Favoritenstürze am ersten Bundesliga-Spieltag sind keineswegs ungewöhnlich. Eine der schmerzlichsten unter all den Niederlagen der nationalen Fußballgrößen war gewiss die 0:6-Pleite des großen FC Bayern München am 24. August 1974 gegen die Offenbacher Kickers im Frankfurter Waldstadion. Nicht einmal die wenige Wochen zuvor noch gefeierten Weltmeister Sepp Maier, Franz Beckenbauer, Georg Schwarzenbeck, Uli Hoeneß und Gerd Müller hatten sie verhindern können.
So gesehen, reihte sich Bayer 04 Leverkusen am Samstagnachmittag bei der 2:3-Niederlage in Elversberg beim Bundesliga-Aufsteiger lediglich in die Phalanx der auf Anhieb gescheiterten Ligagrößen ein. Was allerdings kein Trost sein dürfte für die Rheinländer, die dem saarländischen Klassenneuling zu Beginn der ersten und der zweiten Halbzeit Tür und Tor geöffnet hatten. Der Weg war danach frei für einen Start-Ziel-Sieg des Aufsteigers, der erst in der Schlussviertelstunde zu spüren bekam, dass auch ein 3:0-Vorsprung schnell aufgezehrt sein kann.
Es reichte am Ende trotz einiger Turbulenzen vor dem eigenen Tor zu einem immer noch spektakulären 3:2-Erfolg für die Saarländer durch die Treffer von Lukas Petkov (8. Minute), Cole Campbell (9.) und – da aller guten Dinge drei sind – auch noch von Mittelstürmer David Mokwa, 25 Sekunden nach dem Anpfiff zur zweiten Hälfte. Es war ein mittelschwerer Schock für den deutschen Meister von 2024, der dabei ist, eine neue Mannschaft zu formieren, die sich in der ausverkauften Stadionbaustelle an der Kaiserlinde zum Vergnügen der 9307 Zuschauer eine Panne nach der anderen leistete. Erst in der Schlussviertelstunde demonstrierte Bayer so etwas wie eigene Klasse, als Patrik Schick per Hacke (77.) und Christian Kofane (90.+1) das Elversberger Festspiel doch noch zur Zitterpartie machten.
Wagner will sich „fußballerisch nicht verstecken“
Dass am Ende das bessere Team die ersten drei Punkte als Erstligaklub verbuchen konnte, war als Signal an die Liga zu verstehen. Auch der FC Bayern, Deutschlands Übermannschaft, die in knapp zwei Wochen in Elversberg zu Gast sein wird, ist gut beraten, die Vehemenz und Furchtlosigkeit der Mannschaft von Trainer Vincent Wagner nicht zu unterschätzen.

Der schien sogar Gefallen daran zu finden, dass der Starterfolg seiner Mannschaft am Ende noch mal in Gefahr geriet. So konnte der vormalige Deutsch- und Sportlehrer sein Lob für die Sieger ohne Überschwang und mit mahnenden Untertönen loswerden. Gegenüber der ARD-„Sportschau“ sagte er: „Der Weg ist noch sehr weit. Man hat auch gesehen, wie schwer es wird in der letzten Viertelstunde. Aber zumindest sind wir beim Start nicht direkt in die Luft geflogen.“ Wagner wusste jedoch auch: „Fußballerisch brauchen wir uns nicht zu verstecken“, sagte er und wiederholte die in ihm längst gereifte Erkenntnis, dass „wir mutig Fußball spielen“ – auch in Liga eins.
Die überfallartigen Attacken zum Beginn der ersten und zweiten Hälfte waren genauso geplant, um die Werkself aus Leverkusen überrumpeln zu können. Mit diesem rasanten Fußball zwischen offensiven Pressingmomenten und sehenswertem Ballbesitzfußball hatte Elversberg in der vorigen Saison bereits die Zweite Bundesliga im Sturm erobert. Als vierter saarländischer Bundesligaverein glückte dem Aufsteiger nun, was dem 1. FC Saarbrücken, Borussia Neunkirchen und dem FC Homburg nie gelang: ein Sieg am ersten Spieltag.
Soll Andrich doch bleiben?
Wer eben erst in die Bundesliga aufgestiegen ist, bleibt immer gut beraten, bodenständig zu bleiben. Das Zeug zu einer kleinen Größe scheint die SVE aus der mit 13.000 Einwohnern kleinsten Bundesligakommune Spiesen-Elversberg aber allemal zu haben. Dazu die Fähigkeit, auch die besten Mannschaften ärgern zu können. Das bestätigte der trotz der schmerzlichen Niederlage höfliche neue Trainer des Verlierers Bayer 04., Carlos Martínez, ein Katalane mit guten Umgangsformen, gratulierte dem Gewinner zu einem „unglaublichen Spiel, das mich nicht überrascht hat. Daraus müssen wir lernen, die Augen aufmachen und es viel besser machen.“
Ganz anders reagierte der Leverkusener Torwart Mark Flekken beim Blick zurück im Zorn auf den über weite Strecken indiskutablen Auftritt seiner Mannschaft. „Mit der Mentalität und der Attitüde, die wir an den Tag gelegt haben, können wir kein Spiel gewinnen“, zürnte der Niederländer über die vielen Schnitzer von gestandenen Größen wie dem neuen Kapitän Edmond Tapsoba, seinem Innenverteidigerkollegen Loïc Badé und dem früheren Star von Real Madrid Lucas Vázquez. Zum Gewinner bei Bayer 04, der gar nicht in Elversberg dabei war, wurde der als Kapitän abgelöste Robert Andrich, von dem es zuletzt hieß, dass er den Verein verlassen könne.
Davon wollte Simon Rolfes, der Sportgeschäftsführer von Bayer 04, am Samstag nichts mehr wissen. Auf die Frage, ob der defensive Abräumer im Mittelfeld und robuste Innenverteidiger bleiben werde, sagte er nur so viel: „Davon gehe ich aus.“
