Altenkirchen auf Rügen. Es war der Gemeindepfarrer, von dem die Einladung zu einer Lesung ausging, Pastor O., Hüter der ältesten Kirche der Insel, die dem Ort den Namen gab, einem Bau aus romanischer Zeit, als ein Dänenkönig über Rügen herrschte und den Heiden das Christentum brachte. Dem Ruf in die eigene geographische Kindheit bin ich gern gefolgt. Umso bereitwilliger, als es da noch einige rätselhafte Flecken auf der Landkarte gab, die ich bei der Gelegenheit aufklären konnte. Und was tut man nicht alles, um hier und da, dann und wann präsent zu sein, wie zum Beweis einer Existenz diesseits der Bücher. In einer Verlegenheitspause, die Tontechnik mußte noch eingerichtet werden, fragte ich mich vor dem Publikum – ich hauchte den Satz tatsächlich ins Mikrophon und kam mir vor wie auf Sendung: Wann bin ich zum letzten Mal hier gewesen?
Das war sicher fünfzig Jahre her, eher mehr. Und doch hatte ich sie sogleich wiedererkannt, die alten Wege, die alten Namen: Juliusruh, Wiek, Dranske, Nonnewitz und Vitt. Und selbst die kleineren Ortschaften klangen anheimelnd vertraut: Gramtitz und Schwarbe und Varnkevitz. Was mich als Kind kaum interessiert hatte, die eigentümlichen Flurnamen, Ortsnamen, jetzt las ich sie wieder, seltsam aufgewühlt, von den Schildern entlang der Landstraßen ab. Dieser Teil der zwischen Bodden und Meer mehrfach zerrissenen Inselmasse Rügen heißt Wittow, es ist der nördlichste. Und langsam, wie das Land aus dem Meer an einem Nebelmorgen, stiegen auch andere Inselteile in der Erinnerung auf: Jasmund und Ummanz, der Bug, mit ihren lockenden U-Lauten tief ins Gedächtnis gesunken, unterste Schicht.
Bei Juliusruh war das Ufer kilometerlang flach und hinter Putgarten am Nordstrand ebenso. Hierhin und dorthin zieht es die Urlauberströme noch immer, wie damals in der Zeit der Campingurlaube mit den Eltern, alle Jahre wieder im Juni, Juli oder August. Aber vielleicht ist ein technisches Bild passender: Wie ein U-Boot tauchte sie auf, die Erinnerung, die hier lange am Grund gelegen hatte, die Erinnerung an gewisse Sommerstunden unter Rügens hohen Himmeln, unterhalb der Dünen, in den Sandburgen dösend, mit Nichtstun verbracht oder so gut wie Nichtstun, und nach und nach erst mit Lesen, frühen Bücherlektüren. Und ich fragte mich, zurückgekehrt in den äußersten Norden des Ostens, in einem mir unerklärlichen Anfall von Regression: Wer bin ich, daß ich ausgerechnet hier wieder anlanden mußte?
Die Insel wurde stark von Sachsen wie mir heimgesucht
Anderntags leihe ich mir ein Fahrrad und nehme den Weg an der Küste entlang, zwischen den Feldern, hinüber zum Fischerdorf Vitt. Erfreuliche Farbtupfer hier und da: das Blau der Kornblumen, Rot des Klatschmohns am Feldrand, für die anzuhalten sich lohnte. Einmal eine Ansammlung von Findlingen, sie markierten den angeblichen Standort einer Kultstätte aus der Zeit der lokalen Urbevölkerung, der Ranen (ihr Name beruht auf einem Schreibfehler), etwas unsinnig verstreut wie die Hinkelsteine des guten Obelix. Aber vielleicht hatte ja ein Archäologe geholfen, die Position zu finden und das Ensemble der Steine so authentisch wie möglich herzurichten.
