
Klimawandel
Wie war der Hitzesommer?
Von Frauke Zbikowski, Andreas Frey und Pia Heinemann (Texte), Claudia Bothe und Julia Bellan (Grafiken)
5. September 2026 · Der Sommer ist Geschichte. Was bleibt ist die Erinnerung an Waldbrände, die sich an Städte heranfraßen, an Trockenheit, die Getreide auf den Feldern verdorren ließ, und an quälende Hitze, die viele Menschen nicht überlebten. Eine Rückschau mit Zahlen und Daten.
Waldbrände zerstören Häuser und Ernten, bedrohen Dörfer und ganze Stadtviertel. Jedes Jahr kommen Dutzende Menschen in Europa ums Leben. In diesem Sommer kam es besonders oft zu Vegetationsfeuern, bis Ende August waren 694.000 Hektar Fläche verbrannt. Das ist mehr als das Doppelte wie in einem durchschnittlichen Jahr.
Megafeuer prägten den Sommer 2026, vor allem in Spanien und Frankreich. Sie ließen sich tagelang nicht löschen und brachten Einsatzkräfte an ihre Grenzen.
In Deutschland brachen zwar immer wieder Brände aus, Großfeuer wüteten aber nicht. Trotzdem liegt das Jahr mit einer verbrannten Fläche von 3000 Hektar weit über dem Durchschnitt der vergangenen Jahre.
Das Ausmaß der Brände im Vergleich
Waldbrände 2026 und Differenz zum Vorjahr
Zahl der Brände
Verbrannte Fläche (ha)
Dass Waldbrände in Südwesteuropa häufiger auftreten, ist kein Zufall: Hier fiel der Sommer besonders heiß und trocken aus, hier waren die Böden ausgetrocknet und die Vegetation ausgedörrt. Waldbrände sind eine indirekte Folge des Klimawandels. Hitze und Dürre machen den Wald leichter entzündlich. Experten sprechen von Feuerwetter.
Feuerwetter ist die Kombination aus hohen Temperaturen, starker Verdunstung, kaum Regen und ordentlich Wind. Hitze schafft über Verdunstung die Bedingungen für Brände. Die Temperatur ist in den vergangenen Jahren dramatisch gestiegen, deshalb geht die Zunahme der Waldbrandgefahr vor allem auf diesen Parameter zurück, aber auch auf die Abnahme der Regenmengen.
Doch von allein brennt der Wald nicht. In Europa ist es in den allermeisten Fällen der Mensch, der aus Unachtsamkeit Brände verursacht oder sie absichtlich legt.
Forstwissenschaftler und Waldökologen warnen vor noch häufigeren Bränden in Europa. Eine aktuelle Studie von Potsdamer und Frankfurter Forschern im Fachmagazin „Global Change Biology“ geht davon aus, dass je nach Erwärmungsszenario die Fläche, die von Waldbränden zerstört wird, bis zum Ende des Jahrhunderts um 39 bis 192 Prozent steigt. Zudem könnten sich die Waldbrandgebiete nach Norden ausbreiten. West- und Mittel- und Osteuropa würden unter einem erhöhten Feuerrisiko leiden.
Doch Feuerrisiko ist nicht gleich Feuer. Der Mensch kann beeinflussen, ob die Bedingungen für Waldbrände günstig sind. Monokulturen, mangelnde Pflege des Forstes und schlechtes Brandmanagement erhöhen das Risiko. Gut ausgebildete und ausgerüstete Feuerwehren, gutes Monitoring, Prävention sowie Früherkennung senken es. Diese Maßnahmen sind entscheidend, damit sich kleine Brände nicht zu Megafeuern ausweiten, die kaum zu löschen sind.
Gelbbraune Wiesen, Flüsse, die zu Rinnsalen schrumpften, Getreidepflanzen, die nur winzige Körner hervorbrachten – dass der vergangene Sommer extrem trocken war, konnte jedem auffallen. Die oberen 25 Zentimeter des Bodens, also die Schicht, die Gras, Getreide und Gemüse mit Wasser versorgt, war ausgetrocknet.
Allerdings war nicht ganz Deutschland oder gar Europa betroffen: „Wir beobachten eine Zweiteilung“, sagt Andreas Marx, Leiter des Dürremonitors am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig: In diesem Sommer litten das Saarland, Rheinland-Pfalz, Südhessen, Baden-Württemberg und Bayern besonders unter fehlendem Regen und Wassermangel. Solche Verhältnisse kannte man bisher eher aus Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern.
