Franz Joseph Strauß in Unterstützung einer illegalen Protestaktion, das scheint kaum vorstellbar. Doch tatsächlich begab sich der bayerische Ministerpräsident 1984 in solidarische Nähe einer solchen, noch dazu einer von gigantischem Ausmaß: Am Brenner hatten sich Fernfahrer im Unmut über die bis zu zwei Tage dauernden Kontrollen kurzerhand zur Blockade der Grenze entschlossen: Für sechs Tage war sie dicht, die Staus reichten hunderte Kilometer lang. Die Politik reagierte rasch und sorgte für effizientere Grenzabfertigungsstrukturen, nationaler Bürokratieabbau offenbarte sich als ökonomische Notwendigkeit: eine Realität, der vom Folgejahr an auch die Schengen-Abkommen gerecht zu werden suchten.
An der Blockade beteiligt war der Vater von Sandra, der Protagonistin von „Manchmal muss man sich entscheiden“, dem dritten Roman von Domenico Müllensiefen. Wie seine beiden Vorgänger erkundet das Buch ostdeutsche Biographien: Sandras Vater schüttelte Strauß die Hand und glaubte noch ans Projekt offener Grenzen und politischer Repräsentation. Für sie selbst, ebenso Fernfahrerin und unterwegs im heutigen Europa mit ihrer vierzehnjährigen Tochter Mia, haben diese Ideen keine Bedeutung mehr, im Gegenteil.

Väter sind abwesend im Roman: Der von Sandra, nur in Erinnerungen präsent, starb auf der Autobahn; der von Mia fiel als Soldat in Afghanistan. Sandra verspielte Witwenrente und Sorgerecht, und in der miterzählten Coming-of-Age- Geschichte zwischen Zöpfeflechten und Streit übers Vapen tritt die Tochter von Anfang an als die reifere Person auf.
Am Rand Europas treffen die beiden auf jene, die auf der Flucht unterwegs in die Mitte Europas sind; für Sandra alles sozialschmarotzende Ausländer. Doch plötzlich transportiert sie selbst – zunächst ohne es zu wissen – Mian und Siar aus Afghanistan. Und zwar dank Dirk, der zuletzt wegen reichsbürgerlicher Umsturzpläne einsaß und mit dem sie ein Verhältnis hatte. Dass gerade er, Dirk „Nazi-Schulz“, als Schleuser den Flüchtlingstransport organisiert und dass der geflüchtete Junge Sneaker trägt, die Sandra als Kind nie bekommen hat, das ist exemplarisch für die Dichte der Konstruktion, die Müllensiefen irgendwo zwischen Neo- und magischem Realismus immer weitertreibt und bei der man sich die Augen reibt. Dass Dirk dabei auch als fürsorglicher, geduldiger Typ in Erscheinung tritt, ist wiederum exemplarisch für die Komplexität der Figurenzeichnung.
Der Fernverkehr als Symptom unserer globalisierten Gegenwart
Es ist ein hochpolitischer Roman, doch Müllensiefen ruht sich nicht auf seiner Thematik aus. Der 1987 geborene Autor weiß, wie man erzählt und Spannung erzeugt, er gibt Informationen in Etappen, und der Roman nimmt Fahrt auf, wie auch Mutter und Tochter es tun. Nach und nach erhalten sie eine Geschichte, werden die zu Beginn aufgefächerten Elemente, teils in Rückblenden, entfaltet und laufen wieder in einem Punkt zusammen: dem Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr. Dabei findet der Roman eine Sprache, die so roh ist wie die verstümmelte Welt, in der Sandra lebt zwischen alten Männern, Asphalt und Asbest. Ein anderer Fernfahrer sieht aus, „als sei er von Schimmel befallen“, und auch sonst ist alles grau: Autobahn, Straßenhunde, Dreck. Dazwischen blitzt jedoch immer wieder schüchtern Zartes, ein wenig Lebendigkeit.
Lange bleibt das Glück allerdings nie, und die kontrastierenden Szenen sind dabei so hart geschaltet, wie einige Dialoge dramatisch zugespitzt. Auch zwischenmenschliche Begegnungen sind meist von ihrer eigenen Unmöglichkeit begleitet. Etwa wenn Sandra eine Beifahrerin im Auto nebenan grüßt, die eben noch eine Dating-App benutzte – nur Zentimeter und doch emotional wohl Kilometer entfernt von ihrem das Auto fahrenden Gatten. Es entsteht momenthaft eine Nähe zwischen den beiden Frauen, die jedoch ebenso schnell wieder vergeht.
Trucker-Romane sind eine Seltenheit, auch wenn gerade mit Anja Gmeinwiesers „Wir Königinnen“ (eher eine weiblichen Selbstfindungstour) noch ein weiterer erschienen ist. Allerdings geht es in der Literatur nicht schlicht darum, neues Gebiet zu erschließen. Themenromane müssen, um nicht zur Spartenliteratur zu werden, nebst einem Weg formaler Umsetzung auch das am Sujet finden, was über es selbst hinausweist. Als Knotenpunkt diverser Bereiche bietet der Fernverkehr hier für die globalisierte Gegenwart einige Möglichkeiten: Er transportiert Waren, Flüchtlinge und Kriegsgerät, überwindet Distanzen, passiert Grenzen und scheint den Traum von großer Freiheit zu verkörpern, während sich zugleich das Leben auf engstem Raum abspielt.
Eine Cholerikerin wird sanftmütig
Dass Sandra Schlachtvieh transportiert, also dem Tode geweihte Lebewesen, reizt diesen Spielraum aus, als im Frachtraum statt der Schweine Flüchtlinge sitzen – auch sie dem Tod geweiht. Trotzdem geht es wenig moralisch zu; einfache Antworten gibt es selten und zu ambivalent sind die Figuren, auch wenn Siar, als zurückgelassene Ortskraft und auch noch krank, ein eindeutiger politischer Sympathieträger ist.
Erst zum Schluss wird es etwas märchenhaft. Nicht, weil als Lösung für die vaterlose Gesellschaft die Erziehung der abgehängten Mutter von der Ikkimel hörenden Tiktok-Tochter erscheint – hier bleibt klugerweise zuletzt offen, inwiefern das gelingt. Doch Sandras finale Entscheidung zu helfen, geht einher mit einer charakterlich nicht ganz nachvollziehbaren Verwandlung: Aus der Cholerikerin wird eine überlegen Sanftmütige, während auch eine weiterhin wütende Sandra jene Entscheidung hätte treffen können. Ihr Wesenswandel wäre erzählerisch nicht nötig gewesen, scheint jedoch gewollt: Es könnte auch alles ganz anders sein, scheint das Buch einmal mehr sagen zu wollen.
Domenico Müllensiefen: „Manchmal muss man sich entscheiden“. Roman.
Kanon Verlag, Berlin 2026. 192 S., geb., 22,– €.