Über das Fischerdorf wacht eine kleine weiße Uferkapelle, hier hat der Dichterpfarrer Ludwig Gotthard Kosegarten gepredigt, damals ein allseits bekannter Name, geachtet von einigen der Romantiker, der „Künder der Schönheit Rügens“. Man ahnt, wenn man den Kirchenbau sieht, etwas von seiner unheilabwehrenden Funktion, auch von der trostspendenden, von den vielen kleinen und großen Tragödien, die sich in seinen Mauern niederschlugen. Wie oft sind die Fischer aus dieser Gegend von ihren Ostseefahrten nicht mehr heil zurückgekehrt. Durch eine steile Gasse fädelt man sich durch das Dorf mit einem Dutzend reetgedeckter Häuser und findet unten in einer Ecke der Bucht eine Fischräucherei. Der Schornstein raucht, es herrscht Hochbetrieb in der zugehörigen Strandkneipe am Ufer. Sie ist stark von Sachsen heimgesucht, grauköpfigen Rentnern, griesgrämigen Rucksacktrollen und Fahrradtouristen, jeder auf seine Weise lädiert und vom Leben gezeichnet. Mürrische Kommentare über das Wetter, die Preise, den Räucherfisch und das Bier. Die östlichen Einheitsdeutschen, so scheint es, sind auch nach dreißig Jahren nur zu Gast in ihrer altneuen Heimat.

Gerade ist der alte Fischer mit seinem Fang heimgekehrt, imposante Erscheinung im gelben Gummizeug, rotes, wettergegerbtes Gesicht. Ein paar Gehilfen, die Arme und Beine tätowiert, echte „Dorftrottel“ oder „Fischköppe“, wie wir Landratten aus Sachsen früher gern überheblich sagten, ziehen das Boot über eine Stahltrosse an Land. „Vorsicht mit dem Seil“, raunzt einer mich an, als ich mich, selbst total trottelig, dem Zugseil nähere. Ein paar der Reiserentner lassen sich die Gelegenheit nicht entgehen, die malerische Szene mit ihren Handykameras festzuhalten. Ich genieße einstweilen die miese Stimmung, sauge mich fest wie an einem alten niederländischen Genrebild, Bauern vor der Dorfkneipe wie bei Breughel oder Teniers. Nur daß es hier weniger robust zugeht, man geht einander nicht an die Gurgel, sitzt vielmehr in großem Abstand zueinander, trinkt sein Bier und grämt sich still über die Zustände im vereinigten Deutschland. Vor der Fischräucherei hängt ein Schild, das die Seelenlage der Einheimischen sehr lapidar auf den Punkt bringt: „Wie gut, daß hier niemand hört, was wir denken.“
Kräuselungen im Bart von Poseidon?
Das hätte noch gefehlt, denke ich. Ich bin froh, daß die Büchse mit den politischen Ansichten ungeöffnet bleibt, froh über die allgemeine Wortkargheit hier im Norden, die mir im Grunde sympathisch ist. Ich bin in Gedanken, unterwegs auf Erinnerungspfaden. Höflich grüße ich, bringe mein Tablett, wie es sich gehört, in den bereitgestellten Ständer zurück und beschließe, mich aufzumachen hinüber zum Kap Arkona, immer am Strand entlang in Richtung Steilufer.

Der Strand ist mit Steinen in allen Größen übersät, diesen eindrucksvoll expressiven, teils scharfkantig zersplitterten Steinen, die man hier, aus wer weiß welcher Überlieferung, Hühnergötter nennt, zumindest die kleineren, die man mit sich forttragen kann. In ihren rundgeschliffenen Varianten erinnern sie an Skulpturen des englischen Bildhauers Henry Moore. Da fällt mir ein, daß es an einem Ort wie diesem war oder nicht weit von hier, Vater und Mutter hatten sich in der Sonne ausgestreckt, als ich vor einem Haufen aufgeschütteter Feuersteine, auf denen Algen trockneten, von kleinen Fliegen umschwirrt, lange im Sand saß und versuchte, mir ein paar erste Zeilen zu einem Gedicht einzuprägen. Es ging darin auch um die Farbe des Meeres, dieses vielschichtige Blau, vielmehr wie sich bei genauerem Hinsehen ergab eher Grau, Zinkgrau der Ostsee, die Wallungen und Wandlungen der Meeresfarben, etwas, das kein Gedicht wirklich festhalten konnte. Das Meer an der Oberfläche war wie die Haut eines Tieres opak, Rochenhaut, Walhaut, aus der Tiefe bewegt wie ein Muskel, glänzender blauer oder auch grauer Speck.
