt hat?
Wir waren da auf jeden Fall ein sehr gutes Team. Wir hatten einen tollen Zusammenhalt und viel Spaß miteinander. Und es entwickelte sich mit den Spielen eine positive Eigendynamik: Wir haben gewonnen, sind enger zusammengewachsen und haben irgendwann gemerkt, dass tatsächlich etwas möglich ist. Aber auch in den Jahren danach hatten wir gute Charaktere in der Mannschaft. Deshalb ist es schwer, genau einen Grund zu nennen. Am Ende sind es Kleinigkeiten, die alles ausmachen. Auf diesem Niveau sind die Unterschiede zwischen den Mannschaften sehr gering. Bei den vergangenen Weltmeisterschaften ist Deutschland zweimal wegen eines Punktes ausgeschieden. Es hätte also jeweils nur ein weiteres gewonnenes Spiel gefehlt, und man würde heute ganz anders darüber sprechen.
Gilt diese Einschätzung auch für die Olympischen Spiele in Mailand, bei denen das Aus im Viertelfinale gegen die Slowakei früher kam, als die meisten erwartet hatten?
Ja. Aber wenn man 30 Jahre zurückschaut, trumpften bei Olympia wahrscheinlich fast nur Kanadier, Amerikaner oder Russen groß auf. Dass einmal ein Deutscher, ein Däne oder ein Slowake dabei war, war damals die Ausnahme. Heute wird vonseiten der NHL auch viel früher gescoutet. Wenn man die Entwicklung in der Schweiz, in Dänemark und in anderen Ländern betrachtet, bekommt man eine gute Einordnung. Man darf nicht immer nur auf sich selbst schauen. Aber es stimmt: Wir hätten mit unserer Mannschaft mehr erreichen können, wenn wir so gespielt hätten, wie wir es können. Das ist wahrscheinlich der Aspekt, der mich am meisten ärgert: nicht, dass wir gegen eine klar bessere Mannschaft verloren hätten, sondern dass wir unser eigenes Leistungsvermögen nicht vollständig abgerufen haben.
Im Mai 2027 steht die Heim-WM auf dem Programm. André Rankel ist zum Bundestrainer berufen worden – ein Spieler, der vor nicht allzu langer Zeit noch mit Ihnen in Berlin in der Kabine saß. Wie bewerten Sie die Entscheidung?
Ich kenne ihn sehr gut. Er hat als Spieler viel erlebt und viel gesehen. Er war lange Kapitän und hat unter Trainern wie Don Jackson große Erfolge mit den Eisbären gefeiert. Er war aber später auch dabei, als es nicht immer lief und nicht immer gewonnen wurde. Auch solche Erlebnisse sind wichtig, weil man als Trainer nicht nur erfolgreiche Zeiten kennen sollte. André ist keiner, der im Mittelpunkt stehen muss. Ihm geht es um die Sache. Natürlich muss er sich als Bundestrainer noch entwickeln. Aber er bringt viel Erfahrung mit und weiß, wie sich ein Spieler in der Kabine fühlt. Das kann für eine Mannschaft sehr wertvoll sein. Ich denke, er wird dafür sorgen, dass die Dinge funktionieren und sich Erfolg einstellt.
