Grün, grün, grün. Alles hier ist grün. Vorne saftige Wiesen mit Apfelbäumen. Links der dichte Wald. Dahinter weite Felder, Gemüsegärten. Und rechts die Reben. Sie erstrecken sich bis kurz vor Talheim, einer kleinen Gemeinde südlich von Heilbronn. Dahinter reicht der Blick weit übers malerische Zabergäu. Inmitten des Grüns liegt ein kleines Ensemble namens Hohrainhof: zwei Ställe, zwei Unterkünfte, Kelter, Kapelle. Von hier aus machen sich Alex, 33, und Patrick, 26, an einem heißen Mittag zu Fuß auf den Weg. Sie biegen nach links ab, dann nach rechts bis zu ihrem Arbeitsplatz, dem Weinberg.
„Neulich sprach mich eine ältere Frau an“, erzählt Alex, „und fragte: ‚Sagen Sie, also … Sie sind doch ein Knacki, gell?‘“ Alex und Patrick sind keine gewöhnlichen Weinbauern. Sie sind Gefangene. „Knackis“, wie der Schwabe sagt. Für diesen Text wurden ihre Namen geändert. Auf dem Hohrainhof leben sie ein für Häftlinge ungewöhnliches Leben: Sie arbeiten für das einzige Weingut einer Justizvollzugsanstalt (JVA) in Deutschland. Jährlich werden hier im offenen Vollzug auf zehn Hektar etwa 50.000 Liter Wein produziert: Burgunder, Riesling, Cabernet Sauvignon und viele mehr.
Wer eine der Flaschen mit dem markanten Fingerabdruck auf dem Etikett im Hofladen oder online ersteht, dekoriert mit Slogans wie „Verboten gut“ oder „Gereift im Gefängnis“, kauft Wein, der von Gefangenen produziert wurde. In ganz Europa gibt es das nur hier, in einer Haftanstalt bei Rom, einer weiteren bei Zürich und auf der toskanischen Gefängnisinsel Gorgona. Die Württemberger aber waren die Ersten.

Die meisten der ausschließlich männlichen Gefangenen hatten vor ihrer Haftzeit mit Landwirtschaft nichts am Hut. Hier kümmern sie sich nun um Himbeeren und Limpurger Rinder, sie ernten Salate, machen Heu, Holz – und eben Wein. Zwei Gefangene pflanzen neue Strauchtomaten ein. „Soll Mist an die Pflanzen?“, rufen sie herüber. „Ja, verteilt ein bisschen davon unter den Tomaten. Aber wässert vorher“, erwidert Markus Scholl.
Scholl ist Dienstleiter an der Staatsdomäne Hohrainhof, die seit 1945 als Außenstelle der JVA Heilbronn dient. Früher produzierte der gelernte Weinbaumeister Wein, Schnaps und Most. Dann wechselte er in den uniformierten Dienst, nach Heilbronn, nach „unten“, wie er es nennt. Inzwischen macht er hier „oben“ auf dem Hof beides: Mit seinen Kollegen, allesamt Justizvollzugsbeamte, bewacht er die Gefangenen, und gemeinsam bauen sie Wein an und aus.
Arbeitsbeginn ist um halb acht. Dann verteilen sich die Insassen auf Kuhstall, Felder und Weinberge. Nach der Mittagspause folgt die zweite Einheit. Der Tagesablauf ist streng geregelt. Gefängnis eben. Abgesehen davon erinnert nur wenig an klassische Haft. „Dass das hier ein Gefängnis ist, würde man von außen nicht denken“, sagt Scholl.
An diesem Tag stehen Laubarbeiten auf dem Plan. Die Triebe von Lemberger und Dornfelder sind noch recht jung. Alex und Patrick biegen sie in den Drahtrahmen und brechen Doppeltriebe aus. Beide wurden im März hierher verlegt. Für sie ist es ein Schritt in Richtung Freiheit. „In Heilbronn sind die Wände grau“, sagt Patrick, „da liegen die Nerven blank, ich hatte oft aus dem Nichts schlechte Laune. Hier habe ich das nicht mehr.“
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Eingesperrt, aber tagsüber frei, so beschreibt es Alex. Am Abend werden nur die Türen der Wohnflügel verschlossen. Ihre Zwei- und Dreimannräume, die hier nicht Zellen, sondern Zimmer heißen, schließen die Gefangenen selbst.
Alex zeigt auf ein frisch gemähtes Feld hinter dem Hof. Mehrere Rotmilane stoßen immer wieder blitzartig von oben hinab, auf der Jagd nach Mäusen. „Das hab’ ich gemäht, gemeinsam mit einem Beamten“, sagt er und klingt stolz.