Kräuselungen im Bart des Poseidon – aber das war die falsche Spur, Mythologie führte ins Abseits, und Metaphern, wer konnte die noch gebrauchen? Die alten Ranen, lese ich, hatten jedenfalls keine eigene Meeresgottheit, ihnen genügte ein gewisser Svantevit, das war ihr Kriegsgott, dem sie ganz in der Nähe, in der Jaromarsburg am Kap Arkona huldigten. Die Burg wurde, in der Zeit der Christianisierung, von den Dänen geschleift, man sieht jetzt nur noch die ausgegrabenen Ruinen eines Kultplatzes, der Burgwall wurde restlos planiert.
Leben gegen den Uhrzeigersinn
Auch damals, das fiel mir jetzt ein, war es unmöglich, an diesem Küstenabschnitt ins Meer zu gelangen. Dabei war ich, wie heute wieder, mit der Absicht zu schwimmen gekommen. Jetzt machte ein Algensaum, zum ranzigen Teppich aufgerollt, den Einstieg ins Meer unmöglich. Ekelerregend die Vorstellung, man wäre gezwungen, sich hier zu Wasser zu lassen. Wieder so eine Blödheit, über die der Einheimische nur lachen konnte. Wer setzte sich schon freiwillig diesem gräßlichen Gestank aus? In einem Abenteuerroman hatte ich einmal von Seeleuten gelesen, die in der Sargassosee mit ihrem Schiff tagelang von faulenden Algen eingeschlossen waren. Es herrschte Flaute, und die Armen wurden halb wahnsinnig von dem infernalischen Gestank.
Es scheint mir, als würde mein Leben gerade gegen den Uhrzeigersinn verlaufen. Es verschlägt mich wieder an Orte, die wir vor fünfzig Jahren von der anderen Seite her angegangen sind. Zum Beispiel dies Kap Arkona, von dem wir damals dachten, es sei die nördlichste Spitze der DDR. Erst heute begreife ich, daß wir es in den Ostseeurlauben der Familie immer vom Westen her angesteuert hatten, von Richtung Schwarbe kommend, aus Nonnewitz, wo unser Zelt auf dem Campingplatz in einem Kiefernwald stand. Ohne das Kap mit dem Leuchtturm jemals erreicht zu haben, weil es sich als verbotenes Gelände erwies, militärisches Sperrgebiet. Damals trug ich noch nicht einmal eine Uhr am Arm.

Es ist seltsam, aber pünktlich zum Sommeranfang holt mich jedesmal ein Gefühl ein, das mit einem Schwung alle bisherigen Lebenszeiten umklammernd heraufruft, ein Gefühl, für das ich mich schäme, weil es so überwältigend ist. Man nennt es im Deutschen wohl Sehnsucht. Ich bin mir des kompromittierenden Wortes (und des zugehörigen Gefühls) bewußt. Auf Reisen hörte ich, daß es in anderen Kulturen dafür durchaus Entsprechungen gab. Die Russen kannten es, die Japaner, die Portugiesen, die Italiener, Israelis und Araber, und selbst den nüchternen Briten war es nicht gänzlich fremd. Wohl jeder auf dieser Erde schien das Gefühl zu kennen, das in den verschiedenen Sprachen nur immer anders heißt.
