
Ein Machtkampf um die Kontrolle über die Straße von Hormus entwickelt sich zur Belastungsprobe für den Waffenstillstand und die weiteren Verhandlungen zwischen Iran und den Vereinigten Staaten. Nachdem beide Seiten einander an diesem Wochenende beschossen hatten, bekräftigte der iranische Außenminister Abbas Araghchi, sein Land allein sei dafür verantwortlich, die Schifffahrt durch die Meerenge wieder auf das Vorkriegsniveau zu bringen.
„Jegliche Einmischung oder Versuche, parallele Regelungen zu treffen, werden die Situation nur erschweren, die Spannungen erhöhen und die Wiederöffnung der bedeutenden Wasserstraße verzögern“, sagte Araghchi bei einem Besuch in Bagdad. In dem vor gut zehn Tagen unterzeichneten Memorandum mit den USA hatte Teheran sich verpflichtet, „bestmögliche Regelungen“ zu treffen, um die Handelsschifffahrt ohne Gebühren für 60 Tage sicher zu ermöglichen.
Mit seiner Kritik an „parallelen Regelungen“ bezog Araghchi sich zum einen auf die Ankündigung der Internationalen Schifffahrtsorganisation (IMO) von vergangener Woche, Schiffe über eine Route nahe der omanischen Küste durch die Meerenge zu navigieren. Die IMO hatte ihren „Evakuierungsplan“ ausgesetzt, nachdem Iran am Donnerstag ein Schiff mit einer Drohne attackiert hatte. Dennoch nutzten weitere Schiffe am Sonntag diese Route, offenbar mit Unterstützung des amerikanischen Militärs. So berichteten Analysefirmen von mindestens zwei Öltankern und zwei Flüssiggastankern, die am Sonntag mit angestelltem Trackingsystem die Meerenge passierten.
Der erste iranische Angriff auf ein Schiff seit Unterzeichnung des Memorandums hatte eine Spirale an gegenseitigen Angriffen in Gang gesetzt. Zunächst hatte das amerikanische Militär „Raketen- und Drohnenlagerstätten sowie Radaranlagen“ an der iranischen Küste bombardiert. Daraufhin hatte Iran nach eigenen Angaben US-Stützpunkte in der Region angegriffen. Bahrain und Kuwait verurteilten Attacken auf ihr Staatsgebiet. Zudem griff die Revolutionsgarde nach amerikanischen Angaben ein voll beladenes Tankschiff an. Am Wochenende nahmen beide Seiten einander abermals ins Visier. Über Schäden oder Opfer wurde zunächst nichts bekannt.
Trump droht mit einer Rückkehr zum Krieg
Der amerikanische Präsident Donald Trump drohte Iran am Samstag mit umfassenderen Militäroperationen. „Es könnte ein Punkt kommen, an dem wir nicht mehr vernünftig sein können und gezwungen sein werden, den Job militärisch zu Ende zu führen, den wir sehr erfolgreich begonnen haben“, schrieb er auf seiner Plattform Truth Social. Dann werde Iran „nicht mehr existieren“. Iran setzt darauf, dass Trump vor den Zwischenwahlen kein Interesse an einer Rückkehr zum Krieg hat. Langfristig rechnen die Generäle in Teheran aber mit weiteren Waffengängen. Vorerst scheinen beide Seiten bemüht, ihre Vergeltungsaktionen so zu kalibrieren, dass sie beherrschbar bleiben.
Die Vereinigten Staaten versuchen, Handelsschiffe zur Nutzung der südlichen Route durch omanische Gewässer zu ermutigen, um Iran die Kontrolle über die Meerenge zu entreißen. Die IMO verkündete ihre Evakuierungsaktion vergangene Woche zeitgleich mit einer Reise des amerikanischen Außenministers Marco Rubio in die Region, in der dieser Iran davor warnte, Schiffe an der Durchfahrt zu hindern. Das Regime in Teheran lehnt dagegen eine Rückkehr zur Vorkriegslage ab, als Schiffe die Seestraße ohne Gebühren und Anmeldung nutzen konnten.
In Teheran gibt es Forderungen, wonach Schiffe künftig eine von Iran ausgegebene Versicherung abschließen müssten, um die Meerenge zu passieren. Andere Überlegungen gehen dahin, gemeinsam mit Oman Gebühren für „Dienstleistungen“ wie Lotsendienste und Meeresschutz zu erheben. Laut einem Bericht des „Wall Street Journal“ erhofft sich Iran, auf diese Weise 40 Milliarden Dollar im Jahr generieren zu können. Darüber hinaus geht es Teheran darum, die Meerenge als Abschreckungsinstrument gegen künftige Angriffe durch Amerika oder Israel zu erhalten.
Die Revolutionsgarde drohte am Sonntag mit einer Aussetzung der Verhandlungen in der Schweiz, bei denen beide Seiten innerhalb von 60 Tagen ein Friedens- und Atomabkommen erreichen wollen. Zudem drohten die Generäle mit einer „verheerenden Antwort“, falls das US-Militär Iran weiter beschießen sollte – selbst wenn es sich nur um „geringfügige Ziele“ handle.
