Dolly Parton hat einmal sinngemäß gesagt, es sei teuer, so „billig” auszusehen. Gemeint war aber wohl eher „kunstvoll“, denn später stellte sie auf Nachfrage klar, sie liebe einfach den „overdone“ Look.
Der Satz war also kein Witz über Perücken, Schminke und falsche Fingernägel. Er war ein kleiner Schlüssel zu ihrer Kunst und ihrem Leben. Die Sängerin wusste immer, dass schöne Oberflächen nicht dasselbe sind wie Oberflächlichkeit. Aus dem Künstlichen machte sie eine Form von Wahrhaftigkeit, schrieben Bewunderer gern. Doch Parton wollte vor allem sie selbst sein. Sie war Pop-Ikone, Unternehmerin und Philanthropin. Und über die Jahre wurde sie auch so etwas wie eine Projektionsfläche für amerikanische Einigungsphantasien.
Dolly Rebecca Parton wurde am 19. Januar 1946 in Locust Ridge, Tennessee, geboren. Ihre Familie war arm, sie war das vierte von zwölf Kindern. In offiziellen Biografien wird ihre Geschichte oft als „rags to rhinestones“-Werdegang beschrieben, Lumpen zu Glitzersteinchen also. Musik gehörte in Partons Familie zum Alltag. Als Kind sang sie früh in der Kirche, bald auch im Radio und im Lokalfernsehen.

Nach der Schule zog sie nach Nashville, der erste Erfolg kam in den späten Sechzigerjahren an der Seite von Porter Wagoner. 1967 begann Parton, mit Country-Liedern in dessen „Porter Wagoner Show“ aufzutreten, unterschrieb schließlich einen Plattenvertrag bei RCA. Als sie sich von Wagoner löste, den sie später als kontrollierend bezeichnete, schrieb sie „I Will Always Love You“. Das Lied stand ursprünglich nicht für den Abschied aus einer romantischen Beziehung, sondern drückte vor allem Selbstbehauptung aus. Es wurde zunächst Partons eigener Erfolg und später, als Whitney Houston es sang, eine der bekanntesten Pop-Balladen.
Parton schrieb Tausende Songs
Dolly Partons Bedeutung lag nicht nur in ihrer Stimme, sondern in ihrer Autorinnenschaft. Sie schuf Lieder, die scheinbar einfach waren und doch ganze Welten enthielten, zum Beispiel „Coat of Many Colors“, „Jolene“ oder „9 to 5“. Ihre Karriere umfasste mehr als fünfzig Studioalben; sie schrieb Tausende Songs, viele auch für andere Künstler. Bei den Grammys wurde Parton über Jahrzehnte hinweg vielfach ausgezeichnet – insgesamt zehnmal erhielt sie allein die Trophäe, war 55-mal nominiert. Sie war eine Country-Künstlerin, die das Genre nie ganz verließ und es doch ständig weitete, mit Pop, Rock oder Musical verbinden konnte.
Es war aber vor allem ihre positive und resolute Haltung zum Leben, die Dolly Parton für viele Menschen zu einer Identifikationsfigur machte. „Wir können die Welt nicht retten, aber wir können die Welt retten, in der wir selbst leben“, sagte sie 2020, während der Pandemie. Alle saßen zu Hause, und die Sängerin beteuerte, sie schreibe vor allem neue Lieder, schaue selten Nachrichten im Fernsehen und mache das Beste daraus.
Gerade in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren wurde Parton zu einer regelrecht universell beliebten Figur: Feministinnen wie Sarah Smarsh oder Lynn Melnick schrieben plötzlich Bücher über sie, aber nach wie vor war die Künstlerin für viele traditionelle Country-Fans die Nummer Eins. Damit war Parton einer der seltenen Stars, die alle politischen Lager für sich reklamieren wollten. Konservative liebten an ihr die Heimatverbundenheit und Frömmigkeit, Liberale das, was sie als Camp-Ästhetik verstehen wollten, die Selbstironie, die Solidarität mit Außenseitern. Parton selbst sprach nie parteipolitisch, beharrte darauf, Entertainerin zu sein. Aber ihre öffentliche Zurückhaltung bedeutete nicht, dass sie gar keine Meinung hatte.