So weit war es also mit mir gekommen, hier war ich nun angelangt und mußte mich fragen, warum mich ausgerechnet auf Rügen der rostige Mechanismus der Sehnsucht erfaßte. Das Bild war nicht schön, zugegeben, in der Poetik der Gefühle waren Naturgleichnisse besser angebracht. Etwa das von den Schlangenlinien, die sich durch Zeit und Raum zogen, Linien, die das Zeitempfinden mit bestimmten Orten verknüpften und Muster der Wiederkehr bildeten, an die sich unwillkürlich innere Regungen knüpften. Was, wenn Sehnsucht eine Art heimlicher Naturkonstante war, die den Gefühlshaushalt eines Menschen steuerte?
Warnung vor der Höllenotter
Immer beschwerlicher wurde der Weg über das Geröll nun, bald war da kein Durchkommen mehr. Hoch am Steilufer flogen Seeschwalben aus und ein, die Nistlöcher in den Sandwänden erschienen wie Überreste einer unbekannten Frühkultur. Auch das schrille Gezwitscher der kleinen Vögel, ein Hochfrequenzton, das Meeresrauschen durchdringend, war eine Spur im Gedächtnis. Genau wie die Kaninchenköttel in den Wiesenstreifen oben am Hochweg – und eines Tages lagen da, ein Schock für das Kind, überall Kaninchenkadaver, ein ganzes Schlachtfeld toter Kaninchen, Resultat einer Virusepidemie, der Myxomatose. Mutter wird sich gegrämt haben, daß sie mich damals nicht rechtzeitig davon ablenken oder mir die Augen zuhalten konnte.
Am Hochuferweg, den ich später zurück nehme, wird mehrfach vor der giftigen Höllenotter gewarnt (einer schwarzen Unterart der Kreuzotter), das bringt etwas Abenteuer in das Landschaftsidyll. Auch kann der Spaziergänger an einer ausgewählten Stelle Caspar David Friedrichs Ansicht des Kap Arkona (bei aufgehendem Mond) mit der Realität von heute vergleichen, im Licht der Tageszeit, und sich zwischen Dichtung und Wahrheit entscheiden oder für beides zugleich. Bereits beim ersten seiner Rügen-Besuche geriet dem Maler das Motiv Kap Arkona von Vitt her in den Blick. Auf seinen Rügen-Reisen, insgesamt sieben, entstand ein umfangreiches Skizzenwerk mit genau lokalisierbaren Landschaftsansichten, aus denen später im Atelier einige Ölgemälde hervorgingen, die als Synthese des Inselerlebnisses Berühmtheit erlangten, darunter auch „ein Bild von Stubbenkammer“. Noch die letzte Zeichnung von seiner letzten Rügen-Reise zeigt einen Landstreifen bei Arkona, als habe der Maler sich bewußt gerade mit diesem Motiv von der Insel verabschieden wollen.
Mittlerweile geht es nur noch auf allen vieren voran, bis der schmaler werdende Uferweg an einer steilen Befestigung endet. Von hier aus könnte nur Spider-Man sich noch weiterhangeln. Ich ziehe es vor, wie ein Tier den Hang hinaufzukriechen (keine Angst vor der Höllenotter), über die zerbrochenen Stufen einer hölzernen Treppe, die noch aus NVA-Zeiten stammt und damals zu einem Jagdhochsitz mit Blick aufs Meer führte, von dem aus jeder Flüchtling, jedes verdächtige Boot leicht ins Visier zu nehmen war. Oben angekommen, bestätigt ein Verbotsschild das überstandene Risiko: „Achtung Lebensgefahr! Königstreppe gesperrt!“ Der Ton erinnert noch an die einstige Tabuzone und daran, daß alles hier einmal Sperrgebiet war. Näher als bis auf Sichtweite kam kein unberufener Zivilist an das sagenumwobene Kap Arkona heran. Warum, sollte sich wenig später zeigen.
