
Die militärische Zusammenarbeit zwischen China und Russland seit dem Beginn des vollumfänglichen Kriegs in der Ukraine ist umfangreicher als bislang öffentlich bekannt. Nach F.A.Z-Informationen werde „gemeinsam geübt und ausgebildet“, und das „jeweils sowohl in Russland als auch in China“. Nach Informationen westlicher Nachrichtendienste betrifft das die Ausbildung an Drohnen, auch an Kleinstdrohnen, zudem das Pionierwesen sowie das Verlegen und die Räumung von Minen. Dabei gehe es gleichermaßen um Training an Material, Taktik und Operationsführung, wie die F.A.Z. aus Sicherheitskreisen erfuhr.
China lernt wiederum auch von Russland. „Gewonnene Erkenntnisse aus dem Ukrainekrieg spielen eine riesige Rolle für die Volksbefreiungsarmee“, hieß es. Die chinesischen Streitkräfte seien sehr schnell darin, russische Erfahrungen in die eigenen Übungen einzubauen. Auch Russlands Fronterfahrungen zur Versorgung Verwundeter haben einen hohen Stellenwert für die Chinesen, dazu zähle zentral die Telemedizin. Zudem integrierten die chinesischen Streitkräfte Erfahrungen aus dem Ukrainekrieg rasch in die eigene Truppe: etwa mit Käfigen über Panzern, Gräben mit Gittern darüber und neuen Drohnen-Abwehrsystemen.
Das chinesische Verteidigungsministerium reagierte auf eine schriftliche F.A.Z.-Anfrage dazu zunächst nicht. Das Außenministerium in Peking antwortete der F.A.Z., man solle sich für konkrete Fragen „an die zuständigen chinesischen Behörden wenden“. Weiter hieß es, „China und Russland pflegen seit jeher bilaterale Beziehungen und eine pragmatische Zusammenarbeit auf Grundlage der Prinzipien der Blockfreiheit, der Nichtkonfrontation und der Nichtangriffspolitik gegenüber Dritten, um die Stabilität und Entwicklung der Welt und der Region zu fördern“.
Mindestens 200 Russen in China ausgebildet
Im Mai war bekannt geworden, dass die Volksrepublik Ende 2025 etwa zweihundert russische Soldaten in China ausgebildet hat. Von diesen sollen einige anschließend in der Ukraine gekämpft haben. Darüber hatte zuerst die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, die sich auf Informationen von drei europäischen Geheimdiensten berief. Die geheimen Schulungen in China hätten den Schwerpunkt auf Drohnen gelegt.
Einen entsprechenden Ausbildungserlass habe Russlands Verteidigungsminister Andrej Belousow demnach vergangenen August genehmigt. Mindestens vier russische und chinesische Generäle seien daran beteiligt gewesen, ergänzte Reuters in einem weiteren Bericht Anfang Juli. Das Abkommen sehe neben der Ausbildung russischer Soldaten in China vor, dass auch „Hunderte chinesische Soldaten in russischen Militäreinrichtungen ausgebildet“ werden.
Unter Berufung auf interne russische Dokumente habe es im Dezember 2025 zudem einen Lehrgang zur kombinierten Waffenführung für rund fünfzig russische Soldaten an der Infanterieakademie der Landstreitkräfte der Volksbefreiungsarmee in der Stadt Shijiazhuang gegeben. Demnach ging es dort um die Ausbildung an 82-Millimeter-Mörsern unter Verwendung von Drohnen zur Zielerfassung.
Ein weiterer, drei Wochen dauernder Lehrgang für russische Soldaten im vergangenen November habe den Schutz vor atomaren, chemischen und biologischen Waffen umfasst. Dieser habe in Peking stattgefunden. Reuters beschreibt Bilder, auf denen russische Soldaten mit einem chinesischen Ausbilder vor einem Modell eines Kernreaktors standen und in „chemischer Aufklärung“, „Strahlungsaufklärung“ sowie dem Schutz von Lüftungssystemen vor radioaktiver Kontamination geschult wurden.
Ausbildung in Zhengzhou, Nanjing, Yibin
Ein weiteres Dokument beschrieb ein Training zur Luftverteidigung für russische Soldaten in China, bei dem die Abwehr anfliegender Drohnen mit Drohnen, Elektronik und Netzwerfern geübt wurde. Es habe in der Stadt Zhengzhou stattgefunden.
Ein dritter Bericht beschreibt einen Kurs für russische Soldaten im November 2025 an einer Infanterieschule in Nanjing. Geübt wurde dort der Bau und die Räumung von Minen, die Beseitigung von Blindgängern und improvisierten Sprengsätzen.
Ein viertes von Reuters angesehenes russisches Dokument schließlich stammt vom Dezember 2025 und beschreibt ein weiteres Drohnentraining für russische Soldaten in einem Ausbildungszentrum in der zentralchinesischen Stadt Yibin. Russische Stellen haben diese Darstellungen bestritten.