Zurückhaltend, aber deutlich
„Natürlich zählen Schwarze Leben! Denken wir, dass unsere kleinen weißen Ärsche die einzigen sind, die wichtig sind? Nein!“, antwortete sie 2020 dem Magazin „Billboard“ etwa auf eine Frage zur Black-Lives-Matter-Bewegung. Zwei Jahre zuvor hatte Parton bereits das Wort „Dixie“, das für reaktionäre Südstaaten-Romantik steht, aus ihrer Dinner-Show „Dixie Stampede“ entfernt. Sie hielt dazu keinen Vortrag, sondern schloss sich dem kulturellen Wandel auf eine Art an, den Konservative in ihrem Publikum nicht als Angriff verstehen mussten.
Lange davor, im Jahr 1980, hatte Parton gezeigt, dass sie vor allem an der Seite der Schwächeren stehen wollte. Gemeinsam mit Jane Fonda und Lily Tomlin spielte sie in ihrer ersten großen Filmrolle in „9 to 5“. Fonda, damals schon bekannt als politische Organizerin, hatte das Projekt angestoßen. Es war inspiriert von der gleichnamigen Organisation, die gegen Diskriminierung, sexuelle Belästigung und schlechte Bezahlung von Frauen am Arbeitsplatz kämpfte.
Im Film wehrten sich drei Frauen gegen ihren sexistischen Chef. Parton spielte die Sekretärin Doralee Rhodes, die unterschätzt wurde und dadurch den Spieß auch umdrehen konnte. Das war lustig und massentauglich inszeniert und gerade deswegen wirksam als Beitrag zur Diskussion über Macht, Geschlechter und Emanzipation. Partons Song „9 to 5“ wiederum überdauerte den Film. Er erzählte vom Traum, dass Arbeit mehr sein müsste als Überleben. Gleichzeitig lehnte Parton das Label „Feministin“ immer ab, bis sie 2020 fast widerwillig sagte, sie sei wohl Feministin, weil sie glaube, dass Frauen machen sollten, was immer sie wollten.
Die Welt ein bisschen besser machen
Auch mit ihrer Philanthropie wollte Parton die Welt zu einem gerechteren Ort machen. 1995 gründete sie „Dolly Parton’s Imagination Library“, zunächst für Kinder in East Tennessee. Das Programm verschickt monatlich kostenlose Bücher an Kinder. Inzwischen wurden Hunderte Millionen Bücher verschenkt, auch in andere Länder. Parton erzählte oft, dass ihr Vater weder lesen und noch schreiben konnte. Während der Corona-Pandemie spendete die Sängerin dann eine Million Dollar an das Vanderbilt University Medical Center. Diese Unterstützung floss in Forschung, die unter anderem zur Entwicklung des Moderna-Impfstoffs führte.

Bis ins höhere Alter veröffentlichte Parton neue Musik, trat auf, betreute Unternehmen, Stiftungen und Markenkooperationen. Jeder Rückzug, jede gesundheitliche Krise wurde von den Medien bis ins Detail begleitet, so als gäbe es die Erwartung, Dolly Parton müsse immer Dolly Parton sein: Heiter, schlagfertig, belastbar. Doch die Sängerin ging offen damit um, dass der Tod ihres Mannes Carl Dean im Jahr 2025 ihr Leben für immer verändert hatte. Beide hatten 1966 geheiratet; fast sechs Jahrzehnte lang blieb Dean der Mann an ihrer Seite und hielt sich weitgehend außerhalb des Scheinwerferlichts. In einer Karriere, die vieles öffentlich machte, blieb ihre Ehe ein Stück Privatheit, das Parton schützte.
Der Einfluss der Künstlerin lässt sich nicht nur an Preisen messen, obwohl es davon viele gab: Parton ist in der Country Music Hall of Fame und in der Rock & Roll Hall of Fame, erhielt die Library of Congress Living Legend Medal und den Grammy Lifetime Achievement Award. Sie war vor allem die Künstlerin, die Amerika eine bessere Version seiner selbst vorsang, und immer erzählte sie von Arbeit, Liebe, Ehrgeiz und Würde. Und Dolly Parton zeigte über Jahrzehnte, dass Populärkultur nicht banal ist, nur weil viele Menschen sie lieben. Nun ist sie im Alter von 80 Jahren in Nashville gestorben.