Militärs von der anderen Seite des ehemaligen Eisernen Vorhangs?
Noch bevor man den Leuchtturm erreicht, oder besser die beiden Leuchttürme, den runden neuen und den älteren eckigen, der Friedrich Schinkel zugeschrieben wird, noch bevor man diese etwas surreale Komposition wie von Giorgio de Chirico erblickt, lockt ein betongrauer Eingang ins Innere des Felsenhügels, eine geräumige Bunkeranlage tut sich auf. Dort lag einst, vorm Atomschlag geschützt, eine Kommandozentrale der Volksmarine der DDR, Gefechtsstand der 6. Flottille, alles top secret gehalten im Kalten Krieg der konkurrierenden Herrschaftssysteme. Völlig unvorbereitet, aus einer Laune heraus, betrete ich den frei zugänglichen Teil des Bunkerkomplexes. Ein paar kahle Kammern in Betongrau sind alles, was ich zu sehen bekomme, aber das reicht mir schon. Der Klaustrophobiker in mir hat wie immer schnell genug von der menschenfeindlichen Enge.
Außer mir sind noch zwei ältere Herren im sommerlichen Trecking-Outfit hinabgetaucht, die sich auf Schwedisch unterhalten und sehr interessiert scheinen. Es könnten ehemalige Militärs sein, die als Touristen in alten Phantasien schwelgen. Man wird da unten, auf improvisierten Schrifttafeln, über manches informiert, von dem man besser nie gehört hätte. Unter anderem, daß beide Seiten im Kalten Krieg davon ausgingen, der heiße oder vielmehr der ultraheiße, ein Atomkrieg, wäre in vierzehn Tagen entschieden gewesen, auch daß er hauptsächlich auf dem Gebiet der beiden Deutschland stattgefunden hätte. Das gespaltene Land als Testgebiet für einen atomaren Stellvertreterkrieg der Supermächte, ganz abwegig ist diese Vorstellung nicht.
Das ist übrigens eine der fixen Ideen, die mich seit einiger Zeit heimsucht: die Wiederkehr der Atomkriegsgefahr. Erst in jüngster Zeit, genauer gesagt, bald nach Beginn des russischen Krieges gegen die Ukraine, hatte es eine brutale Aktualisierung gegeben, die mir seither nicht mehr aus dem Kopf will. Des Kremlchefs Drohung, bei einer Einmischung des Westens in seinen Krieg notfalls Städte wie Straßburg oder Berlin atomar einäschern zu lassen, mochten Profis als bloße psychologische Kriegführung abtun, für weniger abgebrühte Gemüter war es ein Tabubruch, von dem sie sich lange nicht erholen werden. Nun ist auch wieder der Bunkerbau angesagt, und das nicht nur unter Militärs und Führungseliten. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz prüft, wie sich Tiefgaragen, U-Bahnhöfe, selbst Kellerräume in Wohngebieten für den Ernstfall rüsten lassen.
Pranoide Architektur
Schneller als gedacht war ich dem Keller entronnen und froh, wieder das Sonnenlicht zu genießen. Für das Museum im größeren Teil der Bunkeranlage, der mit seinem Rippengewölbe an den Bauchraum eines Pottwals erinnert, fehlten mir die Zeit und die Lust. Von außen, durch die Erde hindurch betrachtet, glich die Konstruktion einem langgestreckten Ei, an seiner Parabelform sollte die Energie der Atombombe gleichsam abblitzen. In seinen Gewaltphantasien, das zeigte sich daran, hatte es der moderne Höhlenbewohner immerhin bis zum Analytischen Geometriker, zum Kern- und Thermophysiker gebracht. Da hätten sie dann gesessen, blinzelnd im Bildschirmlicht, die letzten Menschen, hätten dem Brummen der Notstromaggregate gelauscht und däumchendrehend auf das Ende des radioaktiven Niederschlages gewartet. Nur wäre es dazu nie gekommen, heißt es, einem realen Angriff hätte der Bunker kaum standgehalten.
