
Man kann sich kaum einen besseren Moment vorstellen, um sich mit dem türkischen Machthaber Recep Tayyip Erdoğan zu befassen. Gerade hat er die größte Oppositionspartei des Landes mit einem Gerichtsurteil ins Chaos gestürzt, um das Feld für seine Wiederwahl zu bestellen. In wenigen Tagen wird er sich beim NATO-Gipfel in Ankara als gefragter Staatsmann inszenieren. Pünktlich zu diesem Anlass zeigt das Erste am 8. Juli die ersten beiden Folgen einer vierteiligen Erdoğan-Dokumentation. Von Montag an ist sie in der ARD-Mediathek abrufbar.
Es gibt eine Zeitzeugin in dem Film, die in den vier Folgen immer wieder aufgerufen wird: Nihal Olçok, die Witwe eines früheren Wahlkampfstrategen Erdoğans. Am Anfang erklärt sie, warum der Mann mit dem charakteristischen Schnurrbart in den ersten Jahren seiner Karriere gerade auch unter Frauen wie ihr hohes Ansehen genoss. Er gab Frauen mit Kopftuch, die sich von der säkularen Elite herabgesetzt fühlten, ein neues Selbstbewusstsein. „Er war unsere Definition von Freiheit“, sagt Olçok. Und er hatte Charisma. „Erdoğan war wie ein guter Teig. Man konnte daraus Baklava oder Börek machen.“ Erst in der vierten Folge versteht man, warum sie das mit einem vielsagenden Unterton sagt.
Inszenierung als Verteidiger der Demokratie
Was hat Erdoğan zu dem gemacht, der er heute ist? Dieser Frage geht die Dokumentation nach. Die beiden Filmemacher, Kristina Karasu und Michael Wech, halten sich mit Bewertungen merklich zurück. Stattdessen kommen frühere Weggefährten Erdoğans zu Wort, die erklären, warum sie mit ihm gebrochen haben. Manche können sich nur deshalb so offen äußern, weil sie als Abgeordnete Immunität genießen. Andere, Journalisten und Akademiker, melden sich aus dem Ausland zu Wort. Die Regisseure verschweigen nicht, dass sie auch Absagen bekommen haben, von Leuten, die Angst haben, sich zu äußern.
Die ersten beiden Folgen der Serie erklären, warum Erdoğan in den ersten zwanzig Jahren seiner politischen Karriere selbst unter liberalen Türken viele Anhänger hatte. Als Bürgermeister von Istanbul brachte er eine vermüllte, heruntergewirtschaftete Stadt auf Vordermann. Als Ministerpräsident setzte er Wirtschaftsreformen um und baute Straßen, Brücken, U-Bahnen. Seine islamistische Gesinnung kaschierte er, etwa indem er eine Schönheitskönigin zum Parteitag einlud. Als er wegen eines Gedichts zu Gefängnis und einem lebenslangen Politikverbot verurteilt wurde, stellten sich sogar Human Rights Watch und Amnesty International hinter ihn. Was für eine Ironie der Geschichte. Ausgerechnet die CHP, die er jetzt verfolgt, half dabei, das gegen ihn verhängte Politikverbot aufzuheben.
Erdoğan gelang es, sich als Verteidiger der Demokratie gegen das mächtige Militär zu inszenieren. Er setzte sich für Minderheitenrechte ein, schaffte die Todesstrafe ab. Dafür bekam er auch international viel Beifall. Barack Obama sah in ihm ein Vorbild für eine Synthese aus Islam und Demokratie. Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi gab den Trauzeugen für Erdoğans Sohn Bilal und dessen 16 Jahre alte Braut.
Es gab frühe Warnzeichen
Der Blick in die Vergangenheit ist lehrreich. Er erinnert daran, dass die Demokratie in der Türkei nicht erst seit Erdoğan unter Druck steht. Und er wirft die Frage auf, ob es womöglich auch anders hätte kommen können. Was wäre etwa gewesen, wenn die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Nicolas Sarkozy nicht schon früh eine EU-Mitgliedschaft der Türkei abgelehnt hätten? War das vielleicht einer der Momente, an denen Erdoğan Richtung Autokratie abbog? Oder war die EU-Annäherung von Anfang an nur ein willkommener Hebel, um seinen mächtigsten Gegner, das Militär, zu schwächen?
Schließlich gab es früh erste Warnzeichen. Schon in den Ergenekon-Prozessen (2007 und 2013), zu einer Zeit, als er im In- und Ausland noch als Hoffnungsträger galt, lernte Erdoğan, Kritiker mittels der Justiz aus dem Weg zu räumen. Zugleich lässt sich sein Aufstieg nur verstehen, wenn man auch fragt, was ihn so beliebt gemacht hat. Der Film zeigt anschaulich sein Gespür für politische Stimmungen, seine Fähigkeit, Emotionen auszulösen, und seinen Mut, alles auf eine Karte zu setzen.
Als einen von mehreren Wendepunkten beschreibt der Film den Arabischen Frühling, als Erdoğans Ambitionen weit über die Grenzen der Türkei hinauswuchsen. Von einem „Machtrausch“ spricht Ertuğrul Günay, ein ehemaliger Minister, der 2013 aus Erdoğans AK-Partei austrat.
Die vierte und beste Folge der Dokumentation beginnt mit dem Putschversuch von 2016, der sich in knapp drei Wochen zum zehnten Mal jährt. Die Bilder zeigen einen Mann, der erst zutiefst verunsichert erscheint und wenige Stunden später triumphiert. Er nutzt den gescheiterten Putsch, um alle Institutionen auf sich auszurichten. Während des zweijährigen Ausnahmezustands lässt Erdoğan per Referendum ein Präsidialsystem errichten, das ihn endgültig zum Alleinherrscher macht. Auch wenn ernste Zweifel bestehen, dass bei der Wahl alles mit rechten Dingen zuging, stimmten doch Millionen Türken für die Demontage ihrer Demokratie und für den starken Mann.
Zum Ende wird klar, warum Nihal Olçok, die Witwe des Wahlkampfberaters, ein gespaltenes Verhältnis zum Präsidenten hat. Ihr Mann und ihr ältester Sohn folgten in der Putschnacht Erdoğans Aufruf an „das Volk“ und stellten sich den Putschisten auf der Bosporus-Brücke in den Weg. Beide wurden erschossen. Erdoğan nutzte ihre Beerdigung, um seine Anhänger auf den Kampf gegen einen inneren Feind einzuschwören, der eigentlich längst besiegt war. Olçok wartete auf einen Kondolenzbesuch. „Er ist nicht gekommen“, sagt sie. Die genauen Hintergründe jener Nacht wurden nie aufgeklärt, weil es daran kein politisches Interesse gab. Olçok hat ihre Lektion gelernt: „Wer aus dieser Krise den größten Gewinn gezogen hat, den muss man als Erstes hinterfragen.“
Die letzten Sequenzen der Dokumentation zeigen einen gealterten Herrscher, der selbst seine Mitarbeiter misstrauisch beäugt und nur noch der eigenen Familie traut. Zum Schluss wirft der Film eine Frage auf, die in der AKP hinter vorgehaltener Hand schon diskutiert wird: Was kommt nach Erdoğan? Für Antworten ist es noch zu früh. Aber mit der Frage sollten sich auch die NATO-Partner schon befassen, die am 7. Juli nach Ankara reisen.
Erdoğan. Ein Mann des Volkes ist von heute an in deutscher und türkischer Sprachfassung in der ARD-Mediathek abrufbar. Die ersten beiden der vier Folgen werden am 8. Juli von 22.50 Uhr an im Ersten ausgestrahlt.
