
Der amerikanische F-35-Jagdbomber gilt als derzeit bestes Kampfflugzeug der Welt. Und Deutschland beschafft nun auch den ersten dieser Flieger. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) ist nach Texas gereist, um bei der Übergabe der Maschine mit dem grauen Luftwaffenanstrich, Eisernem Kreuz und der Kennung 35+01 selbst dabei zu sein.
Es war sein sozialdemokratischer Genosse und früherer Kanzler Olaf Scholz, der Anfang 2022 kurz nach dem russischen Großangriff auf die Ukraine entschied, den größten Posten des Sondervermögens dafür zu investieren. Scholz brüskierte damit Paris und die bayerische Flugzeugindustrie. Jedoch hielt er nach dem jahrelangen Kleinklein um die Beschaffung eines neuen Kampfflugzeugs die Zeit für gekommen, rasch und wirkungsvoll für eine bessere Verteidigung zu sorgen.
Mochte an Seine und Spree noch von einem gemeinsamen Kampfflugzeug geträumt werden und bei Airbus eine gewaltige Lobbymaschine für den (modernisierten) Eurofighter laufen – Scholz war sich seiner Sache damals sicher. Ein amerikanisches Flugzeug im europäischen Verbund sollte es sein. Und wie sich herausstellte, war vor allem die Luftwaffe begeistert, die jahrelang offiziell andere Modellvarianten geprüft hatte. „Warum soll ich einen VW-Passat nehmen, wenn ich jetzt einen Ferrari bekommen kann?“, erwiderte ein früherer Chef der deutschen Luftwaffe, nach dem Sinneswandel gefragt.
35 Maschinen wurden bestellt, aber in Berlin pfeifen die Spatzen bereits von den Dächern, dass der zig Milliarden Auftrag für die US-Rüstungsindustrie noch in diesem Jahr um weitere 15 Flugzeuge wachsen könnte.
Die F-35 kann mehr Bomben mit sich führen als der Eurofighter
Überall dort, wo amerikanische Streitkräfte im Einsatz sind, sorgen die Mehrzweckkampfflugzeuge F-35-Lightning II für Luftüberlegenheit und eine Einsatztiefe, die ihre Gegner fürchten. Neben der herausragenden Tarnkappenqualität, die beim Eindringen des Flugzeugs in einen gegnerischen Luftraum die Aufklärung und Verfolgung extrem erschwert, bietet eine F-35 vor allem breite Möglichkeiten zur Bekämpfung von Zielen in der Luft und am Boden.
Zudem kann sie erheblich mehr Bomben und Raketen mit sich führen als ein Eurofighter der Luftwaffe. Der ist zwar so konzipiert, dass er den 1,4 Tonnen schweren Marschflugkörper Taurus als einzige weitreichende Waffe der Bundeswehr weit in den gegnerischen Luftraum tragen kann. Dabei hat er aber keine besonderen Tarneigenschaften. Jeder Flug gliche also einem Himmelfahrtskommando, jedenfalls im Vergleich mit der fast unsichtbaren F-35. Ein Hinweis auf deren Fähigkeit ist die begründete Annahme, dass es Iran im Verlauf des Krieges mit amerikanischen und israelischen Angreifern seit Februar in keinem einzigen belegten Fall gelungen ist, eine F-35 abzuschießen. Allerdings räumte das Pentagon zuletzt in einem Bericht ein, dass eine F-35 über Iran durch feindliches Feuer beschädigt wurde.
Luftstreitmacht der NATO soll auf 700 europäische F-35 anwachsen
China hat mit der Shenyang J-35 zwar denselben militärischen Ehrgeiz, auch die russische Suchoi Su-57 ist als Tarnkappenflugzeug der fünften Generation konzipiert. Doch hinsichtlich Einsatztauglichkeit und Verbreitung sind die Einsitzer des Herstellers Lockheed Martin aus Texas wohl Spitzenreiter.
Seit dem anfangs holprigen Beginn der Serienproduktion vor rund 15 Jahren haben mehr als 20 Luftwaffen das Flugzeug angeschafft. Darunter sind allein neun europäische Länder, unter anderem Großbritannien, Italien und die Niederlande. Es gibt die F-35 in verschiedenen Varianten, bei der US-Marine sind etwa Modelle im Dienst, die auf Flugzeugträgern landen können, oder auch der F-35B, der senkrecht starten und landen kann. Das Modell für Deutschland ist die F-35A Lightning II Block 4. Diese Version wurde im Kampfwert gesteigert durch ein verändertes Cockpit, erweiterte Fähigkeiten zur elektronischen Kriegsführung und die Integration neuer Raketen und Präzisionswaffen.
Auch die deutschen Nachbarn Polen und Schweiz setzten auf das Mehrzweckkampfflugzeug des amerikanischen Joint-Strike-Fighter-Rüstungsprogramms. Mehr als 250 Stück fliegen bereits in europäischen Luftwaffen und stellen gemeinsam mit den US-Geschwadern eine gewaltige Luftstreitmacht der NATO dar, die in den kommenden Jahren noch auf insgesamt 700 europäische F-35 wachsen soll. Kombiniert geführt und eingesetzt sind sie das überzeugendste Argument der NATO zur Abschreckung eines russischen Angriffs. Abgesehen von erst allmählich wieder wachsenden Land- und Seestreitkräften.
Für Deutschland ist die F-35 noch aus einem anderen Grund von großer bündnispolitischer Bedeutung. Denn anders als alle früheren Bestellvarianten, wie die ältere F-18 und erst recht ein aufgepeppter Eurofighter, besitzen die F-35 die technische Lizenz, Atomwaffen zu tragen. Diese ist unumgänglich, um einen bruchfreien Übergang bei der nuklearen Teilhabe von den bisherigen Tornados zum neuen Modell sicherzustellen.