Geblieben ist von all der paranoiden Architektur nur der Eindruck strengster Geheimhaltung. Nicht nur vor dem Gegner, auch vor der eigenen Bevölkerung mußte dieser Teil der Insel abgeschirmt werden. Dasselbe galt für den Marinehafen von Dranske und den Militärstützpunkt am Bug, mit den zugehörigen Kasernen, Offizierssiedlungen, Depots und Wehranlagen der NVA. Wohin der Campingurlauber damals auch kam, stieß er auf Sperrzäune, Stacheldraht, Betonpisten, die in verbotenes Gelände führten. Was jene Nationale Volksarmee angeht, stelle ich fest: Gut, daß es sie nicht mehr gibt, auch für die Landschaft ist es ein Segen, und außerdem: eine Armee weniger, das reduziert schon einmal die Kriegsgefahr.
Ich weiß, wovon ich rede, es hat eine Zeit gegeben, da ich in dieser Armee dienen mußte. Es war für nichts gut, hat mich jedoch anderthalb Jahre meines Lebens gekostet. In einer Gegend, die entfernt Ähnlichkeiten hatte mit dieser, nur keinen Meerzugang, in den Kieferwäldern und Endmoränen der Uckermark, sind mir die Monate mit den sinnlosesten Manöverspielen und Wehrübungen im Sand versickert. Auch dort gab es überall Sperrzonen, Schlagbäume, mit Warnschildern gesicherte Waldabschnitte. Ein schöner Teil des volkseigenen Landes, rechnet man die Grenzgebiete und „Schutzstreifen“ hinzu, bestand aus solchem restriktiven Gelände. Das mag nun auch die topographischen Erinnerungslücken erklären, die Schnitte im Urlaubsfilm (Super 8). Es erklärt, noch fünfzig Jahre später, im Fotoalbum die Leerstellen zwischen den Bildern der Sommerwochen.
Wir sind damals viel umhergefahren auf der Insel, meist mit den Fahrrädern. Am Anfang gab es überhaupt nur sie als Fortbewegungsmittel, das eigene Auto (natürlich Marke Trabant) kam später erst hinzu, da war ich mindestens elf und von der Routine der jährlichen Ostseefahrten, erst recht dem stundenlangen Geholpere auf der Autobahn und der Fahrt über die Dörfer, schon allmählich gelangweilt. Erlösend war immer der Moment, wenn in Stralsund endlich das Meer in Sicht kam und man vom Rügendamm aus die ersten Schiffe sah und den Strelasund, vorausgesetzt, man stand nicht wieder im Stau vor der einzigen Brücke, die Festland und Insel verband.
Den Rückweg nehme ich über die Landstraßen, lasse das unerreichbare Kap Arkona hinter mir. Ich passiere noch Putgarten mit seinen Freizeitparks, Spielplätzen und Souvenirläden und gerate an einer Straßenkreuzung in einen Richtungskonflikt, weil mindestens drei der Wege nach Schwarbe führen. Eine Familie, die zufällig vorbeikommt, Vater, Mutter und drei Kinder auf Fahrrädern, hilft mir aus der Patsche. Die Mutter zückt ihr Handy und zeigt mir den kürzesten Weg südwärts und wie ich die Hauptverkehrsader umgehen kann. Dabei will ich nun nurmehr zurück zur Kirche von Altenkirchen. Aber bin das noch ich, der da allein unter den Alleebäumen dahinradelt, oder nicht längst ein Anderer, ein Geist aus einem früheren Leben? Der kleine Junge in seinem Sitz auf der Lenkstange zwischen den Beinen des Vaters, wie ein Foto aus jener verlorenen Zeit im Album der Eltern ihn zeigt.
Durs Grünbein, geboren 1962 in Dresden, ist Schriftsteller. Zuletzt erschien von ihm „Der Komet“ (Suhrkamp).