Das sei der entscheidende Punkt, sagt Andreas Vesenmaier. Der Leiter der Heilbronner JVA sitzt in seinem Büro im Haupthaus – „unten“ in Heilbronn. Auf dem Tisch liegen Rosinenschnecken, gebacken von Insassen in der Anstaltsbäckerei. „Viele Gefangene haben das im Leben so noch nie erfahren, Verantwortung zu übernehmen, auf andere Rücksicht zu nehmen, etwas zu schaffen. Dort oben lernen sie das“, sagt er. Wie reagieren die anderen, wenn ich nur im Heu rumliege? Was passiert mit einem Tier, wenn ich es nicht füttere? Es geht um Selbstwirksamkeit und soziales Lernen, alles überschrieben mit dem Zauberwort Resozialisierung.
Grundsätzlich stehe der Weg zum Hof allen Gefangenen unabhängig von der begangenen Straftat offen, sagt Vesenmaier. Vom Hühnerdieb bis zum Mörder. Die Anforderungen aber sind hoch. Die Gefangenen müssen ihre Taten aufgearbeitet, sich stets gut benommen und ihre Behandlungsprogramme abgeschlossen haben. Es darf keine Ausweisungsverfügung vorliegen. Die Gefangenen dürfen keine Suchtprobleme haben, sich nicht vor der Gemeinschaft verschließen. Ein Psychologe muss dem Wechsel zustimmen. Und die Resthaftzeit muss kurz sein, mehr als zwei Jahre offener Vollzug sind nicht drin.
Herr S. wird gleich entlassen
„Wir gehen kein Risiko ein. Unsere Verantwortung gegenüber der Bevölkerung ist enorm, ihre Sicherheit steht an erster Stelle“, sagt Anstaltsleiter Vesenmaier. „Deshalb ist es unsere Pflicht, sehr genau abzuwägen, wer auf den Hof darf.“
Nur wenige Gefangene erfüllen alle Voraussetzungen für das Leben auf dem Bauernhof. Dort sorgt das für Engpässe: Von den 32 verfügbaren Haftbetten sind im Frühsommer nur 15 belegt. Da ruft Markus Scholl einem Kollegen das Wörtchen „Blitzentlassung“ zu: „Herr S. wird gleich entlassen.“ Was für den Gefangenen die langersehnte Freiheit bedeutet, heißt für die anderen: wieder einer weniger. Nun sind sie nur noch 14.
Für die Arbeit in den Reben ist das eine schlechte Nachricht, denn jeder Mann wird gebraucht. Im Laufe des Jahres werden Alex und Patrick die Böden bearbeiten, die Reben pflegen und im Herbst bei der Traubenlese helfen. Beim Keltern bleiben die Vollzugsbeamten hingegen unter sich. Auf dem Hof gilt strengstes Alkoholverbot. Gefangene, die die Edelstahlfässer im Gewölbekeller reinigen, werden beaufsichtigt; genauso, wer den Wein abfüllt, die Flaschen etikettiert oder sie einlagert.
Markus Scholl gibt eine Führung durch die Unterkunft. Dort sieht es aus wie in einer großen WG mit zwei Gemeinschaftsküchen. Auf dem Tisch im Aufenthaltsraum liegt ein Küchenmesser. „Das wäre im Haupthaus undenkbar“, sagt Scholl. „Aber bei den Jungs gab es vorhin Nusskuchen, hier gehört das dazu.“ An der Wand hängen Fotos von Al Pacino und Robert De Niro aus ihren Gangsterrollen in „Der Pate II“ und „Scarface“. Legendäre Kriminelle, hoffentlich mehr Warnung als Vorbild.

In der Unterkunft müssen die Insassen auf engem Raum miteinander klarkommen, Kompromisse finden – sei es beim gemeinsamen Abendessen, beim Putzen oder bei der Wahl des Fernsehprogramms. So sollen sie lernen, sich in einer Gemeinschaft zurechtzufinden.
Die Zimmer unterscheiden sich kaum von den Zellen in Heilbronn. Sie sind klein und nur mit dem Nötigsten eingerichtet. Hier wie dort riecht es nach Tabak. Doch während die Zellen in der Heilbronner Hauptanstalt mit wuchtigen Metalltüren verriegelt werden, sind die Türen hier dünn. Die Gitter vor den Fenstern halten höchstens Vögel und Insekten ab, und der Blick geht nicht auf unüberwindbare Mauern und Stacheldraht, sondern auf Weiden und Reben.
