Mauser, Heckler & Koch, Browning, Beretta, Kalaschnikow – Konstantin I. aus Remscheid sammelte Schusswaffen aller wichtigen Hersteller. Und das in unfassbaren Mengen. Weit mehr als eine halbe Stunde braucht Oberstaatsanwalt Daniel Müller beim Prozessauftakt am Montag allein für das Verlesen der Liste an Gewehren, Maschinenpistolen, Revolvern und Munition, die der Kraftfahrzeugmechaniker mit Kenntnissen als Büchsenmacher in seiner Waffenwerkstatt, einer Art Privatmuseum und zahlreichen Verstecken hortete. Der 60 Jahre alte Deutsche muss sich gemeinsam mit zwei 38 und 35 Jahre alten türkischen Staatsangehörigen wegen Verstößen gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz und das Waffengesetz vor dem Landgericht Wuppertal verantworten.
Die Anklage wirft Konstantin I. vor, zu einem bisher nicht bekannten Zeitpunkt entschieden zu haben, mehrere Waffen aus seinem riesigen Bestand zu verkaufen. Zu diesem Zweck wandte er sich an Ilhan A., zu dem er bis heute augenscheinlich eine innige Beziehung hat. Als die beiden sich am Montagmorgen im Gerichtssaal erstmals seit ihrer Festnahme vor vielen Monaten wiedersehen, umarmen sie sich lange. Ilhan A. gelang es laut Anklage – teilweise mit Unterstützung von Yunus K. –, Käufer für sechs schussbereite Maschinenpistolen, einen Revolver und die jeweils benötigte Munition zu finden.

Zwei Maschinenpistolen samt Munition erwarb ein Mann aus Hamm, gegen den gesondert ermittelt wird. Den größeren Teil veräußerte A. an verdeckt ermittelnde Polizeibeamte, was letztlich zum Tatverdacht gegen Konstantin I. als Quelle der Waffen führte. Die Anbahnung der Geschäfte lief über einen Kiosk im Remscheider Stadtzentrum. Dessen Besitzer wurde bereits zu sieben Jahren und neun Monaten Haft wegen bewaffneten Handels mit Kokain verurteilt.
„Das geht bis hin zum Amoklauf oder zu einem Terroranschlag“
Als Spezialkräfte der Polizei Konstantin I. am 26. Oktober auf der Autobahn A 1 bei Remscheid stoppten, rechneten die Ermittler damit, bei ihm ein paar Kriegswaffen zu finden. Doch bei der Durchsuchung des zweistöckigen Mehrfamilienhauses im Remscheider Zentrum, die sich im Herbst über mehrere Tage hinzog, stellte die aus örtlichen und Fachleuten des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalen gebildete Ermittlungskommission „Ammo“ 300 scharfe Schusswaffen, davon 125 Maschinengewehre, 67 Maschinenpistolen, 51 Pistolen, 32 Langwaffen, elf Revolver, 13 Panzerabwehrwaffen, rund 100.000 Schuss Munition und mehrere Handgranaten sicher.
Mehrere der Waffenkammern wurden erst nach intensiver Suche entdeckt. „Denn das ‚Museum‘ verfügte über mehrere abgetrennte Nebenräume und Nischen“, wie Oberstaatsanwalt Müller am Montag aus der Anklageschrift vorträgt. Vor der Tür zu einer der Kammern stand ein Bücherregal mit einem Spiegel, der umgeklappt werden musste, um zu einer Öffnung zu gelangen, in die sich dann eine Türklinke stecken ließ. Hinter einer Vitrine mit zur Schau gestellten Dolchen fand sich der Zugang zu einem weiteren Raum mit Waffen.
Der Zugang zu einer Art Waffenwerkstatt, in der Konstantin I. nach Einschätzung der Ermittler auch Waffen wieder scharf machte und in der eine Maschinenpistole lag, war durch eine Garderobe verdeckt. Hinter Wandverkleidungen stießen die Beamten auf zahlreiche Hohlräume, die mit Munition gefüllt waren. Einen weiteren Geheimraum mit 29 Maschinengewehren und drei Panzerbüchsen fand die EK „Ammo“ nach einem Hinweis des Hauptbeschuldigten.
„Privatmuseum“ mit uniformierten Schaufensterpuppen
Wie auf Bildern von der Durchsuchung zu sehen ist, hingen Gewehre und Pistolen in Räumen, die mit uniformierten Schaufensterpuppen hergerichtet waren, teilweise geladen an den Wänden. Auch Hakenkreuz-Fahnen, SS-Uniformen und andere Relikte aus der Zeit des Nationalsozialismus fanden die Ermittler. Der Staatsschutz wurde eingeschaltet, konnte aber keine Anhaltspunkte dafür finden, dass Konstantin I. einer rechtsextremen Gesinnung anhängt – zumal sich in seinem „Museum“ auch Waffen und Abzeichen der Roten Armee der Sowjetunion, Artefakte aus dem Ersten Weltkrieg und historische Feuerwehruniformen fanden.
Im Ermittlungsverfahren soll der in Kasachstan geborene I. den Handel mit Waffen im großen Stil abgestritten, sich als leidenschaftlicher Sammler von Militaria dargestellt und ansonsten nur einige wenige Aussagen gemacht haben. Ob er das in der Hauptverhandlung ändern will, bleibt am Montag zunächst unklar. Während der Verteidiger von Yunus K. mitteilt, dass sein Mandat die ihm zur Last gelegte Tatbeteiligung vollumfänglich gesteht, sich auch ausführlich einlassen werde und Ilhan A. ausrichten lässt, auch er sei grundsätzlich bereit zu reden, macht die Verteidigerin von Konstantin I. dessen Aussagebereitschaft vom Rechtsgespräch mit der Strafkammer abhängig.
Als das am späten Vormittag beendet ist, trägt der Vorsitzende Richter Alexander Schräder die Ergebnisse vor, die deutlich machen, dass die Kammer Konstantin I. keinesfalls für einen unbedarften Militariasammler hält, der versehentlich auf die schiefe Bahn gekommen ist: Für den Fall einer „voll geständigen Einlassung“ muss der Hauptangeklagte mit einer Freiheitsstrafe von mindestens sieben und höchstens acht Jahren rechnen. Sein Zwischenhändler Ilhan A. muss mit höchstens vier, mindestens aber drei Jahren und drei Monaten. Yunus K. wiederum kann mit zwischen zwei und drei Jahren Haft rechnen. Der Prozess soll am 15. Juli fortgesetzt werden.