Wegen dieser Berichte und Erkenntnisse bat das Auswärtige Amt den chinesischen Botschafter in Deutschland, Deng Hongbo, in der vergangenen Woche zu einem Gespräch ins Auswärtige Amt, das „Chinas entscheidende und wachsende Unterstützung für Russlands brutalen Angriffskrieg“ kritisierte. Am Montag sagte eine Sprecherin des chinesischen Außenministeriums: „Diese Berichte sind haltlos und reine Verleumdung.“
Auch die Ukraine kauft Drohnenkomponenten aus China
Offiziell erklärt sich Peking für neutral im Ukrainekrieg. Nachweislich will China Russland aber auch nicht verlieren sehen. Im vergangenen Jahr sagte Außenminister Wang Yi der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas hinter verschlossenen Türen, wenn Russland den Krieg verliere, werde Amerika seinen gesamten Fokus auf China richten. Wangs Aussage fand ihren Weg in die Öffentlichkeit.
Abgewickelt wird das oft über kleine Privatfirmen. Auch die Ukraine muss technische Komponenten zum Betrieb und der Steuerung von Drohnen von Firmen des Weltmarktführers China einkaufen, wenn auch in einem vielfach geringeren Umfang als Russland. Das erschwert gleichwohl westliche Sanktionsbemühungen.
China hat ein Interesse an einem schwachen, autoritären Russland, das von Peking abhängig ist. Die oft proklamierte strategische Partnerschaft gilt als reines Zweckbündnis zur Schwächung westlicher Allianzen, aber die persönliche Beziehung zwischen Xi Jinping und Wladimir Putin scheint belastbar. Mehr als vierzigmal haben sich beide Staatschefs getroffen. Schon bei seinem Besuch in Moskau 2023 hatte Xi erklärt: „Gerade gibt es Veränderungen, wie wir sie seit hundert Jahren nicht gesehen haben, und wir sind diejenigen, die diese Veränderungen gemeinsam vorantreiben.“
Gemeinsame Manöver in strategischen Räumen
Dass der russische Inlandsgeheimdienst Berichten zufolge chinesische Einflussnahme in Russland befürchtet, ändert nichts daran, dass die militärische Zusammenarbeit seit dem russischen Großangriff auf die Ukraine noch einmal zugenommen hat. Dies betrifft öffentlich sichtbar auch die geografisch ausgreifenderen gemeinsamen Luft- und Seeübungen Pekings und Moskaus.
So landeten russische Tu-95MS-Langstreckenbomber Ende 2022 nur wenige Monate nach Russlands Vollinvasion in die Ukraine erstmals auf einem chinesischen Flughafen, während chinesische H-6K-Langstreckenbomber ebenfalls zum ersten Mal auf einem russischen Luftwaffenstützpunkt landeten. Ende 2024 wiederum setzte China den eigenen Staatsmedien zufolge zum ersten Mal auch den atomwaffenfähigen Bomber H-6N bei einer gemeinsamen chinesisch-russischen Patrouille über dem Japanischen Meer ein.
Und vor nur wenigen Tagen erst schlossen sich vier chinesische H-6-Bomber und sechs chinesische J-16-Kampfflugzeuge mit zwei russischen Tu-95-Bombern und weiteren russischen Flugzeugen auf Flügen zwischen den japanischen Inseln Okinawa und Miyako hindurch zusammen. Der chinesisch-russische Verband setzte seinen Flug auf einer Route Richtung Tokio fort. Immer häufiger tritt China mit Russland in Räumen auf, in denen Peking im Konflikt mit Japan, Südkorea, Taiwan oder den USA liegt.
Japans Verteidigungsminister Shinjiro Koizumi definierte kürzlich diese „wiederholten gemeinsamen Bomberpatrouillen sowohl als Ausweitung und Intensivierung der militärischen Aktivitäten rund um Japan als auch als eine gegen unser Land gerichtete Demonstration“.
Gemeinsame Flüge vor Alaska, rund um Japan oder auch im Südchinesischen Meer sollen koordinierte chinesisch-russische Macht zur Schau stellen. Der Kommandeur des US-Pazifikkommandos Samuel Paparo warnte schon vor anderthalb Jahren, dass das von Peking abhängige Russland den Chinesen im Gegenzug für ihre Hilfe U-Boot-Technologie liefern könnte, was die amerikanische Überlegenheit in dieser Domäne schmälern würde.
Erst an diesem Montag begann die Volksbefreiungsarmee ein weiteres Manöver mit Russland. Zunächst operiere man in Gewässern und im Luftraum nahe Qingdao, hieß es aus Peking, gefolgt von einer gemeinsamen Seepatrouille im Pazifik. Ausweitung, Qualität und Intensität der chinesisch-russischen Militärkooperation tragen im Kleinen wie im Großen zunehmend Elemente strategischer Zusammenarbeit.