Immer wieder schlängeln sich Autos das unebene Sträßchen zum Hof hinauf. Der Hofladen ist an diesem Tag gut besucht. Bürger aus den umliegenden Orten kaufen Wein, Sekt, Traubensaft und Gemüse, alles bio. Zwei Spaziergänger durchqueren den Hof, die Insassen grüßen. Das Talheimer Rathaus schreibt auf Anfrage, Auseinandersetzungen zwischen Bürgern und Gefangenen seien nicht bekannt. Nur ab und zu riefen besorgte Talheimer an, wenn ein Hubschrauber über den Ort fliege: Ob da wohl jemand ausgebüxt sei? In der Regel ist das nicht der Fall. Im Winter 2017 flohen mal zwei Männer. Zwei Tage später saßen sie wieder in Haft. Die Vorzüge des offenen Vollzugs hatten sich für sie erledigt.
Der Weg in die Freiheit erfolgt auf dem JVA-Weingut schrittweise: Zuerst gibt es Stadtausgänge, anschließend Fahrten zur Familie, erst dann Übernachtungen zu Hause. Wer sich nicht benimmt, muss zurück nach unten. Wer draußen Alkohol trinkt, auch. Jeder Rückkehrer wird getestet. Und wer von einer Lockerungsmaßnahme nicht wiederkommt, hat ohnehin ein Problem. In den vergangenen zehn Jahren gab es laut JVA bei mehr als 3800 Ausgängen vom Hohrainhof nur zwölf solche Nicht-Rückkehrer.
Sie „dürfen“ in Haft bleiben
Grundsätzlich wäre es ein Leichtes, bei der Arbeit zu fliehen. Nicht immer sind Bedienstete im Weinberg dabei. „Es kommt vor, dass die Jungs stundenlang allein draußen sind“, sagt Scholl. „Aber die wissen genau: Wenn sie abhauen, verlieren sie alle Privilegien. Sie stehen ja ohnehin kurz vor der Entlassung. Da zu fliehen, wäre nicht besonders clever.“ Alex und Patrick scheinen das zu wissen. „Wenn wir fleißig sind und keine Scheiße bauen, dürfen wir bleiben“, sagt Alex.
In Haft bleiben zu „dürfen“ – eigentlich doch ein paradoxer Gedanke. Hier oben aber, in der Sommerhitze, inmitten der Reben, wirkt er gar nicht so abwegig. Auch deshalb ist dieser Ort das Ziel vieler Gefangener in Heilbronn.
Dort, im Haupthaus, läuft Carolin Brauner durch die JVA. Die stellvertretende Anstaltsleiterin sperrt schwere Türen auf, hinter ihr krachen sie wieder ins Schloss. Brauners Ziel heißt „Süd III“. „Wir beobachten, dass die Rückfallgefahr geringer ist, wenn Gefangene Schritt für Schritt geöffnet werden und am Ende in den offenen Vollzug kommen – im Vergleich zu denjenigen, die durchgehend im geschlossenen Vollzug bleiben“, sagt sie. Statistisch erhebe die JVA das allerdings nicht. Der erste Schritt ist dabei die Verlegung auf „Süd III“, den einzigen Flur, in dem ein Wohngruppenkonzept gelebt wird wie auf dem Hohrainhof. Die Zelltüren sind offen, die Abteilungstüren zu. Die Gefangenen kochen zusammen, spielen Tischtennis und lernen, ordentlich miteinander um- und aufeinander einzugehen.
Ein sportlicher Mann mit langem, akkurat gestutztem Bart und blauem Kittel fegt dort gerade den Flur. Er wolle unbedingt auf den Hohrainhof, sagt er, „das ist mein einziger Fokus“. Denn hier unten wissen sie genau, was sie oben erwartet: Mal schickt ein Gefangener vom Hof eine Karte nach Heilbronn; mal kommt einer ins Krankenrevier und berichtet. „Die Jungs sind braun gebrannt und motiviert. Solche Begegnungen spornen mich an“, sagt der Insasse. Sein Ziel? Endlich wieder seine Tochter sehen. Der Weg zu diesem Ziel heißt Hohrainhof.
Diesen Zwischenschritt haben Alex und Patrick geschafft. Alex kommt voraussichtlich in ein paar Monaten frei. Patricks Haftstrafe ist länger, er wird wohl noch etwas mehr Wein produzieren. Er wolle einen Ausbildungsplatz finden, sagt er zum Abschied, und sich später selbständig machen. Alex hat da schon konkretere Pläne: Wenn es nach ihm geht, landet er nach der Haft im Weinbau.
