
„Was ihr hier seht, bin nicht ich.“ Mit diesen Worten erschien Jair Bolsonaro Ende Juli auf der Leinwand des Parteitags seiner Liberalen Partei (PL). Der frühere Präsident stand nicht selbst auf der Bühne. Zu sehen war ein 46 Sekunden langes, mit Künstlicher Intelligenz kreiertes Video, das Bolsonaros Gesicht und Stimme nachbildete. Der Bolsonaro-Avatar erklärte, sein wahres Ich sei „durch eine ungerechte und willkürliche Entscheidung inhaftiert und zum Schweigen gebracht“ worden. Anschließend bat er die Delegierten, Bolsonaros Sohn Flávio im Präsidentenwahlkampf zu unterstützen. Dieser verfolgte die Botschaft auf der Bühne und brach in Tränen aus.
Das Video hat in Brasilien eine rechtliche Debatte über den Einsatz von KI im Wahlkampf ausgelöst. Vor wenigen Tagen legte das Oberste Wahlgericht erstmals genauer fest, was bei dieser Wahl als verbotener „Deepfake“ gilt. Darunter versteht es mit Künstlicher Intelligenz erzeugte oder manipulierte Inhalte, die mit einem gewissen Grad an Realismus Bilder, Stimmen oder Äußerungen von Personen erzeugen oder verändern. Unter das Verbot fällt ein solcher Inhalt allerdings nur, wenn er als Wahlpropaganda einzustufen ist. Da vier der sieben Richter Bolsonaros KI-Video auf dem Parteitag nicht als solche werteten, wurde die Klage gegen Flávio Bolsonaro abgewiesen.
Vom Tänzchen bis zur Verleumdung
Doch der Fall ist nur einer von inzwischen zahlreichen Kontroversen über KI im brasilianischen Wahlkampf. Bereits in den ersten elf Tagen der offiziellen Kampagne gingen beim Wahlgericht 19 Verfahren wegen KI-Inhalten ein. Vieles davon ist harmlos. Eine Kandidatin für das Gouverneursamt etwa ließ die Wahlnummer ihrer Kandidatur, die man bei der Stimmabgabe angeben muss, per KI in unterschiedlichen Landschaften des Bundesstaates Amazonas erscheinen. Ein Verbündeter Lula da Silvas zeigte sich beim Tanz mit dem amtierenden Präsidenten. Im Bolsonaro-Lager wurden unter anderem ein mit KI produziertes Wahlkampflied und ein Video verbreitet, das Flávio Bolsonaro und seinen Vizekandidaten als tanzende Puppen zeigte.
Daneben gibt es Inhalte, bei denen für Nutzer nicht ohne Weiteres erkennbar ist, was tatsächlich stattgefunden hat. Anfang August ließ ein Richter des Wahlgerichts beispielsweise ein KI-Video entfernen, das Jair Bolsonaro gemeinsam mit dem in einen Finanzskandal verwickelten Banker Daniel Vorcaro in Situationen zeigte, die nie stattgefunden hatten.
Welche Reichweite solche Inhalte entfalten können, hängt auch mit der großen Bedeutung sozialer Medien in Brasilien zusammen. Brasilianische Internetnutzer verbringen im Schnitt mehr als dreieinhalb Stunden täglich in sozialen Netzwerken, ein Spitzenwert im internationalen Vergleich. Laut dem Digital News Report 2026 des Reuters Institute liegen soziale Netzwerke als Nachrichtenquelle vor dem Fernsehen. Ein Drittel informiert sich über Influencer. Laut Untersuchungen der brasilianischen Faktencheck-Organisation Aos Fatos stieg die Zahl der mit KI erzeugten politischen Falschinformationen in sozialen Medien innerhalb eines Jahres um 40 Prozent.
Die Justiz kämpft gegen Windmühlen
Mit politischer Desinformation in sozialen Medien hat Brasilien bereits Erfahrung. Im Wahlkampf 2018 spielte vor allem Whatsapp eine zentrale Rolle. Falschinformationen verbreiteten sich über Gruppen und private Chats, teilweise wurden Nachrichten mithilfe automatisierter Systeme und großer Mengen von Mobiltelefonen massenhaft verschickt. Eine der bekanntesten Geschichten war die Behauptung, die Arbeiterpartei PT habe Babyflaschen mit penisförmigem Sauger an Kindergärten verteilt.
Verantwortlich gemacht wurde der frühere Bildungsminister und damalige Präsidentschaftskandidat Fernando Haddad, dessen Ministerium Material gegen Homophobie hatte entwickeln lassen. Weder die angeblichen Babyflaschen noch das Unterrichtsmaterial wurden je verteilt.
Vier Jahre später richtete sich ein erheblicher Teil der Desinformation gegen das Wahlsystem. Es kursierten Behauptungen, die elektronischen Wahlurnen würden Stimmen verändern oder nicht zählen und die Auszählung werde manipuliert. Jair Bolsonaro hatte bereits vor der Wahl wiederholt Zweifel an der Zuverlässigkeit des Systems geäußert. Es konnten zahlreiche entsprechende Falschmeldungen auf Whatsapp und anderen Plattformen dokumentiert werden.
Das Wahlgericht reagierte mit eigenen Faktenchecks, nahm die Plattformbetreiber stärker in die Pflicht und ließ wiederholt Inhalte entfernen oder Accounts sperren, über die nach Ansicht der Richter Falschinformationen über die Wahl verbreitet wurden.
Eine Wahlempfehlung vom KI-Chatbot?
Künstliche Intelligenz verleiht diesem Wahlkampf eine neue Dimension. Knapp 63 Prozent der brasilianischen Wähler können es sich laut einer Umfrage vorstellen, KI-Systeme zu nutzen, um sich über Kandidaten zu informieren. Bereits 13 Prozent der Brasilianer nutzen laut dem Digital News Report mindestens einmal pro Woche KI-Chatbots, um Nachrichten zu erhalten. Politische Informationen werden damit nicht mehr nur über soziale Netzwerke verbreitet. Wähler können sich direkt bei KI-Systemen über Kandidaten und ihre Positionen informieren.
Das Wahlgericht hat die Regeln für den Umgang mit KI im Hinblick auf die Wahl am 4. Oktober verschärft. KI-generierte Wahlwerbung muss gekennzeichnet werden. Deepfakes, also täuschend echt wirkende, mit KI erzeugte oder manipulierte Inhalte, sind in der Wahlwerbung verboten. Zudem dürfen im Zeitraum von 72 Stunden vor bis 24 Stunden nach dem Ende der Wahl keine neuen künstlich erzeugten Inhalte veröffentlicht oder weiterverbreitet werden, die das Bild, die Stimme oder Äußerungen eines Kandidaten oder einer anderen öffentlichen Person verwenden, selbst dann nicht, wenn sie entsprechend gekennzeichnet sind.
Auch für KI-Anbieter gelten besondere Regeln: Das Oberste Wahlgericht hat ihnen untersagt, Wahlempfehlungen abzugeben oder einzelne Kandidaten zu bevorzugen, selbst auf ausdrückliche Nachfrage der Nutzer. Ein Test des Technologieinstituts ITS Rio mit sieben gängigen KI-Systemen zeigte jedoch, wie schwer sich diese Vorgabe durchsetzen lässt. In rund 90 Prozent der relevanten Antworten ordneten oder bewerteten die Systeme die Kandidaten dennoch.