Um die obere Bodenschicht auszutrocknen, reicht es aus, dass einige Wochen kein Regen fällt; Wind und die Hitze des Sommers haben in diesem Jahr ihren Teil dazu beigetragen. Umgekehrt haben die Niederschläge im August dazu geführt, dass sich Wiesen und Weiden vielerorts erholt haben. Die oberen Bodenschichten auf den Dürrekarten der UFZ sind nicht mehr rot eingezeichnet, sondern in Süddeutschland schon wieder blau. Das heißt: Der Boden ist wieder feucht.
Anders sieht in tieferen Schichten bis etwa zwei Meter Tiefe aus. Schichten, durch die die Grundwasserspeicher aufgefüllt werden und aus denen die Bäume ihr Wasser ziehen, fehlt nach wie vor Feuchtigkeit. „Im Osten und Süden“, erklärt Marx, „hat es im letzten Dreivierteljahr extrem viel weniger geregnet hat als normal.“ In der Folge sind die Grundwasserspiegel, die bereits im Frühjahr außergewöhnlich niedrig waren, noch weiter gesunken. Da das Grundwasser die Flüsse speist, führt dies dazu, dass ehemals breite Ströme wie Rhein und Donau kaum wiederzuerkennen sind und Schiffe auf dem Trockenen sitzen. Damit sich hier wieder ein normaler Zustand einstellt, braucht es Monate. Im Nordwesten Deutschlands sind die Grundwasserspeicher noch nicht ganz so leer wie im Osten und Süden, sagt Marx.
Ähnliches zeigen die Satellitendaten des europäischen Erdbeobachtungsprogramms Copernicus: Die Vegetation litt im Juli und August in Südfrankreich unter extremer Trockenheit, Gleiches gilt für Südosteuropa, darunter Ungarn, Serbien, Bulgarien und Rumänien. Und auch im traditionell regenreichen Großbritannien fiel noch weniger Niederschlag als im Dürresommer des Jahres 1976.
In Nordosteuropa, in Polen, Finnland und im Baltikum, hingegen sieht es normal aus. Im vergangenen Jahr litten diese Länder wie der Nordosten Deutschlands unter Dürre. Warum ist das in diesem Jahr anders? Das kann Peter Hoffmann erklären, Meteorologe am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. „Typischerweise bestimmt der Atlantik mit Westwinden unser Wetter.“
Aber dieser Einfluss wird immer häufiger unterbrochen. Denn mit dem Klimawandel verändern sich die Temperaturgegensätze. „Die Luftmassen mäandern stärker“, beschreibt es Hoffmann. In diesem Jahr blockierten stabile Hochdruckwetterlagen über Südwesteuropa den Regen, der nur den Nordosten Deutschlands in nennenswerten Mengen erreichte. Dass es immer trockener wird, kann Hoffmann allerdings nicht prognostizieren. „Wir müssen uns auf Extreme einstellen“, sagt er. Das Alpenvorland müsse vielleicht von Brandenburg lernen: Dort werde schon länger im Sommer zum sparsamen Umgang mit Wasser aufgerufen. Auf Überschwemmungen müssten wir uns ebenfalls vorbereiten.
Braucht es jetzt die Regenmenge von Jahren, um den Wassermangel wieder auszugleichen? „Nein“, sagt Andreas Marx. „Wintermonate mit normalem Niederschlag sind das, worauf wir jetzt hoffen.“ Das könnte ausreichen, damit das nächste Jahr für Bäume, Flüsse und Grundwasser kein Dürrejahr wird. Vorhersagen lässt sich das nicht.
Wüstentage und Tropennächte
Fünf Hitzewellen zählten die Meteorologen in diesem Sommer, die heftigste suchte Europa Ende Juni heim. Wüstenhitze wehte an diesen Tagen von Frankreich heran. In Möckern-Drewitz in Sachsen-Anhalt kletterte das Thermometer auf 41,8 Grad Celsius – neuer Allzeit-Hitzerekord.