Die neuen F-35 kommen deswegen nach Büchel, wo angeblich auch die amerikanischen thermonuklearen B61-Gravitationsbomben lagern, also Atombomben, die man abwirft wie einen Stein. Der Erhalt der letzten Tornados – es sind die einzigen, die in Europa noch fliegen – dient vor allem dem Zweck, diese nukleare Teilhabe zumindest formell aufrechtzuerhalten, bis die Nachfolger eintreffen.
Der Vertrag ließ den USA Möglichkeiten für Preisaufschläge
Der Stückpreis der F-35-Flugzeuge ist mittlerweile wegen der hohen Produktion gesunken, die Zeitschrift „Europäische Sicherheit und Technik“ ging vor einiger Zeit von etwa 100 Millionen Dollar aus. Das aber gilt nur für die amerikanischen Modelle und US-Logistik. Deutschland muss für seine ersten F-35 etwa das Zweieinhalbfache bezahlen, das Gesamtpaket beläuft sich nach früheren Angaben des Verteidigungsministeriums auf rund 8,3 Milliarden Euro für 35 Flugzeuge, was rechnerisch einem Systempreis von etwa 237 Millionen Euro pro Flugzeug im Komplettpaket entspräche. Damit ist die F-35 deutlich teurer als der Eurofighter mit einem Stückpreis von geschätzten 150 Millionen.
Die Maschine biete ein einzigartiges Kooperationspotential mit den Partnern in NATO und Europa, sagte die damalige Verteidigungsministerin Christine Lambrecht, die noch im Winter 2022 mehrere Milliarden Abschlagszahlung nach Amerika überweisen ließ. Sie tat das auch, um ihre miserable Bilanz zum 100-Milliarden-Sondervermögen zu schönen, aus dem ansonsten in den Monaten nach der sogenannten Zeitenwende fast nichts abgeflossen war.
Schnell war damals allein der Chef der Luftwaffe im Bundestag unterwegs, Generalleutnant Ingo Gerhartz, der seine Bestellunterlagen viel rascher zusammen hatte als das Heer. Das verschlief den ersten Schwung der Bestelloffensive, bis auf eine Großbestellung für persönliche Ausrüstungsgegenstände der Soldaten – Rücksäcke und Winterjacken unter anderem. Der Preis dafür war eine haarsträubende Vertragsgestaltung, die der US-Industrie alle Möglichkeiten für Preisaufschläge und Sonderforderungen ließ, der deutschen Seite aber selbst den juristischen Klageweg verschloss. Die Gesamtkosten stünden, hieß es seinerzeit im Haushaltsentwurf, „ausdrücklich unter dem Vorbehalt der Anpassung“. Denn, so weiter: „Die endgültigen Preise werden mittels einseitiger Erklärung/Vertragsanpassung durch die U.S. Regierung an Deutschland weitergegeben.“
Unter anderem verlangten die Amerikaner, bereits für den Bauprozess am geplanten Standort Büchel die „physische und informationstechnische Absicherung“ der Flugzeuge zwingend zu berücksichtigen. Die Kosten dafür haben sich seit Vertragsschluss bereits verdreifacht, von anfangs etwa 700 Millionen auf mittlerweile an die zwei Milliarden Euro. Allerdings war die Not bei der Luftwaffe auch besonders groß.
Kritik aus der deutschen Wirtschaft
Dass sich nun aber alle über die F-35 Entscheidung freuen würden, kann man auch nicht behaupten. Insbesondere die Firmen, die am Eurofighter bauen und vor allem in Süddeutschland niedergelassen sind, kritisieren die Entscheidung und werben in jeder Bestellrunde für die eigenen Fortentwicklungen. Der eigene Traum: ein Kampfflugzeug der sechsten Generation – also den Nachfolger für die F-35 – selbst zu bauen. Die Frage sei, so zitierte dieser Tage das „Handelsblatt“ den Luftfahrtfachmann Michael Santo, „wie viele F-35 Deutschland beschaffen kann, ohne dadurch die wirtschaftlichen und technologischen Grundlagen für ein künftig souverän entwickelteres europäisches Kampfflugzeug zu gefährden“.
Die Logik dahinter ist nachvollziehbar: Jeder Euro, der nach Texas geht, kann nicht in europäische Projekte gesteckt werden, sondern vertieft die Abhängigkeit von Amerika. „Europas Luftwaffen brauchen eigene Flügel“, forderte deshalb am Mittwoch der Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie. Insbesondere in Deutschland müsse man „auch künftig Kampfflugzeuge selbst entwickeln, bauen, warten und weiterentwickeln können. Unsere Industrie kann das.“
Die Summen, um die es insgesamt geht, sind gigantisch: Allein seit 2022 hat Deutschland in Amerika Seefernaufklärer, schwere Transporthubschrauber, Patriot-Flugabwehr und F-35 im Wert von mehr als 23 Milliarden Euro bestellt. Hinzu kommen über Jahre und Jahrzehnte Milliarden Euro für Wartungsverträge, Munition und Ersatzteile. Das Geld wird nicht in die europäische Rüstungsindustrie investiert, weil man in Berlin überzeugt ist, dass die Zeit dränge, bis Russland 2029 militärisch in der Lage sein könnte, die NATO herauszufordern. Dass die neuen F-35 für die Luftwaffe bis Mitte 2029 einsatzbereit sein sollen, ist also kein Zufall.
