Unverstellt und echt kommen die deutschen Hockeyspieler immer schon rüber. Daran ändert sich auch nichts, wenn Fernsehkameras auf sie gerichtet sind. Einmal im Jahr oder noch seltener, bei den großen Turnieren, erreichen sie mit ihrem (erfolgreichen) Tun auch ein Publikum über die kleine Hockey-Kerngemeinde hinaus.
Am Sonntagabend konnte der geneigte Fernsehzuschauer erkennen: Der Bundestrainer redet – mit viel Adrenalin im Körper – direkt nach Abpfiff im Spielerkreis („der absolute Wahnsinn, was ihr hier abgerissen habt“) nicht anders als – mit weniger Adrenalin im Körper – am TV-Mikrofon.
Bei Magenta-Sport sprach André Henning mit demselben Glanz in den Augen und Überschwang in der Stimme vom „hellen Wahnsinn“. Und: „Das war das Druckspiel schlechthin. Und das war die mit Abstand beste Leistung schlechthin.“ Eine ungemein herausfordernde Konstellation bei der Weltmeisterschaft mit einer sehr starken wie reifen Leistung beantwortet zu haben, sorgte für Glückseligkeit im deutschen Lager.
Zum Abschluss der Zwischenrunde bei den Titelkämpfen in Belgien und den Niederlanden brauchte es für den Halbfinaleinzug einen Sieg gegen Australien – und die DHB-Auswahl lieferte ein 4:2. Und zwar äußerst überzeugend. Ein Sieg, der Antworten lieferte auf die Frage, wie weit es den Titelverteidiger mit seinem bis dato lahmenden Offensivspiel tragen könnte bei diesem Championat. War die kollektiv stabile Defensivarbeit bislang das Prunkstück der deutschen Mannschaft, kam sie gegen den Topgegner Australien auch offensiv endlich in Schwung.
Gepaart mit einer Resilienz, die Bundestrainer Henning als „Klassiker der deutschen Turniermannschaft“ subsumierte. Tatsächlich kamen die deutschen Herren weder bei ihrem WM-Sieg 2023 noch bei Olympia-Silber in Paris oder beim EM-Titel im vorigen Sommer ohne krisenhafte Spiele und Momente durchs Turnier.
Als die deutsche WM-Mission plötzlich in Gefahr gerät
Immer wieder galt es, sich innerhalb weniger Stunden zu sammeln, zusammenzureißen und aus einem Tief herauszuziehen – eine besondere Expertise dieses Teams. Denn nach drei Spielminuten am Sonntagabend stellte sich die deutsche WM-Mission folgendermaßen dar: das letzte Gruppenspiel in letzter Minute aus der Hand gegeben gegen Frankreich (1:1), das erste Zwischenrundenmatch gegen Spanien nach durchwachsener Leistung verloren (1:2) und nach drei Minuten beim ersten Kreiseintritt der Australier 0:1 in Rückstand geraten.
Doch die Deutschen vermochten das Match schnell zu drehen, weil sich, wie Kapitän Tom Grambusch sagte, „auf dem Feld alles zusammen richtig angefühlt hat“. Und weil zwischen den Etablierten und den Youngstern stabile Verbindungen entstanden zu sein scheinen, innerhalb derer die Jungen aufblühen und durch die bei den Erfahrenen nach den Titelgewinnen der Vorjahre keine bremsende Saturiertheit aufkommt, die man sich im engen Wettstreit in der Weltklasse nicht leisten kann. Drei der vier deutschen Treffer erzielten die WM-Debütanten Michel Struthoff (23 Jahre), Justus Warweg (19) und Hugo von Montgelas (22).
Der deutsche Gegner im Halbfinale am Freitag ist Argentinien (20.30 Uhr, Magenta TV). Wie sich seine Spieler am Sonntag gegen die australische Schlussoffensive wehrten und standhielten, das schien den Bundestrainer regelrecht zu rühren. „Das war ein krasser Spirit, der mich unglaublich begeistert“, sagte Henning im Spielerkreis nach Abpfiff. Es hätte aber auch im TV-Studio sein können.