Dieser Rekordwert ist aber nur ein Grund, warum dieser Sommer in die Geschichtsbücher eingeht – zumal er in einem Bundesland erreicht wurde, das nur kurze Hitzewellen erlebte. Der Hotspot des Sommers lag nicht im Osten, sondern im Südwesten der Republik. Hier verbreitete die Mittelmeerluft wochenlang Gluthitze. Am längsten hielt sich die heiße Luft in Rheinfelden an der Grenze zur Schweiz. Fast zwei Drittel des Sommers war es hier nach Definition der Meteorologen heiß: An 56 Tagen kletterte die Temperatur auf mehr als 30 Grad. Wetterexperten sprechen von Hitzetagen, wenn die Temperatur einmal am Tag mindestens 30 Grad überschreitet. Zählt man den Mai hinzu, der statistisch dem Frühling zugerechnet wird, kam Rheinfelden sogar auf 63 Hitzetage. Und der Spätsommer ist noch nicht vorbei.
Im bundesweiten Schnitt zählten die Meteorologen in diesem Sommer 22 Hitzetage, auch das ist ein Rekord. Zum Vergleich: Die sehr heißen Sommer 2003 und 2018 brachten es auf 18 Hitzetage.
Noch eindrücklicher ist eine andere Kategorie, die in diesem Sommer erstmals bekannt wurde: die Wüstentage. Sie werden erreicht, wenn die Höchsttemperatur 35 Grad übersteigt. Bundesweit gab es fünf Wüstentage, die meisten wieder in Rheinfelden mit 24. Auf eine andere Auffälligkeit weist der Meteorologe Jan Weber vom Karlsruher Institut für Technologie hin. Es gab in diesem Sommer genauso viele Tage mit Höchstwerten von mehr als 33 Grad wie im gesamten Zeitraum von 1881 bis 2002.
Trotz dieser Extremwerte im Südwesten ist der Sommer 2026 nicht der heißeste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1881. Am Ende fehlten mit einer Durchschnittstemperatur von 19,6 Grad nur ein Zehntel Grad, um den Jahrhundertsommer des Jahres 2003 zu übertreffen (19,7 Grad). In Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Hessen und dem Saarland gab es zwar einen neuen Rekordsommer. Doch im Norden und Osten fiel die Anomalie nicht ganz so hoch aus. Aber selbst dort war der Sommer zwei bis drei Grad wärmer als im langjährigen Schnitt.
Dieser Südwest-Nordost-Kontrast zeigt sich auf dem gesamten Kontinent: Spanien, Frankreich, Teile Deutschlands und Großbritanniens erlebten den heißesten Sommer seit Aufzeichnungsbeginn, während es in Nord- und Osteuropa kühler und auch regenreicher war. Rekordwarm war auch das Mittelmeer, teilt der EU-Klimadienst Copernicus mit. Die Oberfläche des Meeres betrug bis zu 33 Grad Celsius. Im Durchschnitt erreichte die Oberflächentemperatur des Wasser zwischen dem 60. Breitengrad Süd und dem 60. Breitengrad Nord in Juli und August über 21 Grad Celsius.
Wird jetzt jeder Sommer so heiß? Die Wahrscheinlichkeit steigt. Je weiter der Klimawandel voranschreitet, desto heißer und trockener kann es im Sommer werden. Das sonnig-heiße Mittelmeerklima breitet sich allmählich über die Alpen nach Mitteleuropa aus. Der Süden Deutschland hat heute schon ein Klima, das für Mittelitalien normal ist.
Dennoch gibt es auch in einem wärmeren Klima weiterhin jene Schwankungen, die typisch sind für das Wetter in Mitteleuropa. Nasse Sommer wird es vermutlich auch in Zukunft geben; richtig kühle wie in den 1970er und 1980er Jahren hingegen nicht mehr. Dafür wird es nicht lange dauern, bis auch der historische Sommer 2026 von einem noch heißeren Sommer übertroffen wird. Ende des Jahrhunderts wird er bloß Durchschnitt sein, selbst in einem optimistischen Emissionsszenario. Hitze bis zu 45 Grad und Dürre werden Deutschland in den nächsten Jahrzehnten noch länger und intensiver treffen.
Die vergangenen Monate waren heiß – und tödlich. Das zeigen die statistischen Auswertungen der Todeszahlen, die das Robert-Koch-Institut (RKI) und andere Institutionen vorgenommen haben. Demnach sind allein in Deutschland rund 15.000 Menschen gestorben – einfach nur deshalb, weil es zu heiß war. Zum Vergleich, im ebenfalls heißen Sommer 2019 waren es 7600, und im Jahr 2018 hat die Hitze 9500 Todesopfer gefordert.
Doch woher weiß man eigentlich, welcher Todesfall auf das Konto der Hitze geht? Nur in seltenen Fällen steht „Hitzschlag“ auf dem Totenschein: Menschen sterben nicht an den heißen Temperaturen, sondern weil sich bereits vorliegende Krankheiten verschlimmern, etwa Herz-Kreislauf-, Lungen- oder neurologische Erkrankungen. Manchmal sterben sie auch, weil ihre ohnehin schon geschädigten Organe den Flüssigkeitsverlust des Körpers nicht ausgleichen können. Als Todesursache wird dann Lungenentzündung oder Herzversagen notiert.
Im Einzelfall ist es also nicht einfach zu bestimmen, was letztlich den Tod verursacht hat. Dem RKI und anderen Institutionen geht es auch gar nicht um den einzelnen Tod, sondern um die Übersterblichkeit insgesamt. Deshalb wird die Zahl der Hitzetoten mithilfe von Modellen bestimmt: Darin wird die Anzahl der tatsächlich verstorbenen Menschen in einem bestimmten Zeitraum betrachtet und damit verglichen, wie viele Menschen im Vergleichszeitraum bei normalen Temperaturen gestorben sind. Die Differenz ist dann die sogenannte hitzebedingte Mortalität. Aus der Vergangenheit ist für verschiedene Regionen bekannt, von welchen Tages- oder Wochenmitteltemperaturen an die Mortalität steigt, für Deutschland ist das laut RKI bei 20 Grad Celsius im Wochenmittel.
Ist Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern besonders schlecht im Hitzeschutz? Tatsächlich ist die absolute Zahl der Hitzetoten hoch. Das ist allerdings wenig verwunderlich, schließlich leben hierzulande die meisten Einwohner der Europäischen Union. Ein weiterer Faktor, der Deutschlands Bürger hitzesensibel macht: Die meisten leben in Städten, und dort ist es heißer als auf dem Land. Zudem sind die Menschen in Deutschland vergleichsweise alt und leiden häufiger an Herz-Kreislauf-Erkrankungen als in anderen europäischen Regionen. Entsprechend sind laut RKI die meisten Hitzetoten mehr als 75 Jahre alt.
Doch die hohen absoluten Mortalitätszahlen relativieren sich ein wenig beim Blick auf die Sterblichkeit pro 100.000 Einwohner: Da liegen Italien, Griechenland, Spanien oder Portugal auf ähnlichem oder teilweise höherem Niveau. „Hitze ist in Europa vor allem für ältere Menschen im Mittelmeerraum gefährlich“, sagt Alexandra Schneider, stellvertretende Direktorin des Instituts für Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum München.
Was Deutschland hitzesensibel macht: Häuser und Städte wurden zu Zeiten gebaut, als das Klima kühler war. Dicke, dunkle Steinwände speichern Hitze und sorgen so dafür, dass die Innenräume auch in kühleren Nächten kaum abkühlen. Zudem sind die Menschen in den gemäßigten Breiten nicht an Hitzewellen gewöhnt, eine Siesta ist unüblich, genauso wie konsequente Verschattung. Wie gefährlich Dehydrierung ist, ist in Deutschland kaum bekannt. In Frankreich, Italien und Griechenland sind Hitzeaktionspläne bereits umgesetzt worden. Dort sind Klimaanlagen und hitzeangepasste Gebäude bereits weiter verbreitet.
Hitze erhöht nicht nur das Sterberisiko, sondern auch die Gefahr für Krankheiten. Ob diese hitzebedingte Morbidität in Deutschland höher ist als anderswo? „Für Europa existieren zwar zahlreiche Studien, jedoch keine einheitliche und flächendeckend vergleichbare Erfassung wie bei den Todesfällen“, sagt Schneider. „Derzeit lässt sich nicht seriös sagen, ob Deutschland die höchste hitzebedingte Morbidität Europas hat, es fehlen vergleichbare Daten.“ Das RKI weist allerdings darauf hin, dass Hitze die Häufigkeit von Herz-Kreislauf-Problemen, Atemwegserkrankungen, Nierenproblemen und neurologischen Komplikationen erhöht. Obwohl die Temperaturen in Deutschland im Mittel oft niedriger sind als in Mitteleuropa, gibt es Hinweise, dass hierzulande mehr Menschen infolge der hohen Temperaturen krank werden. „Viele Experten gehen von einer beträchtlichen hitzebedingten Krankheitslast aus.“
